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Full text of "Der Staat und sein Boden geographisch betrachtet"

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H-» 1 ag.^t 



HARVARD COLLEGE 
LIBRARY 




THB GUT OF 

GEORGE GRAFTON WILSON 

Profesior of Intemadond Law 




DER 

STAAT UND 8EIN BODEN 

GEdGRAPHISCH BETRACHTET. 



VON 



FRIEDRICH RATZEL. 



Des XVn. Bandes der Abhandlangen der philologisch -historischen Clxase 
der Königl. Sächsischen Oesellschaft der Wissenschaften 



N«IV. 

MIT FtlNF KARTENSKIZZEN IM TEXT. 



LEIPZIG 

BEI S. HIRZEL 
1896. 



WiRVARD COLLEGE U3nARr 



Das Manuscript eingeliefert am 14. Februar 1896. 
Der Druck beendet am 15. April 1896. 



DEK 

STAAT UND SEIN BODEN 



VON 



FRIEDRICH RATZEL. 



▲bhftiidl. d. K. S. Geiellaoh. d. Wiasensoh. XIXIX. 



Vorbemerkung. 

Diese vier Abhandlungen aus dein Grenzgebiet der politischen 
Geographie und Sociologie haben den doppelten Zweck, die Grund- 
lage für den Aufbau einer wissenschaftliche^ politischen Geographie 
zu ebnen und einige Beziehungen zwischen dem Boden und dem 
Staat der Menschen aus dem unfruchtbaren Zustand der Verbild- 
lichung herauszuheben. Erfüllen meine Ausführungen ihre Aufgabe, 
dann danke ich das zum guten Theil der persönlichen oder brief- 
lichen Diskussion wichtiger Fragen mit wissenschaftlichen Freunden, 
unter denen ich besondere Erkenntlichkeit schulde den Zoologen 
Otto Bt^TsciiLi in Heidelberg, Richard HERTlnriG in München und Ernst 
ZiEGLBR in Freiburg im Breisgau, den Historikern Karl Lampreght in 
Leipzig und Friedrich Teutsch in Hermannstadt, den Ethnographen 
William H. Dall in Washington (D. C] und J. D. Anutschin in Moskau, 
endlich meinen Schülern und Freunden Dr. Alexander A. Iwanofski 
in Moskau, Dr. Hans Helmolt und Gurt Müller in Leipzig. 

Leipzig im Januar 1896. Friedrich Ratzel. 



In vielen Büchern über politische Geschichte wird die Bedeu- 
tung des Bodens für den Verlauf der Geschichte beachtet, am meisten 
in den der Grösse ihres Gegenstandes würdigsten. Von Thukydides, 
der klare Vorstellungen darüber ausgesprochen hat, reicht bis zu 
MoMMSENs Römischer Geschichte mit ihren tiefen Gedanken über die 
geographischen Grundlagen in den Anfängen und Fortschritten des 
Römischen Reiches eine Kßtte ausgezeichneter Geschichtswerke, zu 
deren Wesen und Vorzuj? die tiefe Erfassung dieses Gegenstandes 
gehört. Es ist aber merkwürdig, dass das durchaus keine Ent- 
wickelungs reihe ist, sondern nur die Wiederaufnahme derselben 

1* 



4 Fribdrich Ratzbl, 

Gedanken, die allerdings ein starker Geist, wie Mommsbn schärfer 
formt und sozusagen monumentaler hinstellt als viele andere, ohne 
aber doch irgend einen davon besser zu begründen, d. h. systema- 
tisch zu behandeln. Es bleiben immer Aphorismen. So oft auch die 
aus der Natur eines Landes herauswirkenden politischen Kräfte gestreift 
worden sind, noch immer werden sie verkannt und missverstanden. 
Am häufigsten sind die extremen Fehler des Uebersehens und der 
Ueberscbätzung. Es käme darauf an, die Nothwendigkeit dieser 
Wirkungen zu begreifen, ohne die Schranken ihrer Bedingtheit zu 
übersehen. Nun liest man Sätze, wie »kraft des Gesetzes, dass das 
zum Staat entwickelte Volk die politisch unmündigen, das civilisirte 
die geistig unmündigen Nachbarn in sich auflöst, das so allgemein 
gültig und so Naturgesetz ist wie das Gesetz der Schwere« oder »Es 
war ein genialer Gedanke, eine grossartige Hoffnung, welche Caesar 
über die Alpen führte: Der Gedanke und die Zuversicht, dort seinen 
Mitbürgern eine neue grenzenlose Heimath zu gewinnen und den 
Staat zum zweiten Mal dadurch zu regenerieren, dass er auf eine 
breitere Basis gestellt ward«. Prüft man sie näher, so bleiben diese 
Gedanken nicht so klar und überzeugend, wie sie auf den ersten 
Blick erschienen. Viele Staaten sind auf eine breitere Basis gestellt 
worden, ohne dass sie das regeneriert hätte, besonders im Alter- 
thum, und der Auflösung der germanischen Barbarei in den civili- 
sierten Römern geht eine Auflösung des römischen Staats und der 
römischen Gesellschaft zur Seite, die den Vorgang mehr wie eine 
wechselseitige Zersetzung erscheinen lässt, in der am Ende das bar- 
barische Element obsiegt. 

Man weiss ganz wohl, was Momiisen will, möchte aber wün- 
schen, dass die hier berührten, höchst wichtigen Prozesse erst ein- 
mal gründlich untersucht worden wären, ehe sie so als gesetzlich 
hingestellt werden. Eben das Gesetzliche in ihnen wäre erst zu 
isolieren, wodurch allein die Umstände erkannt werden können, unter 
denen es wirkt. 

Auch unter einem Ausdruck wie »geschichtliche Nothwendigkeit«, 
dem die Ausdrücke »natürliche Nothwendigkeit des Gebietes« und 
»natürliche Nothwendigkeit des Volkes« bald entgegengesetzt und bald 
zur Seite gestellt werden, verbirgt sich das unbestimmte Gefühl eines 
tieferen Grundes der geschichtlichen Entwicklung. Man erkennt wohl 



Der Staat und sein Boden. 5 

die feste Richtung, in der eine Entwickelung sich bewegt, die durch 
kleinere Einwirkungen nicht verändert werden kann, aber man um- 
grenzt nicht sicher die Ursache, deren geographische Natur man 
nur ahnt. Alle diese grossen ahnungsvollen Worte verhüllen mehr 
als sie erklären. Die beste Yergleichung leitet eigentlich immer von 
der Wahrheit ab oder lässt uns dieselbe höchstens vielleicht auf 
einem Umweg erreichen. Man prüfe den Werth des so oft wie- 
derholten Bildes von der »Gravitation« der Staaten und Völker, 
wofür Dboysen »Ponderation der Mächte« zu setzen pflegte. Hat es 
zur Einsicht in die unzweifelhaft wirksamen politischen Anziehungs- 
kräfte beigetragen? Man muss der Wahrheit die Ehre geben: es 
hat uns nicht einmal das Problem fest hingestellt. 

Woran liegt das Verharren der Erkenntniss dieses Gesetzlichen 
im Zustand der Ahnung oder Vermuthung? Warum kein Fortschritt 
zu lieferer Erfassung? Zu einem Gesetz gehört doch auch immer 
die Formulierung, sonst bleibt es eben Ahnung, Vermuthung. 

Die Thatsache, dass es sich um Beziehungen zwischen Volk 
und Boden handelt, lenkt den Blick nach der geographischen Seite. 
Da die Geschichtschreiber es nicht an Bemühungen haben fehlen 
lassen, den Gang der geschichtlichen Bewegungen zu verfolgen, 
deren Träger irgend ein Volk war, so kann es doch wohl nur an der 
Geographie fehlen, die zwar die Ergebnisse dieser Bewegungen in 
Karten und Büchern seit Jahrhunderten verzeichnet und darin eben- 
falls eine grosse Genauigkeit mit Hilfe der Kartographie und Statistik 
erreicht hat, aber nicht genügende Aufmerksamkeit solchen Fragen 
zugewendet hat, wie wir in den beiden oben angeführten Sätzen 
MomisBNs berührt finden. Wenn wir sagen, der erste Satz stellt 
uns vor das Problem des räumlichen Aufeinanderwirkens entwickel- 
terer und weniger entwickelter Staaten und der zweite vor das der 
Einwirkung einer grossen Raumerweiterung auf das Leben eines 
Staates oder Volkes, so sind wir auch gleich zu dem Geständniss 
gezwungen, dass uns die Abschnitte einer Allgemeinen Pohtischen Geo- 
graphie noch fehlen, in denen diese Probleme behandelt sein sollten. 
In den Staatenbeschreibungen, die die Politische Geographie jetzt zu 
einem hohen Grade von Vollständigkeit und Genauigkeit gehoben hat, 
werden Boden und Volk streng auseinander gehalten, weil ihre 
Trennung der auf Sonderung und klare Auseinanderlegung bedachten 



6 Friedrich Ratzel, 

beschreibenden Wissenschaft die Arbeit erleichtert. Nun liegt aber 
gerade in ihrer Verbindung zu einem an und von der Erdoberfläche 
lebenden Organismus der Grund jener Lebenserscheinungen, für deren 
Verständniss mir also die Staatenbeschreibung ebenso wenig nützt, 
wie die topographische Anatomie des Menschen für das des mensch- 
lichen Lebens. Die Staatswissenschaft geht allerdings von der Zu- 
sammengehörigkeit aus. Sie sagt: Das Gebiet gehört zum Wesen 
des Staates; ein Staat ohne Gebiet ist undenkbar; das Ländergebiet, 
in dem er mit oberster Macht herrscht, ist die nothwendige Grund- 
lage der Existenz des Staates. Aber nachdem sie diese Verbindung 
statuiert hat, zergliedert sie den Staat, wie etwas todtes, schildert 
ihn wie ein Skelet und behandelt seine praktisch so wichtigen Wachs- 
ihums- und Rückgangserscheinungen wie wenn von einem Landgut 
hier ein Stück abgeschnitten und dort eines angesetzt wird. Das 
ist der Schreck vor dem Leben, der durch alle beschreibende, 
systematische und klassifikatorische Wissenschaft geht. In der Natur- 
geschichte hat man die bezeichnenden Namen Museumszoologie und 
Herbariumsbotanik; das ist in der Lehre vom Staat die Methode, vom 
Horror vitae diktiert, den Staat erst von seiner Grundlage zu lösen, 
und ihn zu studieren, nachdem man ihm so das Leben ausgetrieben 
hat. Da kann es kommen, dass man selbst so wichtige Organe wie 
die Grenze, nur als Linien oder Wände begreift, statt als die leben- 
erfüllten Werkzeuge einer der grossartigsten Lebenserscheinungen, 
die die Erde kennt. Ich weiss wohl, dass seit den Naturphilosophen 
gegen diese ertödtende Auffassung oft und energisch protestiert wor- 
den ist, suche aber vergebens in der Politischen Geographie die 
Flüchte der von Oken verkündeten Lehre, dass das Gemeinwesen 
der Menschen seiner Grundform nach nicht verschieden von denen 
der sogenannten Naturreiche sei. Man wird sie nicht eher ernten, 
als bis man die Auffassung des Staates als eines grossen, an die 
Erdoberfläche gebundenen und von ihr abhängigen Organismus in 
alle geographischen Betrachtungen und Darstellungen des Staates 
überträgt und keine seiner Eigenschaften anders auffasst denn als 
die eines lebendigen Körpers. 

Von aussen her ist nun in diese Probleme kein Licht zu bringen. 
Selbst die Beschreibung macht nur unwesentliche, äusserliche Fort- 
schritte, wenn nicht die ganze Auffassung ihrer Gegenstände von innen 



Der Staat und sein Boden. 7 

» 

heraus verändert wird. Soviel für die Politische Geographie gethan wer- 
den kann durch sorgfältige und genaue Verzeichnung und Beschreibung 
der Staaten und Völker, ist geschehen. Ein tieferes Eindringen ist 
nur möglich durch das Studium am lebendigen Staatskörper. Man 
kann die Grenze noch so genau beschreiben und äusmessen, ihre 
wahre Bedeutung für den Staat und die Bedeutung jedes ihrer Theile 
wird man doch erst gewinnen, wenn man sie als ein peripherisches 
Organ des Staatsorganismus auffasst. Der Flächenraum kann noch 
so genau bestimmt werden, seinen Werth für den Sfaat lehrt doch 
nur die vergleichende Betrachtung des Raumes im wachsenden und 
zerfallenden Staat, im Staat der Naturvölker und im modernsten 
Culturstaat. Diese Betrachtungsweise allein führt endlich zur Er- 
kenntniss der Gesetze der Entwickelung und des Lebens der Staa- 
ten. Betonen wir, dass dabei Leben nie ohne Boden zu denken 
ist, so richten wir uns damit gegen eine weitverbreitete, aber an Er- 
folg nicht reiche Auffassung, aus der heraus Herbert Spencer die For-^ 
derung stellt, das Studium der Physiologie dem der Sociologie voran- 
gehen zu lassen. Carey setzt ihr die Erwägung entgegen : Der wirkliche 
Mensch wird im Schooss der Gesellschaft entwickelt, also sollte sein 
Studium dem des Gesellschaflskörpers folgen. Mit wie viel mehr Recht 
ist das Zurückgehen der Sociologie und politischen Geographie auf 
den Boden zu fordern, auf und von dem Gesellschaft und Staat leben ! 
Die Spuren dieser Auffassung muss auch schon die Beschreibung 
zeigen, die die Forschung vorzubereiten hat. Die Beschreibung eines 
lebendigen Körpers wird nämlich besonders in zwei Richtungen von 
der eines starren abweichen. Sie wird jenen als im Moment ruhend, 
aber doch mit den Zeugnissen oder Merkmalen der Bewegung dar- 
stellen. Dieser Forderung wird meist nur äusserlich dadurch genügt, 
dass die geschichtliche Vergangenheit in ihren Hauptzügen skizzirt 
wird. Und sie wird bei jedem Theil, den sie etwa einzeln beschreibt, 
das Ganze vor Augen haben und desswegen die Vollständigkeit an- 
streben, denn im Wesen des Organismus liegt es, dass er ein Ganzes 
ist. Eine Staatenbeschreibung ist vor allem unvollständig, wenn sie 
nicht die für das Leben wichtigen Theile genau und mit Bezug auf 
ihre Thätigkeit schildert. Dabei muss sie aber nicht bloss die con- 
ventionell als beachtenswerth angesehenen, vsrie Flächenraum, Bevöl- 
kerung, Lage und Grenzen berücksichtigen, sondern auch die innere 



8 Fribdrigh Ratzel, 

Gliederung und die von ausserhalb der Grenzen herüberwirkenden 
Einflüsse. Nicht zuletzt gehören dazu die Verlheilung der ethnischen, 
culturlichen und wirthschafllichen Gruppen in dem Staate und in der 
Sphäre um ihn her, mit der er in Wechselwirkung steht. 



I. 

Der StaAt als bodenständiger Organismus. 

Berechtigung der Auffassung des Staates als Organismus. 

Die Auffassung des Staates als Organismus ist alt; sie geht bis 
auf Plato und Aristoteles zurück. Sie hat aber keine Entwickelung 
durchgemacht, die ihrem Alter entspricht. Auch sie ist in dem Jugend- 
zustand des Bildes stehen geblieben, den soviele politisch-geogra- 
phische Gedanken nie überwunden haben. Man nannte den Staat 
einen Organismus und war mit dem Vergleich zufrieden. Es trat 
der von Herbert Spencer treffend geschilderte Fall ein: Ein Bild, das 
zur Bezeichnung einer wirklichen Aehnlichkeit gebraucht wird, erweckt 
den Verdacht, dass es sich nur um eine eingebildete handle, und so 
wird die Auffassung einer tieferen Verwandtschaft verdunkelt^). 
Noch in der staatswissenschaftlichen Litteratur der letzten Jahr- 
zehnte giebt es Beispiele für dieses genügsame Verweilen beim 
Bilde ^. Ja, sogar in den Versuchen, den Begriff des politischen 
Organismus zu vertiefen, bei Denkern, wie Sghäffle oder Carry, 
die von der Wirklichkeit des organischen Charakters der Gesell- 
schaft und des Staates überzeugt sind, bleiben doch wichtige Eigen- 
schaften des politischen Organismus darum verborgen, weil ihr 
ganzes Bestreben sich allzusehr auf die Entdeckung pflanzlicher, 
thierischer oder einzelmenschUcher Analogien richtet. So bleibt aber 
die Aufgabe ungelöst. Das Eigenthümlichste der politischen Orga- 
nismen wird nicht durch die Entdeckung einer Analogie erkannt. 
Die Analogie gehört noch zum ästhetischen Theil des Denkens und 
Darstellens; es ist etwas Spielendes in ihr, so gedankenzeugend sie 
auch wirken kann. Das wäre ein Schritt zur Erkenntniss nur, wenn 
gleich der zweite darauf folgte. Und dieser müsste mit der Frage 



Der Staat »nd sein Boden. 9 

gethan werden: Welcher Art von Organismus gehört der Staat zu? 
Zwei neue Wege der Forschung würden sich nun aufthun, der 
eine sich richtend auf die eigenthümiichen Beziehungen dieses Orga- 
nismus zu seinem Boden und seine merkwürdige Entwicklung auf umd 
mit diesem Boden, und der andere auf die weiterführende Frage: 
Ist der Staat der Menschen ein vollkommener oder unvollkommener 
Organismus? Auch ohne alles weitere Fortschreiten in die Tiefen 
des Problems wäre damit der grosse Vortheil gewonnen, dass die 
nothwendige Beschränktheit dieses Vergleiches zwischen Staat und 
Organismus erkannt und dem Staat die Sphäre gewahrt würde, wo 
er nicht mehr Organismus sein kann. 

Unter allen Sociologen hat Herbert Spencer den Vergleich einer mensch- 
lichen Gesellschaft mit einem Organismus am weitesten geführt. Die orga- 
nische Auffassung tritt in den verschiedensten Theilen der Principien der 
Sociologie hervor und ihr ist der ganze zweite Theil des ersten Bandes 
gewidmet 3). Eine Anzahl der wesentlichsten Eigenschaften ist hier zum 
ersten Mal klar bezeichnet. Dazu gehört besonders das organische Wachs- 
thum und die eigenthümliche Zusammensetzung der Gesellschaft aus selb- 
ständigen Einzelwesen. Sowie aber der Vergleich ins Besondere geht, zeigt 
sich, dass auch dieser Denker den geschlossenen, mehr oder weniger hoch 
entwickelten Pflanzen- oder Thierorganismus im Sinne hat. So wenn er 
das Wachsthum eines gesellschaftlichen Organismus durch Wanderung aus 
einem andern gesellschaftlichen Organismus in seinen biologischen Beispielen 
nicht finden kann. Oder noch mehr, wenn er das Wachsthum der Straktur 
mit dem Wachsthum der Hasse, wie im hochentwickelten Organismus auch 
im Organismus der Gesellschaft erscheinen lüsst, was sich natürlich nur auf 
die geistige Seite des Staates beziehen kann, die für uns aus diesem Ver- 
gleiche ausscheidet. In dieser Beziehung geht Sghäffle gewiss tiefer, wenn 
er gerade hier das Ende der Analogie des Organismus sieht ^). 

Unter Thieren und Pflanzen ist der Organismus am vollkommen- 
sten, in dem die Glieder dem Dienst des Ganzen die grössten Opfer 
an Selbständigkeit zu bringen haben. Mit diesem Maasse gemessen, 
ist der Staat der Menschen ein äusserst unvollkommener Organismus, 
denn seine Glieder bewahren sich eine Selbständigkeit, wie sie schon 
bei niederen Pflanzen und Thieren nicht mehr vorkommt. Es gibt 
Algen und Schwämme, die als organisirte Wesen ebenso hoch stehen 
wie der Staat der Menschen. Hier läge ein Angriffspunkt für die 
Gegner der organischen Auffassung, der noch auszunützen wäre. Es 
würde sich allerdings bald ergeben, dass die klassische Bezeichnung 
des Staates als Mensch und des Menschen als Staat irreführt. Was 



4 Friedrich Ratzel, 

diese als Organismus so unvollkommene Vereinigung von Menschen, 
die wir Staat nennen, zu so gewaltigen, einzigen Leistungen beföhigt, 
das ist eben das von Schäffle so stark betonte Eigenartige, dass es 
ein geistiger und sittlicher Organismus ist. Der geistige Zusammen- 
hang tritt in die Lücke der thierischen Organisation und darauf passt 
allerdings dann kein biologischer Vergleich mehr. Was den Orga- 
nismus geistig führt und leitet, das ist eben das über die Welt der 
übrigen Organismen hinausliegende. Es ist aber ganz begreiflich, 
dass die Biologen, die sich mit der organischen Natur des Staates 
beschäftigen, gerade für die morphologischen und biogeographischen 
Eigenthümlichkeiten des politischen Organismus ein schärferes Auge 
haben^). Steht ihnen doch die unendliche Mannigfaltigkeit der pflanz- 
lichen und thierischen Organismen zu Gebote, in der sie leichter für 
die Besonderheiten des Staates der Menschen das Vergleichsmaterial 
finden werden, als die Sociologen, die nur diesen einen Organismus 
genau kennen. Sie werden sofort den aggregatartigen Charakter 
des Staates der Menschen, und zugleich aber seine starke Centrali- 
sation hervorheben. Sie würden ihn vielleicht als einen Aggregat- 
Organismus mit ungewöhnlich stark entwickeltem Centralorgan be- 
zeichnen. Für den Zoologen ist ja der Staat nur eine von den 
Formen der Beziehungen zwischen Individuen derselben Art, aus- 
gezeichnet vor anderen durch den geringeren Grad wechselseiliger 
Abhängigkeit. Wo er keinen körperlichen Zusammenhang sieht, wird 
er den räumlichen durch die gemeinsame Lebensgrundlage gegebenen 
um so stärker betonen. Auch wird er die in der Bildung der Thier- 
staaten entscheidenden Motive des Geschlechtslebens zwar im Keim 
des Staates, dem Hausstand, nicht aber im entwickelten Staate finden. 
Und wenn auf den ersten Blick der Ursprung des Vergleiches zwischen 
Staat und Organismus in der Vereinigung einer Anzahl von Einzelorga- 
nismen zu gemeinsamen Leistungen liegt, die an die Einzelnen und 
Gruppen nach dem Gesetz der Arbeitstheilung vertheilt sind und diffe- 
renzierend auf sie wirken , so ergiebt sich doch bald ein grosser 
tiefgehender Unterschied in der Art dieser Differenzierung, die in der 
organischen Grundlage des Staates vom Boden, in der geistigen Orga- 
nisation des Staates aber von der Vertheilung und Richtung der 
Funktionen abhängt. 



Der Staat und sbin Boden. 1 I 

Die Elemente des staatlichen Organismus. 

Nicht der einzelne Mensch, sondern der Hausstand gewähr- 
leistet die wichtigste aller Eigenschaften des Staates, die Dauer. 
Mit dieser ist die Ausbreitung mit gleichartigen Eigenschaften über 
ein weites Gebiet hin eng verknüpft, d. h. mit dem zeitlichen der 
räumliche Zusammenhang. Im Hausstand erneuern sich ununter- 
brochen die Generationen, von hier geht die Möglichkeit aus, im 
Staat die Erwerbungen und Erfahrungen der aufeinanderfolgenden 
Geschlechter anzusammeln und seine Träger nicht nur zu erneuem 
sondern auch zu vermehren. Für die Entwickelung des Staates ist 
die Sicherstellung seiner Dauer im Hausstand die Lebensfrage. Ob 
dieser nun monogamisch oder polygamisch, ob auf Einzel- oder 
Stammesbesitz begründet ist, ändert daran nichts. Man wird vom 
Staat der Menschen nicht sagen wie vom Thierstaat, dass der Aus- 
gangspunkt für die Staatenbildung das Greschlechtsleben sei. In dieser 
Beziehung ist vielmehr der Thierstaat nur in Parallele zu setzen mit* 
dem Hausstand der Menschen. Denn auch im Thierstaat stehen der 
Geschlechtstrieb und der Trieb der Sorge für die junge Brut im 
Vordergrund. Alle Insektenstaaten sind auf der letzteren aufgebaut. 
Aber im menschlichen Staat sind diese Sorgen dem Hausstand zu- 
gewiesen und der Staat hat mit ihnen nur auf jenen untersten, weit 
zurückliegenden Stufen zu thun, wo er mit dem Hausstand zusammen- 
fällt. Nur hier ist die Uebereinstimmung mit dem Thierstaat deutlich, 
allerdings immer nur im Rahmen des Aggregat-Organismus, dessen 
Glieder sich auch den Zwecken der Fortpflanzung gegenüber selb- 
ständig erhalten. 

In dieser Beschaffenheit des staatlichen Organismus liegt die 
grosse Bedeutung der Einzel menschen, deren natürliche Ueber- 
einstimmung über alle Unterschiede der Hausstände und sonstigen 
Gruppen sich geltend und alle diese Abgliederungen ähnlich macht, 
aus allem Zerfall und allen Verwandlungen ähnliche wieder hervorruft. 
Die Menschen gehen aus einem Theile des Landes in andere Theile 
über und vertauschen eine Leistung für den Staat mit der anderen. 
Nur die Bodenunterschiede, aus denen verschiedenartige Beziehungen 
zu den Bewohnern entstehen, erzeugen durch Abstufungen der Lage, 
Zusammendrängung und Verbindung etwas, was mit Organbildung 



12 Fribdrigh Ratzbl, 

verglichen werden könnte. So kommt es, dass man sich in der 
geographischen Beschreibung eines Landes viel leichter der Verglei- 
chung mit einem Organsystem bedient, von peripherischen und 
centralen Provinzen und dergleichen spricht als in einer ethnogra- 
phischen Darstellung. 

Ruht der Staat auf der organischen Verbindung der Menschen 
mit dem Boden, so ist damit doch mehr als seine Grundlage ge- 
geben. Seine Grösse und Gestalt, wie sie durch die Grenzen be- 
stimmt sind, gehen allerdings nicht aus dieser Grundlage hervor, 
sondern werden in sie hineingetragen, aber nicht ohne von Anfang 
an den Einfluss der Unterlage zu erfahren. ReUgiöse und nationale 
Motive, geschichtliche Erinnerungen und nicht zum wenigsten der 
mächtige Wille eines Einzelnen wirken staatenbildend. Leitende Ge- 
danken bemächtigen sich der Geister und lenken den Willen aller 
der Einzelmenschen eines bestimmten Gebietes; und soweit nun 
diese leitenden Gedanken reichen, reicht auch der Staat. Hat er 
'sich aber einmal seine Grenze gezogen, dann sind die Vorgänge 
der Abschliessung, der Ausbreitung, des Austausches an dieser 
Grenze und über diese Grenze genau wie in der Peripherie eines 
zusammengesetzten Organismus. Und so ist denn in allen Lebens- 
äusserungen des Staates der geistige Zusammenhang aus der körperli- 
chen Grundlage heraus wirksam und dadurch ist der Organismus im 
Staat eine Wirklichkeit ebenso gut wie die geistige Gemeinschaft es 
ist. Allein in diesem Sinne, aber nur in diesem, hat auch der alte 
Doppelvergleich: Der Mensch ein Staat, der Staat ein Mensch noch 
eine gewisse Berechtigung. Dass in das Geistige des Staates von 
dieser organischen und Bodengrundlage sehr viel eingeht, zeigt die 
ganze Staatenentwickelung. Es giebt eine kleinräumige Auffassung 
des Staates, die auf engen Flächen gedeiht, und eine grossräumige, 
die in weiten Ländern heimisch ist. Selbst in die innerafrikanischen 
Kleinstaaten wird das räumliche Wachsthum von aussen herein durch 
fremde Eroberer mit grossen Raumgedanken getragen und die grössten 
afrikanischen Staaten waren (vor der Zeit der europäischen Kolonien 
auf afrikanischem Boden) Gründungen von grossräumigen Steppen- 
bewohnern auf dem engeren Boden der Ackerbauer. So schöpfen 
die Amerikaner aus ihrem weiten, kaum bewältigten Erdtheil eine 
Auffassung von politischen Räumen die grösser ist, als die euro- 



Der Staat und sein Boden. 13 

päische und in Europa wohnt eine grössere Auffassung im Osten als 
im Westen. Der Raum in diesem Sinn geht in den Geist der Völker 
über und wirkt ganz losgelöst von den örtlichen Bedingungen als 
»Raum an sich« und »politischer Raumsinn« in Einzelnen und in 
ganzen Völkern. Ebenso geht die Lage und gehen andere natür- 
liche Eigenthümlichkeiten in den Geist des Volkes über, das unter 
ihrem Einflüsse sich entwickelt. 

Den Thierstaaten und -Gesellschaften ist die engere Beziehung zum Bo- 
den durchaus nicht fremd und zwar in Formen, die lehrreich für das 
Verstandniss der menschlichen Staaten sind. Einmal bilden bei Bibern, 
Murmelthieren und ahnlichen diejenigen Thiere eine Gesellschaft, deren 
Baue beisammen liegen. Ein mehr oder weniger grosses Gebiet empfangt 
dadurch einen besonderen Charakter. Der Termitenbau gehört ja selbst 
im topographischen Sinn so gut zur Erdoberfläche wie die Mauern und 
Thttrme einer Stadt. In anderer Weise erinnert an den territorialen Staat 
die Herrschaft über ein Gebiet, wie sie einzelne Raubthiere beanspruchen, 
die ihre wettbewerbenden Artgenossen aus einem bestimmten Baume ver- 
treiben. Das finden wir nicht nur bei Einzelnen, sondern auch bei Gesell- 
schaften. So schreibt Brbbm: Die meisten Aflen schlagen sich in Banden 
zusammen; von diesen erwählt sich jede einzelne ihren festen Wohnsitz, 
welcher grösseren oder geringeren Umfang haben kann. Von ihm aus wer- 
den dann Raubzüge nach Früchten in Gärten und Feldern unternommen. Dass 
diese festen Wohnplatze mit Rücksicht auf den Schutz gewählt werden, den 
sie gewähren, vermehrt noch die Aehnlichkeit der ganzen Einrichtung mit 
der Grundlage des territorialen Staates, besonders wenn wir Geschlecht auf 
Geschlecht von diesen selben Stätten aus dieselben Gebiete ausbeuten sehen. 

Die Grenze des Organismus im Staat. 

Auch die Entwickelung des Staates ist einmal die Einwurzelung 
durch die Arbeit der Einzelnen und der Gesammtheit auf dem ge- 
meinsamen Boden und dann die Herausbildung der geistigen Zu- 
sammenfassung aller Bewohner mit dem Boden auf ein gemeinsames 
Ziel hin. Jene ist die Entwickelung des Organismus, dieses die der ihn 
leitenden geistigen Kräfte. In dem kleinen Dorfstaat der Neger der 
auf einer gerade für Anbau und Schutz eben genügenden Fläche sich 
behauptet, über die er ohne äusseren Anstoss sich nicht hinaus verbrei- 
tet, ist fast nur das organische Wachsthum thütig. Sobald durch den 
EinQuss eines mit Zauberkräften oder expansiver Energie ausgestat- 
teten Häuptlings oder durch die ausgreifende Handelsthätigkeit der 
Eingeborenen dieser Staat wächst, der einer Keimzelle glich, kora- 



4 4 Friedrich Ratzsl, 

men die geistigen Kräfte in zunehmendem Maasse in Wirksamkeit. 
So passt also die Definition des Staates als Organismus mehr auf die 
primitiven als auf die fortgeschrittenen Staaten. Je höher ein Staat 
entwickelt ist, desto weiter ist er von einem Organismus entfernt, 
denn seine ganze Entwickelung ist ja ein Herauswachsen aus der 
organischen Grundlage. 

Hat man einmal gefunden, dass der Staat als Organismus neben anderen 
Organismen höchst unvollkommen ist und dass erst die geistigen und sitt- 
lichen Mächte, die ihn durchwalten, diese Unvollkommenheit aufheben, dann 
wird man die Kritik nicht auf die Erkenntniss eines Organismus im Staat 
an und fUr sich, sondern vielmehr auf die Grenze des Organismus im Staate 
richten. Von einer solchen Kritik ist nun allerdings nur eine Vermuthung 
zu finden in der eingehenden Prüfung der Anwendung der Biologie auf die 
Gesellschafts- und Staatslehre, die Mengbr in einem besonderen Kapitel sei- 
ner Untersuchungen über die Methode der Staatswissenschaft ^] anstellt. Wohl 
weist sie darauf hin, dass nur ein Theil der Socialerscheinungen eine Ana- 
logie mit den natürlichen Organismen aufweist. Wenn sie aber weiter sagt, 
die Analogie sei da, wo sie vorkommt, nicht vollständig, so trifft das eben nicht 
die Grundthatsache, dass der Mensch als organisches Wesen sich zu organi- 
schen Aggregaten sammelt und zu organisirten Gesellschaften und Staaten 
entwickelt. Garet war der Erkenntniss schon viel früher nahegekommen, dass 
die Vollkommenheit des Staates mit seiner Unvollkommenheit als Organismus 
eng zusammenhänge. Für ihn ist ja die Anziehungskraft örtlicher Mittel- 
punkte die grosse Bedingung der Gesundheit der Staaten. »Was dezentrali- 
sierend wirkt, was die Schaffung örtlicher Verwendung von Zeit und Talent 
begünstigt, giebt dem Land Werth, befördert seine Theilung und befähigt 
die Glieder der Familien engere Berührung zu bewahren a. "^j Sein Vergleich 
grösserer Gemeinschaften mit Planetensystemen, in denen diese lokale An- 
ziehung der anziehenden Kraft eines Centralkörpers untergeordnet ist, kann 
nur als Bild angenommen werden, wenn er ihm auch einen höheren Bang 
zuweisen will. Sein Schluss: »Je vollständiger die örtliche Anziehung der des 
Mittelpunktes das Gleichgewicht hält, d. h. je mehr die Gesellschaft sich den 
Gesetzen anpasst, die unsere Weltsysteme regieren, desto harmonischer muss 
die Thätigkeit aller Theile sein«, ist nur eine ganz allgemeine Wahrheit. 
Mit diesem Bilde hat schon der weitere Schluss nichts zu thun: Je voll- 
kommener die Organisation der Gesellschaft und je grösser die Verschieden- 
artigkeit der Anforderungen an die Uebung der Geistes- und Körperkräfte, 
desto höher wird sich der Mensch als ein Ganzes erheben und desto scharfer 
werden die Gegensätze unter den Menschen werden. Die Weltsysteme sind 
unendlich einfach im Vergleich mit dieser höchst differenzierten Gesellschaft. 
Der Vergleich reicht nur bis zum inneren Gleichgewicht und es ist wunder- 
bar, dass Carey vom Organismus des Staates zum Planetensystem übergeht, 
ohne zu betonen, dass in diesem Vergleiche eben die Unvollkommenheit des 
Staates als Organismus offen liegt. 



Dbr Staat und sein Boden. 4 5 

Organismus ist auch für Sghäffle nur die relativ beste alier bild- 
lichen Bezeichnungen des Staatesc.^) Ein Stützpunkt der Staatslehre 
kann aber nach seiner Auffassung dieser Vergleich nicht werden. Man 
wird ihm Recht geben müssen, wenn er sagt, der Staat sei nicht Erschei- 
nung des organischen, sondern des neuartigen socialen Lebens. Sicherlich 
erschöpft die Bezeielinung »Organismusa nicht das ganze Wesen des Staates. 
Aber so wie es nicht die göttliche Seele des Menschen läugnen heisst wenn 
man sagt, der Mensch sei ein organisches Wesen, so ist mit der Bezeichnung 
Organismus des Staates nicht ausgeschlossen, dass der Staat ein sittlicher 
Organismus seu Dass dieses Bild die Vorstellung erwecken kann, es wolle 
Höheres aus dem Niederen gedeutet werden, bildet kein Hinderniss. Theil- 
auffassungen sind für die Erkenntniss unentbehrlich, kein Problem wird 
gleich in seiner Ganzheit bewältigt. So ist auch unsere geographische Auf- 
fassung des Staates unvollständig, aber sie ist es mit dem Bewusstsein, sich 
auf das beschränken zu müssen, was am Staat geographisch ist. Für uns 
bedeutet daher der Organismus des Staates mehr als ein Bild, nämlich eine 
mit allen Mitteln der geographischen Wissenschaft und Kunst erforschbare 
und darstellbare Thatsache. Auch in Herbert Spencers langen Kapiteln über 
die Üebereinstimmungen zwischen »body politica, »political Organization« und 
dgl. und einem Organismus und die daraus entfliessende Nothwendigkeit 
sich zum Studium der sozialen Organisation durch das Studium individueller 
Organismen vorzubereiten, findet man nur ein Schema von sozialer Organi- 
sation. Es muthet uns wie ein leeres Balkengerüst an, aus dem wir keinen 
Thurm hervorwachsen sehen. Die specifischen Eigenschaften der Organismen, 
die durch die Verbindung grösserer Menschenzahlen auf einem gemeinsamen 
Raum und zu einem gemeinsamen Zweck entstehen, studiert dieser Philo- 
soph so wenig wie irgend einer seiner Vorgänger. Man kann sich keinen 
treffenderen Beleg denken für Spencers Haften an Abstraktionen und für die 
Verwechselung des warmen Lebens mit starren Systemen und Abrissen als 
dieses Uebersehen einer so wesentlichen Eigenschaft der staatlichen Orga- 
nismen, wie es das Haften am Boden ist. Es ist doch gerade als wenn 
Jemand ein Korallenriff beschriebe und vergässe dabei, dass die Korallen- 
thierchen durch ihre Kalkgehäuse mit einander und mit dem Boden zu einem 
Ganzen verbunden sind, einem Riff oder einer Insel, das etwas Neues ist 
und doch nur aus den alten Elementen besteht. Es ist sehr bezeichnend für das 
vollkommene Fehlen der geographischen Auffassung bei Spencer, dass er als 
ein mögliches Argument für die organische Natur der Gesellschaft den engen 
Zusammenhag der Menschen mit ihren Hausthieren und Gulturpflanzen zu- 
lässt, um den Gegner zu widerlegen, der die enge Vereinigung der Einzel- 
wesen im thierischen oder pflanzlichen Organismus der Zusammenhangslosig- 
keit der Einzelwesen der menschlichen Gesellschaft gegenüberstellt. Der 
zusammenhängende Körper eines Thieres bestehe nie durchaus aus lebendigen 
Einzelwesen, sondern immer zu einem grossen Theile aus diflFerenzirten 
Theilen, die durch die lebendigen gebildet, aber mit der Zeit halb lebendig 
oder unlebendig geworden seien. Aehnlich könne man die menschlichen 
Wesen mit diesen ihnen gesellten thierischen und pflanzlichen zusammen- 



16 FniBDRiGH Ratzel, 

fassen, die denselben Boden wie die menschliche Gesellschaft bewohnen. 
£s entstehe daraus ein Aggregat, dessen Zusammenhang (Gontinuitätj dem eines 
individuellen Organismus näherkomme. Wie künstlich! Spencer widmet sehr 
viel Aufmerksamkeit den allgemeinen organischen Eigenschaften der mensch- 
lichen Gesellschaften und Staaten. Als solche beschreibt er die wechselseitige 
Abhängigkeit der Theile, den Austausch zwischen ihnen und die Theilung der 
Arbeit. Dann geht er sogleich zum Studium der Einzelmenschen ttber, die mit 
den Gesetzen der Veränderlichkeit und Vererbung, der Vermehrung im Ver- 
hältniss zu den Nahrungsmitteln, des Ueberlebens des Passendsten in die 
Gesellschaft und den Staat eintreten. Daher sind diese denselben Gesetzen 
unterworfen. Wenn man aber glaubt, das biologische Grundgesetz der 
Anpassung jeder Art von Organismus an seine Daseinsbedingungen werde 
endlich auf die Beziehungen der politischen Organisationen zu ihrem Boden 
führen, so täuscht man sich. Spencbr streift nur die natürlichen Daseins- 
bedingungen, um zu den sozialen überzugehen, die er allein eingebend be- 
trachtet, wie denn seine ganze Darlegung die staatlichen Organismen hinter 
den gesellschaftlichen zurücktreten lässt. 

Die Bedeutung des Bodens für die organische Auffassung 
des Staates und die nothwendigen Schranken dieser Auf- 
fassung. 

Wenn so viele Versuche, wissenschafllich an den Staat als Organis- 
mus heranzukommen, so wenig Früchte getragen haben, so liegt die 
Hauptursache in der Beschränkung der Betrachtung auf die Analogien 
zwischen einem Aggregate von Menschen und dem Bau eines organi- 
schen Wesens, das als Organismus hoch über dem Staat der Menschen 
steht. Alles was sich in jenem Aggregat auf die wechselseitige 
Abhängigkeit der Einzelnen von einander und auf den Austausch 
und Verkehr zwischen ihnen bezieht, tritt dabei in die vordere 
Reihe. Es sind die Strukturverhältnisse, die dabei immer wieder 
von Neuem verglichen werden. Aber in ihnen gerade liegt der 
auffallendste Unterschied zwischen dem Staat der Menschen und 
einem organischen Wesen. Dort das individualisierteste Erzeugniss 
der Schöpfting, der Mensch, der keine Faser und keine Zelle von 
seiner Wesenheit dem Ganzen opfert, dem er sich eingliedert, in 
dem alle Theile einander gleich sind und jeden Augenblick als 
selbständige Geschöpfe sich aus ihm wieder herauslösen können. 
Dagegen im Organismus eine Unterordnung des Theiles unter das 
Ganze, die dem Theile irgend etwas von seiner Selbständigkeit nimmt 
und es im Interesse des Ganzen umgestaltet. Das vollkommenste 



Der Staat €nd sein Boj^en. 17 

Thier zeigt die Elemente, ajs denen es sich aufbaut in der denkbar 
grössten Abhängigkeit und Unselbständigkeil, der vollkommenste Staat 
ist der, dessen Bürger ihre Individualität am reichsten im Dienste 
des Staates ausbilden. Selbst in den Thierstaaten begegnen wir 
der Umwandlung der ursprünglich gleichen Glieder in weit von- 
einander verschiedene Werkzeuge. Man konnte einmal glauben, in 
den Sklavenstaaten mit rassenhaft verschiedener Bevölkerung eine 
Annäherung an solche Organisationen zu erblicken. Dort zwang ja 
eine höher begabte Rasse eine anscheinend niedriger angelegte 
für sie zu arbeiten. Aber die Sklaverei ist nun gerade in allen 
den Ländern aufgehoben, wo die weitest verschiedenen Rassen, die 
weisse und die schwarze, sich in dieser Weise über einander ge- 
schichtet hatten. Und wenn auch die freigelassenen Schwarzen 
immer im Allgemeinen tiefer stehen werden als ihre weissen Mit- 
bürger, wird doch nie mehr von einer scharfen Yertheilung der 
Rassen nach ihren Funktionen im socialen Organismus die Rede sein 
können und noch weniger von einer noch weitergehenden Sonder- 
entwicklung als Träger dieser Funktionen. Auch hier hat der 
Mensch sein von dem Maass der Begabung unabhängiges Recht des 
Individuums zurückerworben, das er nach der Lage der Sache nie- 
mals hätte verlieren sollen. Wir werden sehen, dass ebendesshalb 
von Organen des Staatsorganisraus nur in einem beschränkten 
Sinne und zwar mehr mit Bezug auf den Boden des Staates als auf 
die Menschen gesprochen werden kann. 

So finden wir denn in allen Gesellschaften der Menschen immer 
das Individuum wieder und erkennen gerade darin ein Hauptmerkmal 
ihrer Staaten, dass ihrer Organisation die Selbständigkeit der Individuen 
Schranken zieht. Das stoGTlich Zusammenhängende am Staat ist aber 
nur der Boden und daher denn die starke Neigung, auf ihn vor allem 
die politische Organisation zu stützen, als ob er die immer getrennt 
bleibenden Menschen zusammenzwingen könnte. Der Neigung, die 
Bewohner eines Staates so eng wie möglich zusammenzubringen, ent- 
springt auf niederer Stufe, die Vereinigung aller um den Häuptling im 
Mittelpunkt des Ländchens und auf höheren der Stadtstaat der Semiten 
und Griechen, der auch später noch oft wiedergekehrt ist. Aber 
auch diese Zusammendrängung ändert nichts am Wesen der Zu- 
sammensetzung des Staatsorganismus aus Individuen, die ihrer Selb- 

Abhandl. d. K. S. Uesellsch. d. Wissenseh. XXXIX. 2 



18 Feibmigb Ratzbl, 

standigkeit immer nur vorübergehend sich begeben, die immer be- 
weglich bleiben, immer die Fähigkeit bewahren, sich bunt durch- 
einander zu schieben und über weite Entfernungen hin zu wandern. 
Je grosser die MOgUchkeit des Auseinanderfallens, desto wichtiger 
also der Boden, in dem sowohl die zusammenhängende Grundlage 
des Staates als auch das einzige greifbare Zeugniss seiner Einheit 
gegeben ist 

Ein zweiter Zusammenhang mit dem Boden ist geistiger Natur. 
Er liegt in der ererbten Gewohnheit des Zusammenlebens, in der 
gemeinsamen Arbeit und im Bedürfniss des Schutzes gegen aussen. 
Jene erweitert sich bis zu dem Nationalbewusstsein , das Millionen 
von Menschen zusammenhält; aus der gemeinsamen Arbeit wachsen 
die zusammenhaltenden wirthschaftlichen Sonderinteressen der Staaten 
hervor; und das Schutzbedurfniss giebt einem Herrscher die Macht, 
den Zusammenhalt aller Bewohner eines Staates zu erzwingen Aber 
auch dieser Zusammenhang zieht viel von seiner Nahrung aus dem 
Boden. Der Boden ist nicht bloss der Schauplatz und Gegenstand 
der gemeinsamen Arbeit, sondern aus ihm kommen die Früchte 
dieser Arbeit, die von seiner Güte und Ausdehnung wesentlich ab- 
hängen. Die Gewohnheit des Zusammenlebens verbindet nicht bloss 
die GUeder eines Volkes miteinander, sondern auch mit dem Boden, 
in den die Reste der vergangenen Geschlechter gebettet sind. Es 
entwickeln sich daraus religiöse Beziehungen zu heiligen Orten, die 
oft viel stärkere Bande weben als die einfache Gewohnheit oder die 
gemeinsame Arbeit. Und das Schutzbedurfniss umgiebt das Land 
mit festen Grenzen und baut feste Orte, deren nächster Zweck die 
Festhaltung des Bodens ist, und die dem Boden selbst angehören. 

Die geographische Auffassung des Staates. 

Der Mensch ist also nicht ohne den Erdboden denkbar und so 
auch nicht das grösste Werk des Menschen auf der Erde, der Staat. 
Wenn wir von einem Staate reden, meinen wir gerade wie bei 
einer Stadt oder einem Weg immer ein Stück Menschheit und 
ein menschliches Werk und zugleich ein Stück Erdboden. 
Die beiden gehören nothwendig zusammen. Der Staat muss vom 
Boden leben. Die Staatswissenschaft spricht das etwas verblasst aus, 
wenn sie sagt: Das Gebiet gehört zum Wesen des Staates. Sie 



Der Staat dnd sein Boden. 19 

bezeichnet die Souveränität als das Jus territoriale und legt die Regel 
nieder, dass Gebietsveränderungen nur durch Gesetze vorgenommen 
werden können. Das Leben der Staaten lehrt uns aber viel engere 
Beziehungen kennen. Wir sehen im Laufe der Geschichte alle po- 
litischen Kräfte sich des Bodens bemächtigen und dadurch staaten- 
bildend werden. Stände und Gesellschaften, Handel und Religion 
schöpfen aus dieser Quelle politischer Macht und Dauerhaftigkeit und 
werden dadurch staatenbildend. In unserem Jahrhundert drängen 
sich dazu die nationalen Ideen heran. In der Formel : Die Deutschen 
ruhlten das Bedürfniss, eine politische Form für ihre Gesammtheit 
zu schaffen, liegt der Sinn : sie strebten nach territorialer Zusammen- 
schliessung und Abgrenzung, um sich einen sicheren eigenen Boden 
zu wahren. So wird uns denn der Staat zu einem Organismus, in 
den ein bestimmter Theil der Erdoberfläche so mit eingeht, dass 
sich die Eigenschaften des Staates aus denen des Volkes und des 
Bodens zusammensetzen. Die wichtigsten davon sind die Grösse, 
Lage und Grenzen, dann Art und Form des Bodens sammt seiner 
Bewachsung und seinen Gewässern, und endlich sein Yerhältniss 
zu anderen Theilen der Erdoberfläche. Dazu rechnen wir vor 
allem das Meer und auch selbst die unbewohnbaren, (anökume- 
nischen) Gebiete, denen auf den ersten Blick gar kein politisches 
Interesse innewohnt. Sie alle bilden zusammen »das Land«. Spre- 
chen wir aber von »unserem Land«, so verbindet sich in unserer 
Vorstellung mit dieser natürlichen Grundlage alles, was der Mensch 
darin und darauf geschaffen und von Erinnerungen gleichsam hin- 
eingegraben hat. Und so erfüllt sich der ursprünglich rein geogra- 
phische Begriff nicht bloss mit politischem Inhalt, sondern er geht 
eine geistige und gemüthliche Verbindung mit uns, seinen Bewoh- 
nern und mit unserer ganzen Geschichte ein. 

Der Staat ist uns nicht ein Organismus bloss weil er eine Ver- 
bindung des lebendigen Volkes mit dem starren Boden ist, sondern 
weil diese Verbindung sich durch Wechselwirkung so sehr befestigt, 
dass beide eins werden und nicht mehr auseinandergelöst gedacht 
werden können, ohne dass das Leben entflieht. Boden und Volk 
tragen beide zu diesem Resultate in dem Maasse bei, als sie die 
Eigenschaften besitzen, die nothwendig sind, wenn eines auf das 
andere vvirken soll. Ein unbewohnbarer Boden nährt keinen Staat. 



20 



Fribdbich Batzbl, 



er ist ein geschichtliches Brachfeld. Wir finden in Arabien, also 
hart neben grossen Staaten, Landschaften die in alter und neuer 
Zeit keine Staaten getragen und keine geschichtliche Bedeutung ge- 
wonnen haben. Ein bewohnbarer und natürlich umgrenzter Boden 
begünstigt dagegen die Staaten-Entwickelung. Ist eine Volksindivi- 
dualitat natürlich in ihrem Gebiete begründet, so ersteht sie immer 
wieder neu mit den Eigenschaften, die aus ihrem Boden heraus in 
sie eingehen. Oft kommt dieses Naturgebiet erst im Rückschwanken 
der geschichtlichen Welle zur rechten Geltung, wie Griechenland 
und Italien in ihre natürUchen Gebiete aus Weltstelluagen zurück- 
gekehrt sind und ein beschränkteres organisches Wachsthum neu be- 
gonnen haben. Das Gefühl des Zusammenhanges mit dem Boden ist 
auch nirgends so stark wie dort, wo der Boden so gut begrenzt und 
dadurch so scharf individualisirt ist wie möglich, also in Inselländern, 
in deren Bewohnern ebendesshalb der kräftigste Nationalsinn gedeiht. 

*'ig. 1. 

* • • KuttuntH I 
^ '~'* - tlitsst 




Südliche SandehsfcMt«!! im Stromgebiet des Bomokuidi. Naoli JinrKBft*B Aafinahmen. Yerkl. 750,000. 

So ist denn auch die Entwickelung jedes Staates eine fortschrei- 
tende Organisation des Bodens durch immer engere Verbindung mit 
dem Volk. Wächst auf gleichem Raum die Volkszahl, so vermehren 
sich die Verbindungsfäden zwischen Volk und Boden, die natürlichen 
Hilfsquellen werden immer mehr entwickelt und vergrössern die 
Macht des Volkes, das aber auch in demselben Maasse von seinem 
Boden abhangiger wird. Je mehr Boden, desto lockerer der Zu- 



Dpk Staat und sein Boden. 21 

äammenhang seines Volkes mit ihm. Der Unterschied zwischen dem 
.Staate eines Culturvolkes und eines barbarischen liegt immer darin, 
dass dort diese Organisation viel weiter vorgeschritten ist als hier. 
Wenn wir die Karte eines Negerstaats zeichnen, ist es das einfache 
Bild eines Elementarorganismus: Das Dorf des Häuptlings im Mittel- 
punkt, rings umher Dörfchen in Garten- und Ackerstücken und dar- 
über hinaus die Grenzwildniss, durch die ein Pfad oder zwei in die 
Nachbargebiete führen. Welcher Abstand auch schon von der ab- 
gekürzten und zusammengedrängten Generalkarte irgend eines ganz 
unbedeutenden europäischen Staates mit seinen kleinen und grossen 
Siedelungen, Grenz- und Hauptstädten, Festungen, Wege-, Canal- und 
Bahnnetzen. 

Und doch ist diess nur das Schema des lebendigen Körpers, 
das gar nichts von der politischen Idee ahnen lässt^ die ihn be- 
seelt. Auch diese hat ihre Entwickelung. In jenem einfachen 
Staat ist diese Idee Fig. 2. 

wohl nur ein Herr- ^v^^,^ ^ - : •: 

scherwille und so \^i''}^W$!M'^^- 

vergänglich wie ein . .^:.^:^^J^■"':^■^^$• 

Menschenleb^n , in :/^'K''''^-:^^'^i?^S^^^ 

diesem Kulturstaat ist ,^K;v/^^ '•'..;:^> :^'^ ' 

das ganze Volk ihr . . '^. ^;' ^^^!^ ' 

Träger. Damit er- . ; ': ^ :;:V:'; y^' . 

neuert die Seele des •■'^:j^<'r''::\\-^:: 

Staats unablässig ihr ; \ ;/^ ^v ^ '""■" 

Leben wie die Ge- .••;•* -y-yy 

nerationen aufeman- . /: v:; 

der folgen. Die kräf- : V ;. ; ^ /} /. / 

ligsten Staaten sind .vi;:/ .^; ^ '^ :■ 

die, wo die politische - ;V > ^^ ,': : • v 

Idee den ganzen v^v-^:v::>i" • '• 

Maatskörper bis m Gebiet de» H&uptlings Mteml in ünjamwesl. Nach Junkeu» Aufnahmen. 

alle Theile erfüllt. vrki. ca. »«.ooo. 

Theile, wo die Idee, die Seele nicht hinwirkt, fallen ab und zwei 
Seelen zerreissen den Zusammenhang eines politischen Leibes. Man 
hat die Politik als den Geist eines Staates oder die geistige Indivi- 
dualität bezeichnet, die ihn kennzeichnet. Das ist nicht erschöpfend 



22 Friedrich Ratzel, 

genug. In der eidgenössischen Idee, die aus sehr verschiedenen 
Völker- und Staatenfragmenten die Schweiz gebildet hat, liegt z. B. 
viel mehr als nur die Politik der Eidgenossenschaft. Es liegt darin 
das ganze Verhältniss der Schweizer zu ihrem Lande und aus der 
geographischen Grundlage saugt diese Idee einen grossen Theil der 
Kraft, mit der jede starke politische Idee gleich einer starken Seele 
auch den schwachen Körper belebt. 

In der politischen Idee ist immer nicht bloss das Volk, sondern 
auch sein Land. Auf einem Boden kann daher auch immer nur Eine 
politische Macht so aufwachsen, dass sie den ganzen politischen Werth 
dieses Bodens in sich aufnimmt. Was andere Mächte aus demselben 
Boden ziehen, muss ihr verloren gehen. Es ist nicht wie das Auf- 
wachsen der Eiche, unter deren Krone noch so manches Gras und 
Kraut gedeiht. Der Staat kann ohne Schwächung seiner selbst kei- 
nen zweiten und dritten auf seinem Boden dulden. Daher im alten 
deutschen Reich der Zerfall von dem Augenblick, wo die Reichs- 
beamten ihre Güter zu besonderen Staaten im Rahmen des Reiches 
ausbildeten. Indem sie ihre Macht auf dem Boden ihres Amtsgutes 
oder Erbgutes lokalisierten und erblich machten, d. h. einpflanzten, 
ging dieser Boden dem Reich verloren. Diess war der Zerfall, der 
zwischen das Reich und seinen Boden neue Staaten einschob, die 
bewirkten, dass jenes endlich seine Verbindung mit dem Boden ver- 
lor und in der Luft schwebte. Je einfacher und unmittelbarer der 
Zusammenhang des Staates mit seinem Boden, desto gesunder ist 
jederzeit sein Leben und Wachsthum. Vorzüglich gehört dazu auch, 
dass mindestens die Mehrzahl der Bevölkerung des Staates eine Ver- 
bindung mit ihrem Boden, der auch der seine ist, bewahrt habe. 
Verlieren immer mehr Bewohner eines Staates ihren Zusammenhang 
mit seinem Boden, so wird das Gedeihen des Staates zurückgehen 
müssen. In die Geschichte eines Volkes, dem es gelungen ist, Jahr- 
hunderte auf gleichem Boden seinen Staat zusammen zu halten, 
prägt diese unveränderliche Grundlage sich so tief ein, dass es nicht 
mehr möglich ist, dieses Volk ohne seinen Boden zu denken. Die 
Holländer ohne Holland, die Schweizer ohne die Alpen, die Monte- 
negriner ohne die Schwarzen Berge, selbst die Franzosen ohne 
Frankreich, wie ist das denkbar? Die Athener in ihrem kleinen, 
in jedem Winkel ihnen bekannten, von ihnen politisch seit Jahr- 



Der Staat und sein Boden. 23 

hunderten verwertheten Lande vermochten wohl den Satz zu ver- 
stehen, dass der Mensch und der Staat nur dem Umfange nach 
verschieden seien. In Völkern raschen Wachsthums und über- 
raschender Wandlungen sind die festen Grundlagen des Bodens 
doppelt beachtenswerth. Und könnte die Geschichte eines Staates 
in so hohem Maasse die Lehrmeisterin seiner Politik sein, vsrenn 
nicht die Continuität des Bodens wäre? Die Eigenschaften des 
Bodens wirken über viele Aenderungen des Volkes hinaus und tre- 
ten immer als die gleichen unter den verschiedensten Gewändern 
hervor. Daher wird der Blick, der von den wechselnden Zuständen 
des Volkes sich auf den Boden richtet, von selbst zum Femblick. 
Gerade darin unterscheidet sich die politische Geographie von der 
politischen Geschichte, dass sie durch die Betonung des Unveränder- 
lichen und Unverwüstlichen, das dem Boden eigen ist, auch eine 
Richtung auf das Werdende empfängt. Die Politik, die dem wach- 
senden Volke den unentbehrlichen Boden für die Zukunft sichert, 
weil sie die ferneren Ziele erkennt, denen der Staat zutreibt, ist 
eine achtere »Realpolitik« als die, die sich diesen Namen beilegt, 
weil sie nur das Greifbare vom Tag und für den Tag leistet. 

Der Staat in der Biogeographie. 

Die Verbreitung der Menschen und ihrer Werke auf der Erd- 
oberfläche trägt alle Merkmale eines beweglichen Körpers, der im 
Vorschreiten und Zurückweichen sich ausbreitet und sich zusammen^ 
zieht, neue Zusammenhänge bildet und alte zerreisst und dadurch 
Formen annimmt, die mit denen anderer gesellig auftretender be- 
weglicher Körper an der Erdoberfläche die grösste AehnUchkeit 
haben. In vielgebrauchten Bildern wie Völkermeer und Völker^ 
fluth, Völkerinsel, politische Insel, Isthmus^ und dgl. hegt eine 
Ahnung dieser Aehnlichkeiten, an deren tiefere Begründung freilich 
kaum von denen gedacht wird, die diese Ausdrücke verwenden. 
Sie nehmen eine höhere Stelle in der Biogeographie ein, wo si^ 
aufhören Bilder zu sein und zu Kategorien werden. Für diese 
Wissenschaft ist der Staat der Menschen eine Form der Verbreitung 
des Lebens an der Erdoberfläche. Er steht unter denselben Ein:- 
flüssen wie alles Leben. Wir haben grosse Staaten weder in den 
Polargebieten sich bilden sehen, noch in den Wüsten, weder in den 



24 Frikdrich Ratzkl, 

Urwaldgebieten der Tropen, noch in den höchsten Gebirgen. Die 
besonderen Gesetze der Verbreitung der Menschen auf der Erde 
bestimmen auch die Verbreitung ihrer Staaten. Die Staaten haben 
sich mit den Menschen allmählich in alle Theile der Erde verbreitet 
und indem die Zahl der Menschen wuchs, haben auch die Staaten 
an Zahl und Grösse immer mehr zugenommen. Nicht jeder Boden 
hat sich ihnen gleich günstig erwiesen. Wir finden die grössten 
und mächtigsten Staaten in den gemässigten Zonen der Erde, in 
weiten Tiefländern, in Berührung mit dem Meer. Der Boden be- 
günstigt oder hemmt ihr Wachsthum je nachdem er die Bewegung 
der Einzelnen und Familien begünstigt oder hemmt. Daher der Ein- 
fluss des beweglichen Wassers auf die Staatenentwickelung, die mit 
Vorliebe an Küsten und Flüssen sich ausbreitet und am besten dort 
gedeiht, wo die Natur ein Verkehrssystem selbst vorbereitet hat wie 
in grossen Stromgebieten. An dem einmal gewonnenen Boden haften 
tausend Einflüsse, die in die grossen Kategorien Raum, Lage, Gestalt 
und Grenzen nicht alle zu ordnen sind. Wie verschieden sie aber 
auch sein mögen, sie unterliegen mit dem Boden allen den grossen 
Gesetzen der Bewegung des Lebens an der Erde und zwar so, dass 
die Aehnlichkeit der Verbreitungsformen bis zur vollkommenen Ueber- 
einstimmung sich steigert. Für die Grenzen haben wir es früher nach- 
gewiesen^®), indem wir sie als Ausdruck der Bewegung sowohl un- 
organischer als organischer, betrachteten. Für die elementaren Staaten- 
gebiide liegt die Uebereinstimmung mit einem Zellgewebe auf der Hand 
(Vgl. die Abbildungen S. 20 u. 21). Ueberall erkennt man hier die 
unabhängig von der inneren Struktur der staatlichen Organisationen 
aus der Verbindung mit dem Boden herauswirkenden Formähnlichkei- 
ten aller zusammengesetzten Lebensgebilde. Für sie alle, ob Flechte, 
Koralle oder Mensch, ist ja diese Verbindung allgemeine Eigenschaft, 
Lebenseigenschaft, weil Lebensbedingung. Zwischen den Staaten 
an den Grenzen der Oekumene und denen in den Gebieten des 
kräftigsten Gedeihens der Völker weit von diesen Grenzen müssen 
Unterschiede bestehen, die der geographischen Vertheilung der Men- 
schen entsprechen. Diese nehmen nach den Grenzen der Oekumene 
im Allgemeinen an Zahl ab, wobei der Boden immer mächtiger her- 
vortritt. Die Staaten am Rande der Oekumene sind daher alle durch 
ein Uebergewicht des Bodens bei geringer Zahl der auf ihm woh- 



Der Staat und sein Boden. 35 

nendea Menschen bezeichnet, was auch bei den Hochgebirgsstaaten 
hervortritt. Ueberwältigte Verkehrsschwierigkeiten zeigen in Schwe- 
den und Russland wie in Sibirien und im Britischen Nordamerika 
die Uebermacht des Bodens. Je weiter wir nun Siquatorwärts fort- 
schreiten, auf um so engerem Raum erwachsen die grossen Mächte 
und um so politisch werthvoller wird der Boden, an dessen Besitz- 
nahme in den arktischen und antarktischen Gebieten, wo sie über- 
haupt versucht ward, kaum eine politische Folge sich knüpfen konnte. 

Das Staatsgebiet. 

Das Völkerrecht bezeichnet als das Gebiet eines Staates den 
Theil der Erde, der der Herrschaft dieses Staates aussdiliesslich 
unterworfen ist. Es fasst bewohnte und unbewohnbare Länder 
darin zusammen und dehnt das Gebiet auf unbestimmte Entfernung 
in die Atmosphäre und in die Tiefe der Erde aus. Dass es den 
Begriff des Staatsgebietes auch auf Dinge überträgt, die von dem 
Boden des eigentlichen Gebietes losgelöst sind, wie Schiffe, Ge- 
sandtschaften und dgl., passt nicht zu den üblichen Definitionen, mit 
denen solche Dinge nur gezwungen zusammengebracht werden. Das 
berührt die Geographie nicht, die dafür um so grösseres Gewicht auf 
die Eigenschaften des Gebietes legt, die aus dem Leben des Staats- 
organismus hervorgehen, der sich nie vollständig in die todten Gren- 
zen eines abgemessenen Flächenraums bannen lässt. Dazu gehören 
in erster Linie die Vor- oder Zurückschiebungen der eigentlichen 
Grenze durch das Uebergreifen oder Zurücktreten des Staates, die 
Nichtübereinstimmung der Zollgrenze mit der politischen Grenze, wie 
sie in der Umschliessung Luxemburgs durch die Zollvereinsgrenze ver- 
deutlicht wird, die freie Zone auf der Grenze zwischen Mexiko und 
den Vereinigten Staaten, und das Recht beider Staaten über die Grenze 
weg die räuberischen Indianerhorden auf die Nachbargebiete zu 
verfolgen, die freien Durchgangslinien für gewisse Erzeugnisse der 
Vereinigten Staaten im südlichen Neubraunschweig und viele ähn- 
liche Erscheinungen. Auch das Aufsichtsrecht Oesterreichs über die 
Küsten Montenegros, das ausschliessende Recht Russlands auf dem 
Kaspischen Meere Kriegsschiffe zu halten^^), wie auch alle die Be- 
satzungs- und Besetzungsrechte eines Staates auf dem Gebiet eines 
anderen gehören dazu. Im Grunde bedeutet auch die Unterstützung 



26 Fribdbich Ratzbl, 

des Baues der (jotthardbahn durch Deutschland und Italien, das 
Hin überreichen der Verkehrswege auf ein Nachbargebiet, das Recht 
freier Schifffahrt eines Landes auf den Flüssen eines andern, ein 
Hinausgreifen des Untemehmungstriebes über die Grenzen. Sieht 
man, wie oft die politischen Grenzen solcher Ausdehnung der wirth- 
schaftlichen gefolgt sind, wie sogar grosse Reiche durch Zolleinigung 
sich gebildet oder vorgebildet haben, so erscheinen diese sog. Aus- 
nahmen von der vertragsmässigen Grenze als im Wesen der Peri- 
pherie eines lebendigen Körpers tief begründet, ja nothwendig. Sie 
scheinen nur der Grenze von ihrem Werth zu nehmen, indem sie 
sie durchbrechen; in Wirklichkeit setzen sie das Wesen der Grenze 
als peripherisches Organ eines lebendigen Körpers in das richtigste 
Licht. Es entspricht der Natur dieses Körpers, da er organisch ist, 
dass er die unorganischen Schranken der politischen Grenzlinien durch- 
bricht, wo seine Lebensthätigkeit es verlangt. Daher eben jene »über- 
greifenden Rechte« der Vereinigten Staaten auf Canal- und Fluss- 
wegen und an Küstengewässem Britisch Nordamerikas oder zur Ver- 
folgung räuberischer Indianer auf mexikanisches Gebiet ^^. Dass 
nicht bloss ein einzelner Staat derart in das Gebiet eines Nachbar- 
staates übergreift, sondern dass bestimmte Gebiete dem Verkehr 
vieler oder aller Staaten zugänglich sind, wie Mündung und Unterlauf 
schiffbarer Ströme oder ganze Stromgebiete, die vertragsmassig der 
Schifffahrt Aller erschlossen sind, zeigt das vorauseilende Wachsthum 
der Verkehrsgebiete, das noch über manche politische Grenze hin- 
ausgreifen wird, wie die wirthschaftliche Verschmelzung politisch 
getrennter Gebiete so mancher politischen vorausgeschritten ist. 

Das sind alles Uebergriffe und Vorsprünge, die aus dem politi- 
schen Wachsthum hervorgehen. Es ist klar, dass auch politischer 
Rückgang Ansprüche in Gebieten zurücklassen wird, aus denen die 
politische Herrschaft sich längst zurückgezogen hat. Um so mehr 
als eine hinter uns liegende Entwickelung die scharfe Sonderung der 
Gebiete nicht anstrebte, die der modernen Staatenbildung vorschwebt. 
Das liegt in der Natur der Sache, dass solche Ueber- und Eingriffe 
immer mehr zurückgehen. Es war die Weise des Mittelalters ein- 
zelne politische Funktionen einem Inhaber zu übertragen ohne Be- 
einträchtigung der sonstigen Unabhängigkeit des Landes. Das im 
17. Jahrhundert so viel genannte Markgraviat Oesterreichs im Elsass 



Dbr Staat und sein Boden. 27 

bedeutete das Recht richterlicher Funktionen, ohne dass dadurch die 
territoriale Souveränität berührt worden wäre. Im alten Deutschen 
Reich verwaltete der König von Ungarn das Reichslehen Oesterreich, 
der von Spanien das Reichslehen Mailand, der von Dänemark das 
von Holstein. Noch der deutsche Bund kannte in Holstein, Lauen- 
burg, Luxemburg und Limburg solche übergreifende Rechte. Frank- 
reich hat sich ausser seinen Kolonial rechten in Indien noch die 
»Loges«, Handelsplätze in den verschiedensten indischen Städten 
vorbehalten, ebenso wie als letzten Rest seiner nordamerikanischen 
Besitzungen ein Paar kleine Inseln bei Neufundland und gewisse 
Rechte seiner Fischerboote an den Küsten dieser Insel. 

Dass das Staatsgebiet immer Theile des der Küste zunächst 
gelegenen Meeres begreift, dessen Zugehörigkeit durch den para- 
doxen Ausdruck Mare territoriale näher bezeichnet wird, gehört in 
die gleiche Reihe politischer geographischer Thatsachen. Dieses 
Kttstenmeer soll sich soweit hinaus erstrecken als das Meer vom 
Lande aus beherrscht werden kann. Früher hat man als geringstes 
Maass der Herrschaft die Tragweite am Strand aufgestellter Geschütze 
angenommen. Man ist aber auch weit darüberhinausgegangen und 
hat willkürlich die Grenze hinausgerückt, bis zu 100 Seemeilen. 
England und nach ihm die Vereinigten Staaten ziehen Gerade von 
Yorgebirg zu Vorgebirg und beanspruchen die innen liegenden 
Meerestheile als ihr Gebiet. Auf grosse Buchten, wie den Golf 
von Mexiko, ist natürlich diese Methode nicht auszudehnen; wohl 
ist aber von den Vereinigten Staaten der Versuch gemacht worden, 
ihr das Beringsmeer, also 2,3 Millionen Qkm., zu unterwerfen. Die- 
selben Staaten rücken die Zollgrenze 4 S.-M. über die Küste hinaus. 
In neueren Verträgen suchte man aller Willkür auszuweichen, indem 
man das Küstenmeer 3 S.-M. von der Küste sich hinauserstrecken 
lässt, was durch die Entscheidung der pariser Konferenz von 1894 
über den Streit Englands und der Vereinigten Staaten über das 
Beringsmeer neu bekräftigt worden ist. 

Die Interessensphäre. 

Ausser seinem Gebiet beansprucht jeder grosse Staat einen Einfluss- 
kreis oder Interessensphäre, die in unmittelbarer Beziehung zu seinem 
Inneren steht. Es ist nicht das, was West- und Mittel -Europa als 



28 FB*i<DRI€H RaTZBL, 

geschichtlich-culturliche Inleressen-Geraeinschaft zusammeDbindet, so 
dass jeder Stoss an irgend einer Stelle der Peripherie trotz aller 
zwischenliegenden Schranken den ganzen Brdtheil durchbebt. Es 
ist vielmehr das, dass der Staat die Besetzung durch einen andern 
Staat eines von ihm selbst nicht besetzten Gebietstheiles ausserhalb 
seines eigenen yne eine Verletzung seines eigenen Gebietes ansieht. 
Womöglich besetzt er es selbst und es ergeben sich daraus die Be- 
satzungsrechte wie die Preussens in Luxemburg und früher in Mainz 
und Rastatt, Oesterreichs in Novibazar und der Engländer in zahl- 
reichen »Eingeborenenstaaten« Indiens. Für Deutschland und Frank- 
reich ist Belgien und die Schweiz, für Oesterreich Serbien, für Bri- 
tisch-Indien Afghanistan ein Noli me tangere. Nicht selten besiegeln 
engere wirthschaftliche Verhältnisse (Deutschland und Luxemburg, 
Oesterreich und Serbien) solche Beziehungen. 

Nicht die geographische Lage allein, sondern die Machtverhält- 
nisse entscheiden über die Grösse uad Richtung solcher Gebiete. 
Nicht dem näheren Mexiko, sondern den Vereinigten Staaten wohnt 
die weitaus grösste Theilnahme an jedem interoceanischen Yerkehrs- 
untemehmen in Mittelamerika naturgemäss inne. Am Atlantischen und 
Stillen Ocean gelegen, sind die Vereinigten Staaten zunächst nach dem 
Maasse ihres Verkehres an der Verbindung beider interessiert. Aber 
es kommt die politische Nothwendigkeit dazu, diese Verbindung nicht 
in fremde Hände kommen zu lassen. Wenn der Sund von Russland 
besetzt würde, wäre der Schlag für Deutschland nicht so empfind- 
lich, wie ein interoceanischer Ganal in englischen Händen für die 
Vereinigten Staaten; denn Deutschland behält die Verbindung durch 
den Nordostseekanal. In Amerika ist eine schiffbare Verbindung 
nördlich von Tehuantepec undenkbar. So nahe aber geht diese 
Verbindung die Vereinigsten Staaten an, dass man sagen kann, sie 
werde einst ein Theil von Nordamerika sein müssen. 

Mit solchem Ausgreifen vervielfältigen sich natürlich die äus- 
seren Beziehungen, ohne einfacher im Verhältniss zum Raum des 
Landes zu werden. Das Gesetz der verhältnissmässigen Verkleine- 
rung der peripherischen Erscheinungen bei wachsendem Räume 
würde erst Anwendung finden, wenn das Land selbst in seine In- 
teressensphäre hineinwüchse. Auf dem Wege der Interessensphäre 
liegt daher die Gefahr des Verlustes des Gleichgewichtes zwischen 



Der Staat und sein Bodbn. 89 

dem Raum des Landes und dem Raum seiner Ansprüche auf vor- 
waltenden EinQuss. Das ist die Gefahr, an der die alten Erobe- 
rungsreiche Westasiens und die Colonialstaalen Portugals, der Nieder- 
lande und, im 18. Jahrhundert, Frankreichs gescheitert sind. 

Einen anderen Sinn hat das Wort Interessensphäre in der 
Sprache der Afrikapolitik des letzten Jahrzehnts gewonnen, in der es 
Räume bezeichnet, in denen die beanspruchenden Staaten von einem 
oft unbedeutenden Küstenstrich aus erst Interessen zu schaffen den- 
ken, die sie aber in den meisten Fällen noch gar nicht kannten. 
Das sind eigentlich keine Interessen- sondern Anspruchssphären. 
Sie hat die um sich greifende Landspekulationspolitik früherer Jahr- 
hunderte in viel grösserer Ausdehnung geschaffen als heute auch 
nur möglich wäre. Als die Länder der Wilden Res Nullius und die 
Erdtheile, in denen sie lagen, im Innern noch unbekannt waren, 
nahmen die Seemächte Landstreifen zwischen zwei Parallelgraden in 
Anspruch, die sich von einer halb bekannten Küste in Acadie, Neu- 
England und dgl. ins Blaue hinein erstreckten, und begrenzten sie erst 
am Stillen Ocean, dessen Ufer damals keine Karte zeigte. Die Ein- 
schränkung war praktisch nicht gross, die diese Ansprüche erfuhren, 
wenn sie sich an die ebenso nebelhaften indianischen Bundesgenossen 
anschlössen. Als der Friede von Utrecht die neue Bestimmung 
brachte, dass jede Macht das Land der alliirten Indianer der an- 
deren — Frankreich und England kamen hier ip Frage — zu re- 
spektieren habe, ergaben sich sofort ungemessene ineinander über- 
greifende Ansprüche beider Mächte auf die angeblichen Gebiete ihrer 
Schutzbefohlenen, deren Grenzen in einen absolut unklaren geogra- 
phischen Horizont hineingezogen waren. 



n. 

Naturgebiet und politisches Gebiet. 

Das Naturgebiet und das politische Gebiet. 

Ein pädagogisches Bedenken im Rückschlag gegen die mecha- 
nische Behandlung der politischen Geographie rein nach politischen 
Grenzen, gab zuerst Anlass zur Abgrenzung natürlicher Gebiete. 



so Friedrich Ratzbl, 

Nur die Grenzen sollten gezogen werden, die die Natur selbst an- 
gezeigt oder errichtet hat*). Gattbrbr unternahm es, an dem be- 
stehenden Staat das Natürliche, besonders in der Begrenzung nach- 
zuweisen und die Zeit der gewaltsamen Staatsumwälzungen und 
Grenzveränderungen im Anfang unseres Jahrhunderts hat eine ganze 
Litteratur über diese Frage gezeitigt. Auf ihr ruhen Karl Rittbr's 
Anschauungen, die dann allerdings weit über das Problem der natür- 
lichen Grenzen hinaus gingen. Denn durch die Befruchtung mit 
Naturphilosophie entstand im Geist dieses Geographen die Auffassung 
der Erde als eines Organismus und jedes Naturgebiet war ihm ein 
organisches Ganze zweiter oder dritter Ordnung, wenn die Erdtheile 
in der ersten standen. Diese Auffassung verschmähte die zur Ver- 
meidung von Missverständnissen nothwendige Beschränkung des viel- 
deutigen Begriffes. Auch in der Definition der drei Erdtheilindi- 
viduen der Alten Welt ist die Dreiheit wiederzufinden, die der 
Philosoph Karl Christian Friedrich Krause in sechs Haupterdtheilen 
»von eigenthümlichem Naturleben« unterschied, wo je zwei entgegen- 
gesetzte in einem dritten vermittelnden sich vereinigen, Afrika ist 
für Karl Ritter der Erdtheil der unentwickelten, Asien der unver- 
mittelten, Europa der ausgeglichenen Gegensätze. 

Aber Karl Ritter hat trotz dieser Abschweifungen, die die 
Sache nicht gefördert haben, das Problem der individuellen Natur- 
gebiete auf den einzigen fruchtbaren Boden gestellt, indem er es 
zum Völkerleben und damit auch zur politischen Geographie in Be- 
ziehung setzte. Er wirkte dadurch der Neigung zum Aufgehen im 
Boden, im Unorganischen entgegen, die allen politisch-geographischen 
Begriffen eigen ist. Dem Einwurf, dass die nach Bodenform und 
Bewässerung unterschiedenen »Länderindividuen« von den Grenzen 
der Lebensgebiete durchschnitten werden, konnte er das Volk ent- 
gegensetzen, das alle die natürlichen Anlagen seines Landes auf das 
Ziel der Kulturentwicklung zusammenfasst. Mit und durch das Volk 
wird das Land individualisiert und so entsteht der politisch-geogra- 
phische Organismus des Staates, der sich sein Naturgebiet schafft. Hätte 
Ritter das nothwendig Bewegliche und Wachsende der Staaten 
stärker betont, dann wäre sein »Naturgebiet« wohl weniger abstrakt 
und unorganisch von seinen Nachfolgern verstanden worden. 

Nicht jeder Boden ist der politischen Bewältigung gleich zugänglich. 



Dbb Staat cnd sein Boden. 31 

Das geschlossene Land kommt ihr mehr entgegen als das grenzlose, das 
bewohnbarere mehr als das unfruchtbare. Ein geschlossenes Gebiet 
lässt das Verständniss für den politischen Werth des Bodens früher 
reifen und setzt auch der auf Landerwerb ausgehenden Politik be- 
stimmtere Ziele. Wie greifbar waren die Ziele Frankreichs und der 
Seemächte im spanischen Erbfolgekrieg im Vergleich mit denen des 
Kaisers, die in Italien, am Rhein und in den Niederlanden zerstreut 
lagen! Jene haben Erfolg, besonders in der Beherrschung des Mittel- 
meeres, da sie auf ganz bestimmte geographische Objecto gerichtet 
sind. Darum kann man aber doch nicht von einem »natürlichen 
Recht« der Völker Spaniens, Italiens und ähnlicher Länder sprechen, 
ihre naturgegebenen Räume auszufüllen und abzugliedern. Nur ein 
Streben nach dieser Ausfüllung und Abgliederung liegt vor, das sich 
allerdings auch ein natürliches Recht zusprechen mag, aber kein in 
der Natur des Landes, sondern dem Organisationsbedürfniss des Vol- 
kes wurzelndes Recht. Das Volksganze will ein Naturganzes 
werden, der geschlossene Staat will womöglich ein geschlossenes oder 
doch an sich übereinstimmend geartetes Gebiet für sich. Die politische 
Zersplitterung hebt nicht die durch Nachbarlage und gleiche Naturbe- 
dingungen hervorgerufene Gemeinsamkeit der Entwickelung auf, hemmt 
sie aber oder lenkt sie zeitweilig ab. Ohne es zu wollen streben aus 
der Zertheilung heraus die mannigfaltigsten Gebilde auf die Einheit zu, 
die der Natur des Gebietes unverändert eingeprägt bleibt. Manche 
Naturbedingung ist ihrem Wesen nach nur im Ganzen wirksam, so 
alles Insulare, oder widerstrebt der Zertheilung so entschieden wie 
ein Strom. Aber die denkbar grösste Zersplitterung hinderte die 
Städte, Abteien, Grafen und Herren im Land der Aare und Limmath 
nicht, zusammen mit den drei Waldstätten der Urschweiz 1291 gleich 
nach dem Tod König Rudolfs jenen Bund einzugehen, der die 
werdende Schweiz mit sammt ihrem vitalen Gegensatz zu der habs- 
burgischen Hausmacht zeigt. Indem die einzelnen Stätchen nach den 
Richtungslinien tastend weiterwachsen, die ihnen die Züge ihres Bo- 
dens zeigen, gelangen sie, ohne es zu wissen, zur Vereinigung, bis sie 
das Thal, Stromsystem, das Gebirge, das orographische Becken aus- 
gefüllt haben, in dem sie zerstreut, einander fremd gelegen waren und 
sich langsam und unter vielen Wechselfällen genähert haben. Nicht so 
im Unbewussten heranwachsend wie hier, sondern das in der Ge- 



32 Friedrich Ratzbl, 

meinsamkeit des Bodens liegende geschichtliche Erbe bewussl wieder- 
belebend, tritt uns die gleiche Wirkung in der Geschichte der aus 
der Zersplitterung sich herausringenden nationalen Bewegungen ent- 
gegen, die aber nichtsdestoweniger unter dem thatigen Einfluss 
räumlicher Auffassungen stehen. 

Wenn die Geschichtschreiber von der natürlichen Nolhwendigkcit eines 
Staates sprechen, so denken sie an seine Ausfüllung eines natürlich gege- 
benen Raumes, seine Beherrschung einer natürlichen Lage. Neben dieser 
geographischen giebt es aber eine ethnographische Nothwendigkeit, 
die auch einen natürlichen Charakter hat. Sie ist in der einheitlichen Natur 
eines Volkes begründet, die die Form eines Staates bestimmt, dessen Lage, 
Grösse und Gestalt zunächst gegeben sind in der Lage, Grösse und Gestalt 
des Gebietes des Volkes. Dort ist das Gegebene geographisch, hier ethno- 
graphisch und aus beiden entfaltet sich der Staat unter der Führung des 
beweglichen Elementes. Es ist ganz falsch zu glauben, die Individualisierung 
sei gleichbedeutend mit räumlicher Absonderung. Diese vermag die Indivi- 
dualisierung zu begünstigen, aber doch nur mechanisch als Schutz und Rah- 
men einer von innen heraus wachsenden Entwickelung. 

Es würde ebenso falsch sein zu glauben, die Wirkung des »Natur- 
gebietes« könne immer nur in der natürlichen Isolierung gesucht werden 
und ein Gebiet sei um so natürlicher je besser es isoliere. Wenn 
wir in der politischen Geographie das Naturgebiet mit Bezug auf 
die Völker und Staaten betrachten, können wir den nothwendigen 
Trieb auf Wachsthum und Vereinigung, der in diesem wirkt, nicht 
bei Seite setzen. Wir müssen den einfachen, häufigen Fall beachten, 
dass ein natürlich wohl abgegrenztes Gebiet seiner Bevölkerung zwar 
zum Wohnen und Herrschen, nicht aber zur Nahrung genügt und 
darum in der natürlichsten Weise auf ein anderes hingewiesen ist, 
das vielleicht in ähnlicher Weise von jenem abhängig ist, so dass 
die beiden einander ergänzen. Ein Küstenland wie Dalmatien strebt 
nach dem ergänzenden Binnenland. Ein Hochgebirgsweideland und 
ein Ackerbauland an seinem Fusse können sich unentbehrlich werdbn, 
wie die Alpen- Jura- und Hügellandkantone der Schweiz, Jedes 
ist ein Naturgebiet für sich, aber nur ein halbes, das nicht für sich 
allein leben kann; nur in der Vereinigung sind sie ein vollkommen 
lebensfähiges Ganze. In vielen Fällen wird denn auch ein politisches 
Ganze, ein einziger Staat daraus, auf dessen Bildung die Natur selbst 
hingeleitet hat. 

In den Eigenschaften, die ein Naturgebiet befähigen, den Cha- 



Der Staat ond sein Boden. 33 

rakter des auf ihm sich entwickelnden Staates mit zu bestimmen, 
liegt aber auch mehr als die Passivität einer Form, in die sich ein 
StUck Menschheit hineingiesst. Dieses Gebiet wirkt aneignend und 
festhaltend und besiegt damit in der Zeit alle die Widerstände, die 
ein Volk ihm entgegensetzen möchte. Ein Volk, das sich über neue 
Gebiete ausbreitet, muss diesen ihr »natürliches Recht« zugestehen. 
Stemmt es sich dagegen, so wird es zweifellos besiegt. Diese an- 
eignende Macht des Bodens zeigt sich immer zuerst in den wirth- 
schaftlichen Beziehungen, weil die Wirthschaft dem Boden näher steht 
als die Politik und die politischen Werke zersetzt, wenn sie nicht bo- 
dengemäss sind. Wie oft eilt die Wirthschaft voraus, wo die Politik 
fest abgeschlossen zu haben glaubt, und stellt in grösseren Gebieten 
neue Aufgaben. Das Streben nach wirthschaftlicher Selbständigkeit hat 
die dreizehn alten Kolonien Englands in Nordamerika sich zu den 
Vereinigten Staaten von Amerika zusammenschliessen lassen. Schutz- 
zollschranken hat die Dominion of Ganada, haben australische und 
südafrikanische Kolonien gegen ihr Mutterland aufgerichtet. Selbst 
in Indien kommt das englische Ausbeutungssystem nicht um die 
eigenthümlichen Forderungen des Landes herum und muss Zölle auf 
englische Baumwollgewebe u. a. zulassen. Das Land, wiewohl ganz 
abhängig und ungemein willensschwach, verlangt doch Kraft seiner 
besonderen Natur seine besondere Verwaltung und PoHtik. 

Die Kolonien der Griechen zeigen alle in ihrer Entwicklung, wie das 
Volk langsam den Boden geistig ergreift, den es körperlich neu besitzt, wie 
es aber auch von ihm ergriffen, beeinflusst, selbst bestimmt wird, wie es 
entsprechend der räumlichen Entfernung langsam von der fleimath abrückt 
und endlich die neue Stellung begreift, die ihm auf neuem Boden angewie- 
sen ist. Zuerst glauben die Bürger, sie seien die Stadt und der Staat auch 
in der Fremde, Milet sei überall, wo Milesier wohnen. Darum legen sie 
auch der neuen Ansiedelung den Namen der Mutterstadt oder eines heimi- 
schen Gaues bei, lassen sich durch Aehnlichkeit der Lage bedingen und dgl. 
Aber schon bei der breiteren Anlage macht sich die Raumfttlle des neuen 
Landes geltend, man baute nach regelmässigerem Plan, man stattete auch 
reicher aus. Der Zusammenfluss Fremder lockerte den alten Zusammenhang, 
es entwickelte sich ein kosmopolitischer Geist, der frühreif sich entfal- 
tend das einholte, was die tfutterstadt an Alter voraus hatte. Bald war 
das Denken kühner, die Beobachtung vielseitiger, die Bildung reicher. Das 
lockerte aber auch den Zusammenhang mit der Heimath und schon die Be- 
drUngniss der Perserkriege sah die Kolonien theilnahmlos. 

Abhaadl. d. K. S. Gesellicli. d. Wiisensch. XXXIX« 3 



34 Friedrich Ratzel. 

Hier liegt der Kern jener in der Geographie seit Karl Ritter 
so viel erörtertea Frage der Naturgebiete. Jedes Volk richtet auf 
sein Gebiet alle seine Kräfte und Fähigkeiten, um für seine kultur- 
liehe und politische Entvvickelung daraus den grösstmöglichen Nutzen 
zu ziehen. Seine Entwickelung ist ein Kampf mit seinem Wohn- 
gebiet, in dem für die politische Organisation die Yortheile gewonnen 
werden, deren dieser Boden fähig ist. Nach Art und Menge sind 
diese aber abhängig von den Forderungen, die an den Boden ge- 
stellt werden und von dem, w^as der Boden zu bieten hat. Ist der 
Unterschied zwischen beiden zu gross, dann greifen jene tlber die 
Grenzen des Gebietes hinaus bis das Mass von Yorlheilcn erfüllt ist, 
das dieser Staat für sich verlangt. Sind Naturgrenzen nicht zu ge- 
winnen, dann ist doch die Lage zu verbessern oder der am leich- 
testen zu erlangende Vortheil, die räumliche Vergrösserung, zu ver- 
wirklichen. In Preussens Entwickelung lag z. B. gar nichts von der 
geographischen Nothwendigkeit eines von der Natur selbst zum Staat 
bestimmten Landes, auch nicht die ethnographische eines einheit- 
lichen Stammes, der zum Staat sich zusammenschliesst. Der Trieb 
war hier der rein politische, aus schädlicher Zersplitterung sich zu 
einem zusammenhängenden Staatswesen herauszuringen, für das aber 
dann doch im weiteren Tiefland die Küste der Ostsee und die ostdeut- 
schen Ströme natürliche Motive der Anlehnung und Ausfüllung bieten 
konnten. Dazu kamen die Veränderungen im europäischen Staaten- 
system, die Preussen hervorgebracht hatte und die ihm sogleich eine 
neue Stellung gewährten, wie denn sein ganzes Aufkommen nur in 
diesem System möglich gewesen ist. 

Hier haben wir ein Beispiel, wie es eine nicht gerechtigferligte 
Einschränkung der RiTTER'schen Idee wäre, die Naturgebiete nur in 
natürlich umgrenzten Ländern sehen zu wollen. Ritter's Gedanke 
ist umfassender und in Wahrheit tiefer. Ihm ist jeder Erdtheil ein 
grosses Naturgebiet, in dem jedes Land zugleich abhängig vom 
Ganzen ist und das Ganze beeinflusst. So ist ihm vor allem Europa 
ein Ländersystem, in dem die einzelnen Glieder nicht zufällig, sondern 
nothwendig ineinandergreifend und zusammenarbeitend nebenein- 
anderliegen. So erlheilen in jedem grösseren Individuum die kleineren 
Individuen dem Ganzen seine organische Fügung 2). Längst ist die 
Abhängigkeit des Staats-Individuums vom Erdtheil-Individuum in der 



Der Staat qNo sein Boden. 35 

pädagogischen Praxis anerkannt. Es muss aber auch in dör theo- 
retischen politischen Geographie an der Nothwendigkeit festgehalten 
werden, den Staat nur aus seiner Zugehörigkeit zu einem grösseren 
natürlichen Gebiete und zuletzt zum Erdtheil verstehen zu können. 
Jedes Land trägt Merkmale seines Erdtheiles, von dem es eine 
Unterabtheilung ist, von dem es also eine Menge von Eigenschaften 
von vornherein überkommt. Jegliche Besonderheit in der Gestalt 
eines Erdtheiles findet ihre politische Verwerthung. Eine Fülle von 
Insel- und Ualbinselstaaten wie in Europa ist in Afrika nicht denk- 
bar. Ja, es kann selbst eine Lage wie Drontheim oder St. Peters- 
burg oder New- York sich in Afrika nicht wiederholen, sowenig wie 
in Europa oder Nordamerika das Barriereriff von Nordost-Australien 
wiederkehrt. Aber eine Lage wie die Aegyptens zwischen Afrika 
und Asien (dem es die Alten zurechneten und dem es heute that- 
sächlich durch die Suds-Landenge und Sinai-Halbinsel angehört), an 
einem der mächtigsten Ströme der Erde und gegenüber Europa 
kommt nur in Afrika vor. Von jedem Land kann man sagen, so 
wie es ist, kann es nur in diesem Erdtheil sein. Und je grösseren 
Raum ein Land bedeckt, um so mehr nimmt es von der Eigenschaft 
seines Continents an. Gerade die grössten Staaten der Erde: Rus- 
sisch Asien, Britisch Nordamerika, die Vereinigten Staaten sind 
daher nach Lage und Gestalt ganz von ihren Continenten abhän- 
gig, da sie diese in bestimmten Breiten von einem Ende bis zum 
andern erfüllen. Die meisten grossen Staaten Europas liegen nur 
noch mit ihren Kernländern in Europa, während sie mit Colonial- 
besitzungen anderen Ländern angehören: Russland ist europäisch- 
asiatisch, Frankreich zunächst europäisch-afrikanisch, Grossbritannien 
hat die Eigenschaften aller Theile der Erde. Bis 1884 war Deutsch- 
land die europäischste aller Grossmächte durch seine Beschränkung 
auf Europa und ausserdem durch seine centrale Lage. Ein ganz 
anderes Verhältniss in Amerika: Kein amerikanischer Staat hat Kolo- 
nien ausserhalb Amerikas^). 

Entwickelung und Zerfall des Staates im Naturgebiet. 

Der Erdtheil,^ das Flussgebiet, das Küstenland, die Insel, die 
Oase, kurz die durch ihre Naturumgebung individualisierten Länder 
der Erde wirken kräftiger auf die Herausbildung der Individualität 

3* 



36 



Friedrich Ratzel, 



Fig. 3. 



eines Volkes und Staates als der Boden des Wohnortes auf die 
Entwickelung des einzelnen Menseben. Bei jenen Naturgebieten 
kommen grössere Züge in Betracbt, die eben nur dem Volk und 
dem Staat zu Gute kommen können. Und um soviel ein Volk länger 
in demselben Räume lebt als ein Mensch, um so tiefer zeichnen 
sich die natürlichen Eigenschaften des Wohnplatzes in das Wesen des 
Volkes und seines Staates ein, die die entsprechenden Räume ausfüllen 
und wachsend sozusagen in die grossen Nalurvortheile hineinwachsen. 
Die Inselnatur Grossbritanniens gewann erst seit der Vereinigung 
Englands und Schottlands ihren vollen Einfluss auf den Staat, dessen 
überragende Grösse von dieser Epoche an datiert. Vorher waren 

die einzelnen Flussbecken 
und Küstenlandschaften die 
Naturgebiete selbständiger 
Kleinstaaten. Die spätere Ge- 
schichte Englands und Schott- 
lands ist die fortschreitende 
Entfaltung der geographi- 
schen Bedingungen, worin 
der Zusammenschluss des 
ganzen Inhaltes der Haupt- 
insel zu einem Grossbritan- 
nien den ersten und die 
gewaltige maritime Ausbrei- 
tung den zweiten Hauptab- 
schnitt bilden. Der Vorzug 
einer interoceanischen Lage 
wird von den Vereinigten 
Staaten und Britisch Nord- 
amerika erst jetzt, in dem 
Zeitalter der continentalen 
Eisenbahnlinien, voll ausgenützt. In dem Wachsthum eines Volkes 
folgen also, so lange es ununterbrochen fortschreitet, die grösseren 
Naturgebiete den kleineren und jene wirken auf jeder Stufe als die 
Ziele, denen das Wachsthum zustrebt. Dabei entwickelt sich die po- 
litische Kraft, die einem Staat zuwächst, der ein Hinderniss seiner 
natürlichen Ausgestaltung überwindet, oft mit der Wegräumung der 




S&damorika unter epanitfcher und portugiesischer Herrschaft 
(etwa um 1780). 



Der Staat und sein Boden. 



37 



letzten Schwierigkeit so rasch, dass gerade darin ein Abschnitt seiner 
Geschichte liegt. Die Befreiung der Pyrenäenhalbinsel von der Mauren- 
herrschaft, die Vereinigung Englands und Schottlands, die Einigung 
Italiens Hessen Staatsgebiete in Naturgebiete hineinwachsen. In jedem 
dieser Fälle entstand ein f organisches Ganze von einer Kraft, die 
um ein vielfaches die der Summe der vorher getrennten Gebiete 
übertraf. 

Es liegt in der Natur der Sache, dass die grossen geogra- 
phischen Bedingungen ebenso dem wachsenden wie die kleinen dem 
sich zersetzenden Staat zu Gute kommen. In beiden Fällen machen 
Bewegungen an natürlichen Punkton und Linien halt, einmal eine 
fortschreitende, das andere 

mal eine zurückgehende. ^'^'^' 

Ein mächtig wachsender 
Staat, wie die Vereinigten 
Staaten, wächst weiter, bis 
er den Raum zwischen zwei 
Weltmeeren ausfüllt und da- 
mit die natürlichsten Gren- 
zen gewinnt, die man sich 
vorstellen kann. Ein Zer- 
fall, dessen Erzeugnisse wir 
in den innerafrikanischen 
Kleinstaaten sehen, geht bis 
auf die Grenzen der letzten 
Waldlichtungen zurück und 
die grossen vereinigenden 
Züge der Natur, die Strom- 
systeme, verlieren ihre poli- 
tische Kraft. Kommt die Na- 
tur mit kleinen Bodenformen 

dieser zergUedernden Tendenz entgegen, dann entsteht die an- 
scheinend naturgemässe Kleinstaaterei in den Gebirgs- und reich- 
gegliederten Küstenländern, die allerdings noch mehr durch ihren 
Schutz zur Erhaltung kleiner politischer Gebilde beitragen. 

So wie das Verwandte zusammenstrebt, sucht das Verschiedene 
nach auseinanderhaltenden Grenzen. Unter der Herrschaft des Ge- 




Daa heutige S&damerika. 



38 Friedrich Ratzel, 

setzes der wachsenden politischen Räume sucht das grössere Natur- 
gebiet das kleinere in sich aufzunehmen, aber das kleinere macht 
sich zeitweilig kraft seiner natürlichen Individualität frei. Das 
Recht der Sonderentwickelung setzt sich dem Streben auf Heraus- 
bildung grösserer Verkehrsgebiete und Staaten entgegen. Ein Reich 
lockert sich, »entgliedert« sich, wie Droysen es nennt. Hängt es 
dabei in alten Formen noch zusammen, dann wird es allerdings zu 
einem »politischen Monstrum«, wie es Püfendorff im deutschen Reich 
seiner Zeit sah. Dass liegt aber doch nur an dem Missverhältniss 
zwischen der gewaltigen unnatürlichen Form und dem als Ganzes 
ohnmächtigen, aber im Einzelnen durch den Anschluss an die Natur- 
bedingungen vielfach selbständigen Inhalt. 

Wächst ein Staat, der einem Lande von bestimmter Natur an- 
gehört und von dieser Natur soviel in sich aufgenommen hat, dass 
sein Charakter wesentlich dadurch bestimmt wird, über dieses Land 
hinaus, so ist es, als sei dem Organismus etwas Nichtdazugehöriges 
eingepflanzt worden. Nicht selten wird es auch wie ein Unorganisches 
abgestossen. Die Römer haben nie dauernd in Steppenländer über- 
gegriffen; an der Theiss, so wie am Euphrat blieben sie an ihrem 
Rande stehen; ihr eigenes organisches Wachsthum hatte hier ein 
Ende. Galiziens schon in der Form unorganischer Zusammenhang 
mit dem übrigen Oesterreich zeigt, wie wenig organisch der Prozess 
war, der es mit diesem Reiche vereinigte. Chiles Verbindung mit 
westlichen Gebieten des heutigen Argentinien, die dem Naturgebiet 
der Pampas angehören, war sowohl in der Entdeckungsgeschichte 
als der alten spanischen Verwaltungsorganisation als endlich den 
Unabhängigkeitsk^mpfen begründet. Das alles vermochte doch nichts 
gegen die Natur der Dinge. 

Südamerikas ganze politische Eintheilung beruhte in der Zeit der spa- 
nischen Herrschaft auf ganz willkürlichen Grenzziehungen im kaum Bekannten 
oder ins Unbekannte hinein, wie die Karls V. zwischen den Eroberungen 
Pizzaros und Almagros, und auf den Zufälligkeiten der ersten Entdeckungen. 
Ihre ünnatürlichkeit gehörte zu den Lasten, durch die die Unabhängigkeits- 
kampfe hervorgerufen worden sind. Die Neugliederung hielt in manchen 
Beziehungen die Grenzen der spanischen Provinzen fest, ist aber im Allge- 
meinen entschieden natürlicher, (Vgl. Fig. 3 und 4.) Die Vereinigung der 
früher zu Chile gehörigen Pampasgebiete in den heutigen argentinischen 
Provinzen Mendoza und San Juan mit Argentinien (Fig. 5) ist ein Triumph 
des Naturgebietes über künstliche Zutheilungen. Erst wenn eine Zukunft, 



Der Staat und sein Boden. 



39 



die wahrscheinlich noch fern ist, den Verkehr über die Cordilleren beleben 
und die so verschieden nvisgestatteten atlantischen und pacifischen Gebiete 
einander näher bringen wird, könnte auch hier eine Verbindung wieder ein- 
treten, wie sie in Nordamerika durch die kraftvolle Wirthschaft und Politik 
der Vereinigten Staaten seit 50 Jahren bewirkt ist. 

Politische Wahlv'erwan|dtschafl und politische Gravitation. 

Auf das Naturgebiet führt eine politisch-geographische Verwandt- 
schaft zurück, deren Tendenzen 

Fiir 5 

in jeglichem Staatenwachsthum 
zum Ausdruck kommen. Roms 
Wachsthum schritt am raschesten 
und zugleich mit der nachhal- 
tigsten Wirkung in den Gebieten 
vor, die Italien am ähnlichsten 
sind. Welchen Vorsprung hatte 
das Gallien, das raittelmeerischen 
Klimas 'sich erfreut, vor dem 
mitteleuropäischen und atlanti- 
schen Abschnitt. Die Provincia 
blieb immer der römischste Theil 
auch auf dem Höhepunkt der 
Romanisierung Galliens. Noricum 
erfreute sich zwar nicht solchen 
Vorzuges, aber es war doch 
viel weniger durch die Alpen 
von Italien gesondert. Daher 
ragte hier Italien bis in die Lai- 
bacher Gegend, während in 
Bhätien das Wachsthum des Rei- 
ches sehr beschränkt war. 
Rhätien hat die römische Cultur 
sich nur schwach entwickeln 
sehen. Das Land wurde nach 
der Eroberung grossentheils ent- 
völkert. Die Alpen verhinderten 

hier das zusammenhängende Wachsthum des südlichen Landes nach 
Norden. Und da das Gleiche sich an anderen Stellen wiederholte, 




Die alte nndnene Orenxe zwischen Chile nnd denLaPhkta- 
SUaten (Arg entinien). 



iO Fribdiiich Ratzel, 

blieb Rom auch in der Zeit seiner grössten Ausdehnung eine wesent- 
lich mittel meerische Verbindung von Halbinseln, Inseln und Küsten- 
ländern. 

Wie oft auch der Satz wiederholt wird: Der Staat muss sieh 
mit den Mitteln erhalten, durch die er entstanden ist, der geogra- 
phische Grund dieser Regel scheint noch nicht erkannt zu sein. Er 
liegt darin, dass die natürliche Grundlage dem Staate natürhche 
Bedingungen schafift, die seinem Leben und besonders seinem Wachs- 
thum nothwendige Ziele setzen und Richtungen ertheilen. Ein Insel- 
staat strebt die ganze Insel auszufüllen, weil er nur so den Yortheil 
der insularen Lage, die Isolierung, erreicht. Aus demselben Grunde 
kommt uns Italiens Streben nach der Alpengrenze ganz natürlich vor. 
Dass in der Zertheilung Preussens in einen östlichen und westlichen 
Abschnitt die zwingende Nothwendigkeit des Strebens nach Ueberwin- 
dung der dazwischenliegenden Hindemisse gegeben war, ist heute Je- 
dermann klar. England hat zu spät die Nothwendigkeit eingesehen, die 
Russland zum Vorrücken bis an den Hindukusch trieb, nachdem es erst 
einmal bis zum Oxus vorgedrungen war. Eine Seemacht wird immer 
wieder maritime Stützpunkte suchen, wie das nach Inseln und Häfen 
gierige England, eine continentale wird die nomadischen Reiterschaa- 
ren zu immer neuen Kosakenheeren organisieren wie Russland. Man 
muss nur in diesem Noth wendigen nicht immer, wenn es räumlich 
sich bethätigt, gleich »Gravitation« und »Attraction« erkennen wollen, 
wodurch nichts erklärt, vielmehr das Organische des Wachsthums 
nur verdunkelt wird. 

Diese W^ahlverwandtschaft braucht sich nicht an die Grenzen 
eines geschlossenen Landes zu binden. Ein Volk, das sich mit be- 
stimmten natürlichen Vortheilen verbunden hat, sucht auch ausser- 
halb seiner Grenzen dieselben wieder auf. Daher dieses Zusammen- 
streben geographisch ähnlicher Gebiete auf ein geographisches Ganze. 
Das Gebiet von grösserem Werth übt immer eine Anziehung auf 
das von kleinerem aus: die Insel auf den nächsten Festlandabschnitt, 
die Halbinsel auf den angrenzenden Theil des Festlandes, das Ge- 
birg auf das Flachland und ganz allgemein der grössere Staat auf 
den kleineren schon darum, weil er eine grössere Zahl von Natur- 
vortheilen umschliesst. Wenn man schon das vielmissbrauchte Bild 
von der »politischen Gravitation« anwendet, sollte man es nicht ein- 



Der Staat und sbin Boden. 44 

seitig in dem Sinne der Anziehung grosser Staatenbildungen auf 
kleinere anwenden, der »Attraktionskraft mächtiger Staatenbildungen« 
(Ottokar Lorenz). Die Falle, dass mächtige Staatenbildungen nach 
kleineren Gebieten hin wachsen, die grosse politische Vortheile ber- 
gen, wie Russland ans ägäische Meer und das englische Weltreich 
nach Aegypten, zeigen dass die Natur der hier wirkenden Anzie- 
hungskraft nicht so einfach ist. Ein Vergleich aus der Mechanik kann 
sie nicht aufklären. Politische und wirthschaftliche Motive, die den 
Anschluss an ein grösseres Gebiet wünschenswerth erscheinen lassen, 
können weit auseinander liegen. Die kleinen amerikanischen Staaten 
werden durch Schutzbedürfniss und EiuschUchterung, und weil sie 
wirthschaftlich zu arm und einseitig sind, auf die Vereinigten Staa- 
ten hingetrieben, sind aber weit entfernt, sich mit ihnen politisch 
vereinigen zu wollen. 

Selbst die Schweiz ist aus den natürlichen Grenzen der in ihren Bergen 
eingeschlossenen Waldstätten, deren Bergschranken fast vollständig vom Rigi 
aus zu überschauen sind, nach den weiteren Grenzen, die ihr heute gezogen 
sind, nicht blind hinausgewachsen. Der Rhein als natürliche Nordgrenze ist 
ein offen angestrebtes Ziel der Eidgenossenschaft im ganzen 45. Jahrhundert 
bis zum Schwabenkrieg und zum Beitritt von Basel und Schaffhausen ge- 
wesen, während die Vorschiebung der Südgrenze Über den Hauptkamm der 
Alpen schon frühe als die günstigste Gestaltung der Alpengrenze angesehen 
wurde. Schon der Bundesbrief von 4357 der Waldstätten mit Zürich zieht 
den Südabhang des Gotthard gegen Bedretto und Faido in das Gebiet der 
gegenseitigen Hilfe und Berathung*). Einen anderen verwickeiteren Fall 
zeigt die Anziehung des geschichtlich ehrwürdigen, kirchlich unschätzbaren, 
wirthschaftlich fortgeschritteneren Italiens auf das alte Deutsche Reich, die 
dazu beitrug, dass das natürliche Wachst hum unseres Landes nach dem 
Nordwesten zu unnatürlich schwach wurde. 

Geographische und politische Selbständigkeit. 

An geographische Selbständigkeit schliesst sich politische an. 
Desshalb ist die Frage nach der geographischen Selbständig- 
keit für die politische Geographie immer eine der wichtigsten. Für 
die physikalische Geographie ist sie unwesentlich, da die physikali- 
schen Eigenschaften und Vorgänge an der Erdoberfläche in engen 
Gebieten nur unbeträchtliche Abwandlungen erfahren. Die Biogeo- 
graphie dagegen darf sie nicht vernachlässigen. Die geographische 
Selbständigkeit einer Landschaft liegt in der Behauptung ihrer Eigen- 
art gegen die Umgebung. Die Grösse kann sie darin unterstützen, 



48 Fkicdiiich Ratzrl, 

gehört aber nicht wesentlich dazu. Jedes Eiland ist selbständig, 
wie jeder kräftig emporstrebende Berg. Die kurische Nehrung, die 
Inseln im Bodensee, eine Schwcmminsel im Flusslauf sind weniger 
selbständig. Am wenigsten sind es zuföllig herausgelöste Stücke 
eines grösseren geographischen Ganzen : ein Stück Sahara, ein Thal- 
abschnitt, eine Berghälfle, die man als Staat unnatürlich begrenzt 
nennt. Findet sich auch die Politik eine Weile mit solchen Gebilden 
ab, so überschreitet doch der Verkehr um so früher ihre willkürli- 
chen Grenzen und strebt sie dem Ganzen anzugliedern, dem sie 
durch ihre Natur zufallen müssten. 

Yerkehrsarmuth und Abschliessung arbeiten einander in die 
Hände und verzögern die Herausbildung zu grösseren in höherem 
Sinn selbständigen Gebieten. Es ist nicht bloss der Mangel der Yer- 
kehrsorganisation an sich, der die Zusammenfassung der politischen 
Räume zu grösseren politischen Einheiten erschwert. Dieser Mangel 
hat selbst seinen tieferen Grund in dem Genügen der Naturalwirth- 
schaft in sich selbst, wo jeder kleine Kreis sich absonderte und 
Staat im Staat sein will. Haben doch noch im vorigen Jahrhundert 
die westdeutschen Kleinstaaten ihr Sonderleben nur darum so unge- 
stört führen können, weil die Mischung von Ackerbau, Viehzucht 
und Gewerbe ihnen eine gewisse wirthschaftlicho Selbständigkeit ver- 
lieh, die womöglich noch durch die Herandrängung an eine Han- 
delsstrasse erhöht wurde. Mit daher die Masse von Kleinstaaten am 
Rhein und Main. 

Eben in jener organischen Bestimmtheit des Ganzen liegt auch 
der grosse Unterschied der Konflikte der Staaten. Einige sind noth- 
wendig, weil naturgegeben, andere zufällig oder willkürlich. Es 
gehört zu den grössten Aufgaben der Staatsmänner, zu erkennen, 
welche Konflikte zu vermeiden und welche zu ertragen oder viel 
leicht zu suchen sind. Eine Spannung zwischen Russland und 
Deutschland kann, wenn noch so gross, beseitigt werden, weil sie 
nothwendig vorübergehend ist, da beide Länder nicht durch vitale 
Interessen von einander getrennt sind. Das Vordringen Russlands 
in Asien muss dagegen nothwendig zu einem Zusammenstoss mit 
England führen, da es weder zurück noch stehen bleiben kann, 
sondern über den St^ppengürtel hinaus und ans Meer fortschreiten 
und im Indischen ücean Stützpunkte der Verbindung seiner euro- 



Der Staat und sein Boden. 43 

p^ischen und nordasiatischen Gestade suchen muss. Und selbst, 
wenn es so weit nicht ginge, würde Englands Stellung in Indien 
auf die Dauer die Nähe einer starken Macht nicht ertragen können, 
die ursprünglich ebenso entschieden auf kontinentalen Hilfsmitteln be- 
ruht, wie die Englands auf maritimen. 

Die räumliche Differenzierung. 

Die Differenzierung geht in den politischen Organismen nicht 
gerade so vor sich wie in den Pflanzen und Thieren und ihren Ele- 
mentarorganismen. Denn da jene durch die Zusammensetzung aus Ele- 
menten von hoher Selbständigkeit als Organismen unvollkommen sind, 
liegt die Differenzierung nicht in der Umgestaltung und Verschmelzung 
dieser Elemente, sondern in ihrer Vertheilung und Verbindung. Und 
damit ist dem Boden seine überragende Bedeutung in dem politischen 
Differenzierungsprocess gesichert. Es ist mehr Divergenz als Diffe- 
renzierung. Daran kann uns nicht die Gleichstellung der Divergenz 
und Differenzierung irre machen, die man in biologischen Werken 
findet. Sie ist eine irreführende Vermengung. Divergenz kann nur 
die aus räumlichem Auseinandergehen entstehende Theilung eines 
Entwickelungsweges bedeuten, an dessen Ende erst die Differenzie- 
rung liegt. 

Die Grundgesetze der organischen Differenzierung sind aber im 
Uebrigen wie auf Organismen auf Gesellschaften und Staaten anzu- 
wenden. Die Differenzierung ist in allen eine Wachsthumserschei- 
nung, folgt noth wendig aus der räumlichen Zunahme und erzielt 
Theilung der Arbeit, Reduktion gleichnamiger Organe, Konzentration 
der Funktionen und ihrer Organe auf bestimmte Theile des Körpers, 
Zentralisierung eines ganzen oder theilweisen Organensystems, so dass 
seine ganze Thätigkeit von einem Zentralorgane abhängig wird, und 
endlich in der Internierung der edelsten Organe*). Wenn aber von 
den Biologen »räumliche Ausdehnung im Einzelnen und Ganzen« als 
das letzte der Differenzierungsgesetze aufgeführt zu werden pflegt, so 
hat die politische Geographie vielmehr diesem Gesetz die erste Stelle 
anzuweisen, da von ihm alle anderen abhängen. Der organische 
Zusammenhang des Staates mit dem Boden macht jede Differenzierung 
des Staates zu einer Raumthatsache. Aus der räumlichen Diffe- 
renzierung, die ursprünglich nichts anderes als ein Auseinander- 



ii Fbiedrigh Ratzel, 

rücken der Elemente des Staates ist, erwachsen nicht nur die vorher 
nicht dauernd ausgeprägten Gegensätze zwischen Aussen und Innen, 
sondern es entstehen daraus alle jene Unterschiede der Entfernung, 
Lage, Raumerfüllung, Beziehung zur Bodenart und -form, die einen 
grossen Theil der Politischen Geographie überhaupt ausmachen. 

Differenzierung der Lage. 

Jedes Wachslhum ist Veränderung der Lage und so auch jeder 
Rückgang. Je weiter sich das Wachsthum aus der ersten Lage 
entfernt, um so früher tritt Abgliederung ein. Beim Wachsthum aus 
kleinen Anfängen legt sich ein neuer Staat neben einen alten, wie 
die junge Knospe an dem alten Schoss erscheint. Der alte Staat 
reckt sich damit aus seiner ersten Lage nach irgend einer Richtung 
hinaus. So entwickelt sich ein einseitiges, später daraus ein doppeltes, 
vielfaches, oder ein Mittelpunktsverhältniss zwischen den alten Staat 
und den neuen Bildungen. Eine zweite, dritte Knospe u. s. f. 
schliesst sich auf derselben Seite oder auf einer anderen an und 
mit jeder verschiebt sich die Lage mehr. Auch in grösseren Verhält- 
nissen tritt uns solches entgegen. Aus Babylon ging Assyrien hervor, 
was geographisch zuerst nichts als ein Wachslhum Babylons über 
den 36. Grad hinaus war. Aus dem Wachsthum der Neuengland- 
Staaten und New Yorks über den 75. Grad W. L. hinaus entstanden 
die Nordweststaaten, aus dem Wachsthum der Atlantischen Staaten 
im Allgemeinen über die Alleghanies hinaus entstanden jene Terri- 
torien, Knospen von Staaten, von denen eine an die andere sich 
ansetzte, bis mehrere Reihen bis zum Pazifischen Ocean hinüber ge- 
bildet waren. Deutschland wuchs über die Elbe hinaus, indem es 
die Slavenländer unterwarf und besiedelte, seine Lage wurde damit 
östlicher, seine Gestalt gestreckter, sein Tieflandantheil grösser. 
Bleibt auch der Zerfall eines Staates oft lange Zeit in den noch 
zusammenhaltenden Grenzen eine Thatsache des inneren Lebens, 
so bedeutet doch auch er immer ein Auseinanderrücken des vorher 
fest Zusammenhängenden und er wird endlich das Band der Grenze 
zerreissen, um es durch ein neues zu ersetzen. Auch diese Vor- 
gänge sind dem organischen Wachsthumsprocess zu vergleichen, wo 
in einer Zelle sich zwei neue Kerne bilden, die den vorher ein- 
heitlichen Stoß' theilen und in zwei neue Körper zusammenziehen. 



Dek Staat und sein Boden. 45 

Jeder will soviel wie möglich an sich reissen, die beiden Wachs- 
thumsprocesse kämpfen gleichsam gegeneinander um den Kampfpreis 
des zwischen ihnen liegenden noch nicht angegliederten Stoffes oder 
Gebietes. Entweder muss eine neue Grenze genügen, um die 
Trennung zu bezeichnen, oder es entwickelt sich aus dem da- 
zwischenliegenden Gebiet ein drittes. So lagen im Beginn der 
Secession zwischen den Nord- und Sttdstaaten der Union die zweifel- 
haften üebergangsstaaten Maryland, Kentucky, Missouri. Oder ein 
unversöhnUcher Gegensatz legt einen Raum zwischen die Auseinander- 
gehenden, wie in der ganzen Entwickelung der serbisch-türkischen 
Beziehungen seit der grossen Revolution die räumliche Trennung 
beider Völker, angestrebt und zuletzt in der Auswanderung der 
Türken verwirklicht ward. In allen Fällen sind auch diese Neu- 
bildungen im Einzelnen anders gelegen als das Ganze, aus dem sie 
entstanden sind. 

Die Differenzierung, die auf der Erde vor sich geht, nimmt 
immer auch etwas von der Erde in sich auf. Es fügen sich Eigen- 
schaften, die am Boden haften, zu denen, die der Differenzierungs- 
process hervorbringt. Das ist die sogenannte geographische Be- 
sonderheit, die sich zu allererst in den Eigenthün)lichkeiten der Lage 
kund giebt. Am Ostrand Australiens wachsen Kolonien, die je nach 
der Zeit und den Umständen ihrer Absonderung verschieden sind, 
nach Norden und endlich über den Wendekreis hinaus. Sobald sie in 
die Tropet\ hineingewachsen sind, über Sandy Gap hinaus, wird der 
klimatische Unterschied so stark, dass in dem einzigen Queensland 
das Bedürfnibs der Absonderung des mit freier Arbeit getreide- 
bauenden und schafzüchtenden Südens von dem mit Kulis zucker- 
bauenden Norden immer stärker wird und auf die Bildung einer 
besonderen Golonie Nordqueensland hinstrebt. Damit wiederholt 
sich, was in den nach Süden wachsenden Colonien an der Ostküste 
Nordamerikas schon vor zweihundert Jahren begonnen hat, ein 
wirthschaftlicher, socialer und zuletzt politischer Scheidungsvorgang, 
der hier sicherlich nicht für alle Zeiten durch den Bürgerkrieg von 
1861/64 zur Ruhe gebracht ist. 

Da die Lage eines Landes Zugehörigkeit zu einem be- 
stimmten Theile der Erde bedeutet, spricht sich in ihr immer 
eine Anzahl von natürlichen Eigenschaften aus, die das Land durch 



46 Fribdrich Ratzel, 

seine Lage gleichsam mitbekommt. Jede Seite der Erde und jeder 
Erdtheil, auch jedes Meer giebt dem Lande das darin oder daran 
liegt, von seinen Eigenschaften. Das gleiche gilt von den wreit- 
verbreiteten Völkereigenschaften der Rasse, der Religion, der Cultur. 
Es giebt Negerstaaten, Staaten des Islam, Staaten der Naturvölker 
in dem Negergebiet, im Verbreitungsgebiet des Islam und in den 
Gebieten der Naturvölker. In der Lage liegt aber ferner auch die 
Zugehörigkeit zu Staatengruppen, die aus benachbarten Staaten sich 
zusammensetzen. Frei von allen diesen Wirkungen der Umgebung 
ist die Lage an sich eine Eigenschaft eines Ortes oder Landes 
im Vergleich zu anderen. So kommt in Mitteleuropa die mittlere 
Lage, an den West- und Ostgrenzen Frankreichs die äussere und 
innere Lage zur Geltung. 

Differenzierung nach dem Boden. 

Auf den Staat als Ganzes wirkt der Anschluss seiner Theile 
an die Naturbedingungen immer weiter und individualisierend ein. 
Er macht, dass die Staaten in Grösse und Gestalt immer verschie- 
dener werden. Anfänglich prägt sich eine Tendenz zu kreisförmiger 
Anordnung kleiner Menschengrupp'en um einen Mittelpunkt aus, die 
primitiven Staaten eine Grundähnlichkeit in Grösse und Gestalt auf- 
prägt. Indem nattirliche Vortheile in das wachsende Gebiet ein- 
geschlossen werden, dehnt sich dieses nach deren Seite aus, wächst 
an Flüssen, Bergen, Wäldern entlang und nimmt höchst unregel- 
mässige Gestalten an, ohne dadurch unorganisch zu werden. Die un- 
regelmässigste, durch ein so natürliches Wachsthum entstandene Länder- 
gestalt kann viel organischer als eine der Form nach geschlossene sein. 
Oesterreich ist eine launenhafte Gestalt neben Kansas oder Colorado, 
aber in jenem fünfstrahligen Gebilde liegt der entsprechende Zu- 
sammenhang der Ost- und dinarischen Alpen mit dem böhmischen 
Kessel und den karpathenumschlossenen Tiefland. Hier schneiden 
dagegen die rechtwinkligen Grenzlinien Flüsse und Höhenzüge me- 
chanisch ab. 

Nun ist aber das räumliche Wachsthum des Staates als eines 
Aggregat-Organismus viel unbeschränkter als das der ächten Orga- 
nismen und so oft auch Zerfall eintrat, das Wachsthum hat ihn noch 
immer überwunden. Wir sehen von den ersten Anfängen an bis 



Der Staat und sein Boden. 47 

heute die. Staaten an Grösse immerfort zunehmen. Die grössten 
Staaten der Gegenwart übertreffen alle grossen Staaten der Ver- 
gangenheit, und nie i&it auch die Zahl der grossen Staaten so gross 
gewesen wie jetzt. Dieses fortdauernde räumliche Wachsthum, das 
tief im Wesen des Staates begründet ist, lässt also nicht bloss immer 
neue Staatengebilde hervortreten, sondern breitet auch denselben 
Staat über Grundlagen hin, die von den vorigen verschieden sind und 
daher den Staat oder seine Theile in verschiedener Weise beein-* 
Aussen. Dadurch entsteht eine Differenzierung nach dem Boden je 
nach seiner Art und Gestalt, seiner Bewässerung und Bewachsung, 
die die mit der Entfernung zunehmenden Unterschiede verstärkt. 
Legt die Natur eine absolute Trennung dazwischen wie bei Inseln, 
dann giebt das Wachsthum Anlass zu frühselbständigen, vom Mutter- 
staat abweichenden Neubildungen. Die Unterbrechung des räumlichen 
Zusammenhanges ersetzt in diesem Falle die Entfernung. Das 
Sonder- und Selbstgefühl eines in seinen nassen Grenzen ganz ab- 
gesonderten Volkes, das von keiner Macht gehindert wird, sich ganz 
allein zusammenzufassen und ohne jede Rücksicht zusammenzuhalten, 
ist von ganz anderer Stärke als da, wo die Berührung mit Nachbar- 
völkern unvermeidlich ist. So wie die Insel ein natürliches Indi- 
viduum ist, ist der Inselstaat ein natürliches und politisches. 

Differenzierung und Wachsthum. 

Mit der natürlichen Mannigfaltigkeit ihres Bodens unterstützt 
die Erde alles, was auf Sonderung und Sonderentwicklung hinaus- 
geht. Da aber diese Mannigfaltigkeit in der Thatsache ihre Grenze 
findet, dass Bodenart und Bodengestalt nur einen beschränkten Kreis 
von Eigenschaften variieren, sind auch der differenzierenden Wirkung 
des Bodens enge Grenzen gezogen, die noch weiter eingeschränkt wer- 
den durch das eigene Leben des Staates, das gegen neue Bodenein- 
flüsse sich zu behaupten sucht, indem es an altgewohnte sich an- 
schliesst. Wir sehen elementare Staaten auf günstigem Boden sich ins 
Hundertfache vervielfältigen, dabei aber einander in Grösse und 
Gestalt solange ähnlich bleiben, als ihr Boden es gestattet. Bei dieser 
Fortpflanzung und Ausbreitung, deren biologisches Analogon die Zell- 
theilung ist, wird an den gewohnten Lebensbedingungen möglichst 
festgehalten, um der Umgestaltung durch neue Lebensbedingungen zu 



48 Fribdrigh Ratzel, 

entgehen. So sehen wir Centralafrikaner bestimmter Stämme ihre 
Kleinstaaten unfehlbar in dieselben für Colocasiapflanzungen günstigen 
bewaldeten Einschnitte verlegen und kein Staat der Polynesier liegt im 
Gebirg, jeder will an der Meeresküste Antheil haben. Auch räumlich 
bedeutendere Entwickelungen, wie die Staaten der Nomaden, sehen 
wir noch durch die Anlehnung an bestimmte Naturbedingungen sich 
gleichartig ausgestalten und mit wenig Abweichunged sich so ver- 
vielfältigen . dass man sagen kann: die Organisation der Nomaden 
ist überall auf weite Weideflächen begründet; sie musste Wald und 
Gebirge nothwendig scheuen. In diesem Anschluss an bestimmte Erd- 
formen liegt aber auch ein Reifeunterschied der Staaten. Man 
kann die Erdformen bezeichnen, die auf jeder Stufe der staatlichen 
Entwickelung bevorzugt werden. Die kleinen Staaten der älteren 
Entwickelung sind sich des Werthes der grossen Formen unbewusst. 
Inseln. Küstenbuchten, Waldlichtungen, Thalbecken sind ihre Gebiete. 
Die innerafrikanische Kleinstaaterei liess die Ströme ungenützt vorbei- 
fliessen, die jetzt schon für einen erst werdenden Kongostaat Lebens- 
adern sind. Wir wissen nichts davon, dass eine grosse Naturgrenze 
wie die Alpen vor den Römern in ihrem politischen Werthe erkannt 
worden sei. So wachsen mit den Staaten auch die Maasse der räum- 
lichen Differenzierung. 

In der Grössenzunahme der Staaten liegt also auch die Weg- 
räumung einer Menge von Motiven der kleinen Differenzierung, die 
unnütz werden, sobald ein wachsender Staat sie in seine Grenze 
aufgenonunen hat. Die Waldflächen, die einst feindliche Indianer- 
stämme in Nordamerika voneinander trennten, heute aber von An- 
siedelungen, Strassen und Eisenbahnen durchbrochen werden, sind 
nach hunderttausenden von Quadratkilometern zu messen. Die Ge- 
birgskämme, noch so hoch und unwegsam, die einst die Stämme 
Rätiens schieden, haben diesen politischen Werth längst eingebüsst. 
Entweder hat die sondernde Wirkung dieser kleineren Motive über- 
haupt aufgehört, oder sie erstreckt sich nur noch auf Theile eines 
Staates. Von der wenig veränderten natürlichen Mannigfaltigkeit 
der Erde ist also die politische Gliederung immer unabhängiger ge- 
worden und scheint sogar auf dem Wege, nur noch die grössten 
natürlichen Grenzen, die der Erdtheile anzuerkennen. 



Der Staat und sein Boden. 49 

Aussonderung rein politischer Räume. 

Als eine besondere Art von innerer Differenzierung kann die 
Zutheilung rein politischer Funktionen an den Boden betrachtet wer- 
den, der sonst grösstentheils der Wohnung und Ernährung der Be- 
völkerung zu dienen hat. Diese Funktionen sind wesentlich die der 
Abgrenzung, des Schutzes und des Verkehres. Der Grenzsaum mit 
seinen Schutz- und Vertheidigungsvorrichtungen, die Schutz- und 
Vertheidigungsplätze im Lande selbst, die Verkehrswege, Markt- und 
Versammlungsplätze sind in den einfachsten Staaten, die wir kennen, 
dem Staate vorbehallene Räume, die oft weit mehr als die Hälfte 
des ganzen Staatsraumes einnehmen. Je zahlreicher die Menschen 
auf diesem Räume werden, um so mehr werden sie diese Inan- 
spruchnahme ihres Bodens für rein staatliche Zwecke als eine Ein- 
schränkung ihres Wohn- und Nährgrundes empfinden und sie zurück- 
zudrängen suchen. Der Staat selbst unterstützt dieses Streben von 
dem Augenblick an, wo er in der Zahl seiner Bewohner eine Kraft 
erkennt, die leicht gesteigert werden kann. Der wirthschaftliche 
Boden kämpft dann gegen den politischen, der immer schwächer 
wird, bis einzelne von seinen Funktionen überhaupt den Halt am 
Boden aufgeben und sich sozusagen in die Luft erheben. Dazu 
gehört vor allem die Grenze, deren Schutzvorrichtungen sich immer 
mehr auf wenige Punkte zusammenziehen, während sie selbst nur 
noch in Grenzsteinen ein körperliches Dasein bewahrt. Die Ver- 
kehrswege und -platze vertauschen ihren politischen Charakter mit 
einem wirthschaftlichen , der immer einseitiger hervortritt, ziehen 
sich aber gleichzeitig auf immer engere Räume zusammen. Manche 
Gebiete gewannen wesentlich als Träger des Verkehrs politische Be- 
deutung und weite Strecken Sibiriens, der Sahara und anderer 
grossen Länder sind wesentlich nur als Verkehrsgebiete erworben 
und besiedelt worden; aber selbst hier wird die Eisenbahn den 
Verkehr auf einen schmalen Landstreifen zusammendrängen und der 
Rest wird dadurch an selbständigem Werth gewinnen. 

Correlation. 

Es gehört zum organischen Charakter des Staates, dass er als 
ein ganzes sich bewegt und wächst und wenn auch nur seine Ele- 

Abhandl. d. K. 8. Oeselltch. d. Wissensch. XXXIX. 4 



50 Friedrich Ratzbl, 

mente sich bewegen und vermehren, ist es doch Bewegung und 
Wachslhum fUr das Ganze. Die Zunahme an einer Stelle kommt 
allen anderen Gebieten als ein Zuwachs der Summe des Bodens, 
der Bewohner und der Möglichkeiten zu. Das wäre nicht möglich, 
wenn der Staat nichts wäre als die »universitas agrorum inlra fines 
cujusque civitatis«, wie ihn eine platte Definition heisst. Auch wenn 
nicht in Wegen, Grenzstrichen, Befestigungen ein Gemeinbesitz läge, 
der nur dem Ganzen dient, fühlte doch bald jeder Hausstand, dass 
die Schädigung des Ganzen ihm schadet und das Gedeihen des Gan- 
zen ihm frommt. Dieses Gemeinschaftsgefühl nimmt in modernen 
Staaten den ausgesprochenst territorialen Zug an, der sich durch 
eine hochgesteigerte Empfindlichkeit gegen den kleinsten Uebergriff 
in das Staatsgebiet kundgiebt und einen Gebietsverlust als einen un- 
ersetzlichen Schaden der Gesammtheit erscheinen lässt. 

In einem Aggregat-Organismus aus so gleichartigen Elementen 
wie der Staat kommt die Correlation der Theile stärker zur Geltung 
als in Organismen mit bestimmten Organen. Nur in solchen ist die 
Correlation bisher studiert worden, aber mit wenig Erfolg. Im 
Staat ist ihr Wesen einfacher durch die gleiche Grundlage, die 
gleichartigen Elemente und die grosse Stellung des Centralorgans. 
Hauptsächlich von diesem hängt ihre Wirksamkeit ab, denn es be- 
herrscht die inneren Verbindungen. Das Nelz der Verkehrswege 
setzt in den höher entwickelten Staaten jeden Theil mit jedem 
anderen in Verbindung. Aber auch in den primitiven Negerstaaten 
verknüpft ein Späher- und Zuträgersystem die Grenzgebiete mit dem 
Häuptlingsdorf. Ueberall ist die Peripherie des Staates mit dem 
politischen Mittelpunkte besonders eng verbunden, denn beide dienen 
in verschiedener Weise dem Schutz des Ganzen. So wie es eine 
tiefliegende, nicht immer sichtbare, nur unter Umständen zu Tage 
tretende Verbindung unter den politisch wichtigsten Stellen eines 
Reiches giebt, so verknüpft der wirthschaftliche Verkehr die ent- 
ferntesten Gebiete der ganzen Erde. Hier beruht die Verbindung 
in der Ausbreitung eines Netzes geschichtlicher Strömungen über die 
Erde hin,'' durch deren Zusammentreffen und Durchkreuzen eben 
bestimmte Stellen beim Ausgang, am Ziel, in der Mitte ihre grosse 
Bedeutung erlangen. Die Zusammendrängung alles Verkehres zwischen 
dem nördlichen Atlantischen und dem Indischen Ocean in den Ganal 



Dbr Staat ond sein Bodbn. 51 

von Sues ruft eine enge Beziehung zwischen Sues und London und Sues 
und Bombay hervor, d. h. zu dem Punkte, wo die Herrschaft über den 
Indischen Ocean ausgeübt wird. So empfand einst kein Punkt der alten 
Welt die Erfolge Roms in Iberien so stark wie Karthago, denn ein Theil 
der Grösse von Karthago hing von der Beherrschung der Strasse von 
Gibraltar ab. Die Wiederbelebung dieser Strasse am Ende des 1 3. Jahr- 
hunderts hatte die wunderbare BlUthe Brügges zur Folge, überhaupt 
wurde dadurch Flandern der grosse Tauschmarkt süd- und nordeuro- 
päischer Erzeugnisse. In der Ausnützung dieser Yerkehrs-Correlationen 
liegt die erstaunliche politische Expansivkraft der grossen Handels- 
mSichte, die fast sprungweis über die Erde sich ausbreiteten, indem sie 
einfach diese wirthschaftlichen Anknüpfungspunkte politisch befestigten. 

Aussonderung von Verbindungen. 

Da Differenzierung aus Wachsthum entsteht, und dem Gesetz 
der räumlichen Zunahme alier politischen Körper untergeordnet ist, 
kann sie nicht in der Sonderung ihre ganze Aufgabe erfüllen, sondern 
muss auch für die Verbindung sorgen. Es müssen Verkehrswege 
und -räume sich ausbilden. Durch diese Entwickelung , die selbst 
ein Stück Arbeitstheilung ist, wird die Arbeitslheilung in anderen 
Beziehungen erst möglich. Sie gestattet vor allem die Vertheilung 
wirthschaftlicher und politischer Leistungen auf weitere Gebiete. 
Was den Verkehr erleichtert, bahnt auch politischen Einflüssen den 
Weg. Daher ist jedes Flusssystem immer auch eine grosse politische 
Organisation zu politischen Zwecken und jedes Meer ist ein politisches 
Expansionsgebiet. Es kann hier nur angedeutet werden, wie der 
ursprünglich dem Staate dienende Verkehr sich bei fortschreitendem 
Wachsthum immer selbständiger macht und endlich dem politischen 
Wachsthum vorauseilend Interessen schafft, die eines Tages ihr un- 
politisches Gewand abwerfen und den Staat unmittelbar fördern 
werden. Sie bewirken es, dass die Differenzierung der Verkehrs- 
gebiete die politische überholt und ihr die Wege zeigt. 

Da jeder Verkehrsweg einmal für sich Land, also ein Stück 
politischen Raumes ist, und dann von Land umgeben wird, das nicht 
von ihm getrennt werden kann, schliesst jede Verkehrsfrage noth- 
wendig immer eine politisch - geographische ein. Niemand wird 
glauben, dass die Saharabahn gebaut werden könnte, ohne dass die 



52 Friedrich Ratzbl, 

Macht, die dieses Werk ausführt, zugleich die Sahara in weitem 
Bereich zu beiden Seiten der Bahn beherrscht. Gerade wie bei der 
ersten Pacificbahn ist der Bahnbau das Mittel eine gewünschte und 
zum Theil schon formell bestehende Herrschaft zu verwirklichen. 
Als das russische Fort Petro-Alexandrowsk am rechten unteren Oxus 
gegründet war, blieben für die Verbindung mit dem Kaspisee nur 
die Wege über Chiwa und über Merw und schon 1874 war voraus- 
zusehen, dass die Unabhängigkeit beider nicht mehr von langer 
Dauer sein könne, da Russland mit dem Verkehr auch den Boden 
beherrschen musste. Die planmässige Besiedelung Sibiriens ging zu- 
nächst auf die Besetzung und die Schaffung der Verkehrswege aus. 
So finden wir denn noch heute den grössten Theil der Bevölkerung, 
im Bezirk von Kainsk nicht weniger als 93%, in dem dichter bevöl- 
kerten Gouv. Tomsk doch V4 der Bevölkerung längs der Posistrasse. 
Die Eisenbahn verschiebt langsam diese Vertheilung, verwirklicht 
aber dasselbe Prinzip nur noch stärker auf einem anderen Raum. 

Das Wachsthum aller politischen Gebilde macht auch ihre Ver- 
bindungen immer grösser und auf dasselbe Ziel wirkt auch die Con- 
centration hin. So sehen wir ganze Länder mit der Aufgabe der 
politischen Verbindung behaftet und dadurch in ihrem Werthe ausser- 
ordentlich gesteigert werden. Die Landengen von Sues und von 
Mittelamerika nehmen als Träger der kürzesten Verbindungen zwi- 
schen dem Atlantischen und Indischen und dem Atlantischen und 
Stillen Ocean eine wahre Weltstellung ein, denn sie verbinden die 
grössten natürlichen Räume der Erde. Der Versuch einer einzigen 
Macht sie zu okkupieren, verleiht dem Begriffe Weltherrschaft den 
praktisch greifbarsten Inhalt. 

Die Concentration. 

Die einzelnen Differenzierungsgesetze der Biologen treten erst 
in Folge der räumlichen Differenzierung durch Wachsthum in Wirk- 
samkeit. Zunächst entspricht der »concentrischen Differenzierung« 
im Leben der Zellen die Anordnung peripherischer abgelöster Theile 
um neue Mittelpunkte, also die Bildung neuer Staaten. Die Zu- 
sammenfassung aller Macht um den Palast oder — bei den Ne- 
gern — um die Hütten des Herrschers prägt sich räumlich in der 
Lage der Siedelungen der mitrathenden und mitthatenden Freien 



Der Staat und sein Boden. 53 

aus. Sie zeigen die Neigung zu concentrischer Lage um den Macht- 
mittelpunkt und werden immer spärlicher nach aussen bis die leeren 
Grenzgebiete erscheinen. Und so legen sich auch weiter aussen die 
Yasallengebiete rings umher. Damit geht die Tendenz auf kreis- 
förmige Gestalt der Siedeluogscomplexe wie der Staaten zusammeo. 
Das zeigt sich bei den kleinen Weilern oder Dörfchen der Gehöfte der 
Sandeh, die mit 8 — 12 Hütten einen kreisrunden Platz umgeben, 
und von Nachbarsiedelungen durch die Aecker und Gärten getrennt 
sind, mit denen zusammen sie concentrisch um die Gehöfte eines 
Unterhäuptlings liegen. Eine solche Vereinigung von kleinen Siede- 
lungen liegt dann wieder mit anderen concentrisch zu der des Für- 
sten und die Grösse dieser Gomplexe schwankt zwischen 1 und 
5 km Durchmesser. An dieser Anordnung hat in vielen Theilen 
des Uelle-Gebietes auch die ägyptische oder nubo-arabische Herr- 
schaft nichts geändert: die Seriben nehmen ebenso den Mittelpunkt 
ein wie einst die grossen Palasthütten eines Munsa. 

Der Gegensatz zwischen Zusammendrängung und Leere ist für 
diesen Zustand bezeichnend. Politische Unsicherheit verschärft ihn, 
indem sie die aussenlicgenden Siedelungen zu Gunsten eines Platzes 
in der Nähe des Herrschers aufzugeben zwingt; politischer Zerfall 
verwischt ihn, indem nun heimathlose Flüchtlinge sich in die Grenz- 
öden flüchten und neue Staaten begründen. Es ist das Leben der 
Zellen mit allen Erscheinungen der Theilung, Sonderung, Auflösung 
und Neubildung. So wie nun diese Gemeinschaften der Menschen 
ursprünglich in Grösse und Gestalt einander ähnlich sind, gleichen 
sie einander auch nach ihrem Inhalt. Jede einzelne ist anfänglich 
ein möglichst abgeschlossenes Ganze, das sich selbst genügt. Je zahl- 
reicher sie werden und je stärker die Lebensenergie in den einzelnen, 
desto nothwendiger wird der Austausch und die Wechselwirkung und 
damit der Verkehr. Zu dem vorher allein wirksamen inneren Leben 
kommt damit ein äusseres. Damit beginnt aber eine neue Theilung 
der Arbeit, die den verschiedenen Gemeinschaften ganz verschiedene 
Aufgaben stellt. Wenn vorher sich das Wachsthum und die Wachs- 
thumsergebnisse über einen weiten Raum ganz gleichmässig wieder- 
holten, so macht doch nicht immer die Gesammtheit der Glieder einer 
Gemeinschaft diese Entwickelung mit. Wir haben vielmehr eine 
Enlwickelung im Volke statt des Volkes. Es ist die sociale Diffe- 



54 Friedrich Ratzbl, 

renzierung®), die die Biologen der »elementaren Differenzieninga der 
Einzelzelle gegenüberstellen. Zunächst machen auch hier die räum- 
lichen Verhältnisse jeder einzelnen sich geltend. Neben übermässi- 
gem Wachsthum erscheint Stillstand und Rückgang, dadurch bilden 
sich Grössenunterschiede heraus, es finden Verschmelzungen statt. 
Gleichlaufend damit wächst der politische und wirthschaftliche Werth 
des Bodens. Grund und Boden einst gleichmässig zur Nutzung Aller 
vertheilt, wird Mittel und Ausdruck sozialer und politischer Nacht, 
um deren Mittelpunkte sich grössere Bevölkerungsmengen sammeln. 
Stadt und Land treten einander gegenüber und die Stadt wirkt auf 
das Land, das sich mit Wegen bedeckt, die von dem Mittelpunkt 
ausgehen, mit dessen Wachsthum auch die Bahnen des Verkehrs sich 
immer mehr vertiefen und dauerhaft werden. So wiederholt sich 
nun eine concentrische Differenzierung auf höherer Stufe, 
in der der Mittelpunkt immer grössere Gebiete in seine Einflusssphäre 
zieht und diese immer ausgesprochener mit Bezug auf ihn sich an- 
lagern und umgestalten. Leitend ist auch hierbei der räumliche 
Gegensatz zwischen dem engen Gebiet der Zusammendrängung und 
dem weiten, auf das dieses hinauswirkt. 

Je rascher der Umlauf, desto grösser die Kraft, ist ein Salz, dessen 
Wahrheit in der politischen Welt durch die überragende Thüligkeit der 
Städte mit ihrer reissenden Bewegung und unwiderstehlichen Kraft bewiesen 
wird. Welche Langsamkeit und Schwäche in ungleich viel grösseren acker- 
bauenden Gemeinschaften! Die Zusammendrüngung von Menschen eines 
primitiven Staates auf den engen Raum des Häuptiingsdorfes, der von weiten 
menschenleeren Flächen umgeben ist, schafft ebendarum etwas so ganz Eigen- 
artiges. Es ist nicht bloss die Summirung, sondern die Steigerung des Le- 
bens, das als ein Gemeinsames sich von seiner Umgebung abhebt und doch 
mächtig bis auf die äusserste Peripherie hinauswirkt. Dort bei gleichmässi- 
gerer Yertheilung des Bodens die Zerstreuung der Bevölkerung über das 
Land, hier die Zusammendrängung eines grossen Theiles davon auf den engen 
Raum, dort langsame Entwickelung bis zum Stillstand, hier frühe Reife, dort 
Dauerhaftigkeit, hier Vergänglichkeit. Wir sehen den grossen Unterschied 
zwischen den Gebieten, wo früh die centralisierende Differenzierung durch- 
gegriffen hat, und denen, die davon frei geblieben sind. Die Theilung der 
Arbeit durch die Concentration der Funktionen und damit die Leistung ist 
dort rascher fortgeschritten. 

Die räumliche Yertheilung und Auslese der Leistungen. 
Verstärkt und erweitert sich der politische Besitz mit der Masse 
der Bewohner, so kann das also nie eine einfache Summierung der 



Der Staat und sein Boden. 55 

Bewohner und der Landstücke sein, sondern zu dieser Verstärkung 
trägt wesentlich ihre ungleiche Vertheilung über das von Natur un- 
gleich begabte Land bei. Schon die erste Colonisation eines neuen 
Landes strebt nach den politischen Vortheilen wichtiger Punkte, die 
sie zuerst in Besitz nimmt. Darin liegt von Anbeginn ein Anschluss 
an die geographischen Eigenschaften des Bodens und der Anfang 
einer neuen Differenzierung, der Concentration der Leistungen auf 
bestimmte Theile. Die politische Organisation ist dann immer zu- 
gleich ein Auswählen unter den natürlichen Vortheilen des Bodens. 
Wie Themistokles die Seemacht Athens auf den Ausbau des einen 
von drei Häfen, des Piräus gründete, ist ein typischer Fall. Mit dem 
Wachsen des Tiefganges der Schiffe sind viele einst bedeutende Häfen 
aus der Reihe der politisch wichtigen ausgeschieden und nur wenige 
blieben zu weiterem Wachsthum berufen. Denselben Process zeigen 
die Alpenpässe und -Strassen, von denen der Verkehr heute weniger, 
diese aber intensiver, benutzt, als vor 100 Jahren. Wie ragt heut 
die politische Bedeutung des Brenner oder Golthard über die Nach- 
barpässe hervor, denen sie noch vor 100 Jahren viel ähnlicher 
waren. Wie wenig bedeutete damals der Semering! 

Die Erkenntniss solcher Vortheile hat ihre Geschichte, die mit 
der Geschichte des Wachsthums des Staates verknüpft ist. Auch 
dem Weitblick denkender Staatsmänner taucht sie nur auf, wenn 
er die Richtung erkennt, in der noth wendig dieses Wachsthum vor 
sich gehen muss. Themistokles hat den Piräus für Athen poli- 
tisch erst entdeckt als er ihn vor allen bekannteren Buchten mit 
der wachsenden Zukunft Athens als Seemacht verknüpfte. Japan 
liess umgekehrt in den Jahrhunderten der Abgeschlossenheit seine See- 
häfen versanden bis das Erscheinen der westlichen Flotte ihm seinen 
Beruf zur Seemacht zeigte. Als England 1712 die Abtretung 
Gibraltars forderte, hatte es seinen vollen Werth als Schlüssel des 
Mittelmeeres noch nicht verstanden. Sonst würde es sich nicht im 
Verweigerungsfalle mit Port Mahon begnügt haben. Die Erwerbung 
Indiens, der indische Ueberlandweg und der Sueskanal haben diesen 
Werth immer klarer gemacht. Erst Napoleon hat die Welt über die 
Bedeutung Maltas für die Beherrschung des Mittelmeeres aufgeklärt. 
Neue Entwickelungen schaffen neue Bedürfnisse und öffnen den 
Blick für politisch-geographische Vortheile, die vorher todtlagen. 



56 Fri£dbich Ratzbl, 

Ein anderes Beispiel : Als Chile sich im Norden Atacamas bemächtigt 
hatte, musste es für dieses silber- und salpeterreiche aber wüste 
Land sein Ackerbaugebiet im Süden erweitern und der vermehrte 
Nahrungsbedarf belebte zugleich den Verkehr über bisher wenig 
beachtete Cordillerenpässe. Neue Bedürfnisse die dem Staate zu- 
wuchsen, riefen also auch neue Leistungen in entlegenen Gebieten 
hervor und schufen damit neue politische Werthe. Diese politischen 
Entdeckungen und Verwandlungen gehören zu den anziehendsten 
Erscheinungen der Geschichte. Sie vorauszusehen macht einen Theil 
der Grösse der Staatsmänner aus. 

Aber die ausgesprochen eigenartige Bedeutung mancher ErdsteDen giebt 
sich ganz plötzlich und unerwartet im Lauf der geschichtlichen Bewegungen 
kund. Jahrhunderte lang wachsen von verschiedenen Seiten eines Erd- 
theiles Staaten einander entgegen, bis sie plötzlich von einer und derselben 
Erdstelle eine mächtigere Beeinflussung erfahren, die über alle bisherigen 
BodeneinflUsse hinausreicht. Zum Theil ist darin die Verstärkung einer ge- 
schichtlichen Bewegung durch ein geographisches Hinderniss, zum grösseren 
die plötzliche Entstehung neuer vielleicht weit reichender Beziehungen wirk- 
sam. Ohne den Bhein würden die Germanen unbeachtet von den Römern 
sich über Gallien ergossen haben. Die Cordilleren sind über drei Jahrhun- 
derte ein todtes, passives Ding in Südamerika gewesen. Die Länder waren 
hüben und drüben mit sich selbst beschäftigt, lebten ganz in sich beschlossen. 
Da plötzlich erzeugt die wachsende Bevölkerung und der zunehmende Ver- 
kehr das Bedürfniss durchgehender Linien zwischen dem Stillen und Atlan- 
tischen Ocean und nun werden die Pässe, die Grenze, die Eisenbahnen der 
Cordilleren die grösste zwischenstaatliche Frage in ganz Südamerika. Noch 
lehrreicher ist das Hervortreten des bis vor wenigen Jahrzehnten ganz 
in geschichtlicher Dämmerung stehende Hindukusch, wo schon der erst 
zu erwartende Eintritt in die Geschichte grosse Veränderungen hervorruft. 
Das Herantreten Russlands ap den Nordfuss des Hindukusch und in die 
Thäler der Pamir ändert gar nichts an den Machtverhältnissen dieses Landes, 
soweit sie vom Boden unabhängig oder wenig abhängig sind. Seine Volks- 
zahl wächst dadurch nur unmerklich, sein Reichthum nimmt kaum zu, und 
auf die geistigen Elemente des Reiches übt dieser vergleichsweis geringe 
räumliche Fortschritt keinen fühlbaren Einfluss. Die Bereicherung, die es 
erfährt, kann also nur im Boden liegen, und zwar weder in der Fruchtbarkeit 
noch in den Bodenschätzen, die gering oder noch nicht bekannt sind, son- 
dern in der Bedeutung der Formen der Erdoberfläche für die politischen 
Bewegungen. Dass diese Glieder des innerasiatischen Gebirgssystems gerade 
an der Stelle zusammentreten, wo von Norden und Süden her das tura- 
nische und das indische Tiefland einander am meisten sich annähern , giebt 
ihnen den Werth eines der wichtigsten Durch gangslönder. Dieser Werth ist 
seit kurzem so klar, dass er schon jetzt die politische Bedeutung des früher 



Dbr Staat cnd sein Boden. 57 

halbvergessenen Tschitral in den Augen der Engländer wunderbar empor- 
geschnellt hat. 

Die mit der Differenzierung eintretende Steigerung des 
politischen Werthes des Bodens wirkt individualisierend. 

Wenn auf tieferen Stufen die natürlichen Vortheile überhaupt 
nicht zur politischen Ausnützung kommen, so werden sie, sobald sie 
einmal erkannt worden sind, von einzelnen expansiven Mächten in 
ihrer ganzen Ausdehnung umfasst und ausgebeutet, so lange bis sie 
in derselben oder noch zunehmenden Ausdehnung an Nachfolger über- 
gehen, die sie dann bei wachsendem Werthe zertheilen und tiefer 
ausnutzen. So folgten im Mittelmeer den Phöniciern, die zu einer Zeit 
alle günstigen Inseln, Halbinseln und Küstenpunkte besetzt hatten, 
die Griechen, diesen die Römer und deren Erbschaft waren im 
8. Jahrhundert die islamitischen Mächte bereit zu übernehmen. Heute 
ist keine einzelne Macht Herrscherin im Mittelmeer. Neben Frank- 
reich, Italien und England, die alle drei nebeneinander in erster 
Linie stehen, sind Oesterreich und Russland mächtig, von den klei- 
neren zu schweigen. Während der spanischen Erbfolgekriege spielte 
eine grosse Rolle »das System der Seemächte«, Englands und Hol- 
lands, die die Landmächte gegen einander ausspielten, um ihrem 
Handel das Meer frei zu halten. Damals kam, mit durch ihren 
Gegensatz, Frankreichs Flotte empor, neben dem aber nur Spanien 
noch zählen konnte. Nach 1815 gab es dann lange praktisch nur die 
eine englische Seemacht. Heute ist im friedlichen Verkehr und in den 
Kriegsflotten ein solches Uebergewicht nicht mehr denkbar und dass 
jede europäische Grossmacht auch zugleich Seemacht geworden ist, 
bedeutet die folgenreichste Aenderung in der europäischen Geschichte 
der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Es hat sich damit in der 
Ost- und Nordsee und im Atlantischen Ocean derselbe Zustand ent- 
wickelt, der schon früher im Mittelmeer entstanden ist. Alle natürli- 
chen Eigenschaften der Küsten und Meere werden dabei gründlicher 
ausgenützt, die Zahl der Häfen, Seebefestigungen, Leuchtthürme, Land- 
verbindungen mit der Küste wächst immerfort. Ein anderes Bei- 
spiel: Als alle Alpenpässe im Besitze Roms, wie später des fränkischen 
und des deutschen Reiches waren, war der Verkehr, der über alle 
sich bewegte, nicht so gross wie jetzt über einen ; aber fünf Mächte 



58 Friedrich Ratzkl, 

theilen sich jetzt in ihren Besitz. Der Boden blieb derselbe, aber 
die Menschen haben sich vervielfältigt und stellten an diesen selben 
Boden von Geschlecht zu Geschlecht wachsende Anforderungen, die 
die Bodenantheile und -beziehungen vermehren, für jeden Theil ver- 
kleinern und dadurch aber zugleich vertiefen mussten. 

Die Organe des Staates. 

Der Organismus unterscheidet sich vom Aggregat durch die 
Theilung der Arbeit, die Organe schafft. Je näher ein Organismus 
dem Aggregat steht, desto weniger differenziert sind seine Organe. 
In der Eigenthümlichkeit des Staatsorganismus liegt es, dass er nur 
in geringem Masse seine Elemente umbilden kann. Bei ihm liegen 
vielmehr in den Unterschieden seines Bodens und der räumlichen 
Vertheilung seiner Bevölkerung über diesen Boden die wichtigsten 
Ursachen der Organbildung. Wir finden daher immer im Vorder- 
grund die grossen Gegensätze der peripherischen und centralen Pro- 
vinzen, der Seeküste und des Binnenlandes, der Gebirgs- und Flach- 
landprovinzen, der Städte und des Landes, der dicht und dünn be- 
völkerten Gebiete eines Staates. Sehr viele geschichtliche Unter- 
schiede im Inneren der Staaten ruhen auf geographischen Grund- 
lagen. Der geschichtliche Gegensatz der alten und jungen Staaten 
in der nordamerikanischen Union ist zugleich ein Gegensatz zwischen 
atlantischen und pazifischen, östlichen und westlichen, feuchten und 
trockenen, dichtbevölkerten und dünnbevölkerten Gebieten. Wir 
haben gesehen, wie innere Unterschiede der Völker und Staaten 
sich geographisch zu lagern streben, um an Bedeutung zu gewinnen. 

Einzelne Theile eines Organismus hängen enger mit dem Leben 
des Ganzen zusammen als andere. Man muss ihre Stelle im Orga- 
nismus kennen, um ihren politischen Werth zu verstehen. Jeder 
Staat hat Provinzen oder Bezirke, deren Verlust ihm den Tod bringt, 
und andere, die ohne Gefahr verloren werden können. Solche vitale 
Theile der Staaten sind vor allem die, in denen die Lebensfäden 
des Verkehres laufen. Ein grosses Land kann seine Seeküste oder 
seine offene Stromverbindung mit dem Meere nicht entbehren. 
Ungarn wird alles daran setzen, Fiume sich zu erhalten, in dem sich 
sein ganzer Seeverkehr zusammendrängt. Taurien mit seinem Salz 
und seinen Fischereien, den Pelzen und der Wolle seines Hinter- 



Der Staat und sbin Bodbn. 59 

landes war einst noch ausgesprochener ein mit Waaren und Ver- 
kehr erfüllter Zipfel, allein zugänglich in einem öden weiten weg- 
losen Lande. Man konnte es als ein höchst individualisiertes Organ 
concentrirten Verkehrslebens bezeichnen. Von der Donau zurück- 
gedrängt wäre Serbien unheilbar verstümmelt. Daher sein festes 
Halten an Belgrad. Solche Vortheile sind nicht zu ersetzen. Die 
Schweiz ist ohne ihre Alpengrenzen auf drei Seiten nicht denkbar, 
während die Ausdehnung ihres nördlichen Hügellandes über den Rhein 
hinaus oder die Umfassung eines mehr oder weniger grossen Theiles 
der Jura durchaus nicht zu ihrem Wesen gehören. Der mit dem 
Meere verbindende Unterlauf eines Flusses ist unersetzlich, für den 
Schiffahrtsweg des Mittellaufes kann eine Eisenbahn wenigstens zeit- 
weilig eintreten. Jenes sind Werthe, die fortschreitend mit steigender 
Kultur wachsen, diese mögen zeitweilig abnehmen. 

Die praktische CoDsequenz der organischen Auffassung ist die Verur- 
theilung der mechanischen Gebietsvertheilungen, die einen politischen Körper 
wie den Leichnam eines geschlachteten Thieres behandeln, aus dem Sttlcke 
unbektlmmert wo? und wie gross? herausgeschnitten werden, weil es doch 
nicht mehr auf das Leben ankommt. So kann man von England sagen, 
dass sein Herausschneiden des Niger-Benuö-Systems bis Say und Yola den 
ganzen westlichen Sudan versttlminelt und besonders das gesunde d. h. 
organische Wachsthum der deutschen und französischen Kolonien an der 
Gold- und Sklavenküste unmöglich gemacht hat. Deutschland hätte ein 
natürliches Recht eine Ausdehnung an den schiffbaren Benuö und Niger zu 
verlangen, so wie es sie an die grossen Seen Ostafrikas, den Sambesi und 
den Tsadsee gewonnen hat. 

Die inneren Unterschiede eines Staates sind also grösstentheils 
geographisch begründet, und die geographische Beziehung zum Ge- 
sammtorganismus bestimmt ihren Werth. Das gilt von den einzelnen 
geographischen Erscheinungen, wie von den Provinzen und den 
natürlichen Abschnitten. Geographische Elemente eines Landes, die 
in der Richtung seiner wichtigsten Eigenschaft wirken, haben den 
grössten Werth, weil sie sich zü einer Summe schon vorhandener Vor- 
theile summieren. Für die Pyrenäenhalbinsel sind die Pyrenäen von 
besonderer Bedeutung, weil sie die Halbinselnatur fast bis zum Insu- 
laren steigern. In der älteren Geschichte der Apenninenhalbinsel 
kam dem Po eine ähnliche, wichtige Stelle wie iti der neueren den 
Alpen zu; auch er steigerte den Vorzug der Halbinselnatur. Wie 
viel weniger bedeuten in anderer Lage mächtigere Flüsse als dieser. 



60 Friedrich Ratzel, 

Eine steile, hafenreiche Küste steigert die Vortheile, die einer Insel 
ohnehin zukommen und vermehrt daher die poh'tische Kraft des 
Inselstaates. Für ein Land von vorwiegend continentaler Entwicke- 
lung bedeutet sie viel weniger. Fügen sich solche Gebiete einem 
Staatsgebiete zu, dann entstehen jene plötzlichen Steigerungen der 
politischen Bedeutung, deren wir oben (S. 35) gedacht haben. 

Wirtschaftsgebiete als Organe. 

Die politische Arbeit eines Staates ist über sein ganzes Gebiet 
hin nicht so verschiedenartig, dass durch sie die Organbildung 
wesentlich gefördert werden könnte. Die Unterschiede der Lage 
und die Concentration reichen nicht dazu hin. Die wirthschaftliche Ar- 
beit aber ist abhängig vom Klima und der Bodenart, zwei Eigenschaf- 
ten, die politisch ohne unmittelbare Bedeutung, aber geeignet sind, die 
wirthschaftliche Bedeutung der Länder tief verschieden zu machen. 
Wenn ein Staat eine Provinz wegen ihres Getreide- und die andere 
wegen ihres Holz- und eine dritte wegen ihres Silberreichthums 
nöthig hat und darum sie seinem Gebiet anschliesst, so stehen sie 
thatsächlich zu dem ganzen Wirthschafts- Organismus wie Organe. 
Verliert er eins davon, so verarmt das ganze und wird einseitig. 
Ist dagegen der Wirthschafts-Organismus des Staates so, dass die 
Gebiete ihre Rechnung in der Zugehörigkeit dazu finden, so wird 
der Zusammenhang des Ganzen um so fester. Aegypten in seiner 
Stellung im Römischen Reich wird immer eines der grossartigsten 
Beispiele eines ganz zum Organ heruntergedrückten Gebietes sein. 

Die politische Unfreiheit Aegyptens, das allein unter allen römischen 
Provinzen keine Vertretung hatte, verband sich mit seiner wirthschaftiichen 
Ausbeutung, um daraus die wichtigste Stütze der Macht des Kaisers [zu 
machen. Aegypten war in vorrömischer Zeit die erste Finanzmacht der 
mittelmeerischen Welt und die Römer fuhren fort, aus dem Lande den mög- 
lichst hohen Ertrag herauszuwirthschaften. Dieses Muster für die intensive 
Ausbeutung eines Bodens und Volkes wurde ihnen nicht vergebens vorge- 
halten. Die Lagiden besonders waren ihre Lehrmeister. Aegypten, das nie 
senatorisch, sondern immer kaiserlich war, wurde wie ein Ackergut bewirth- 
schaftet. Die Römer haben wesentliche Verbesserungen in den Kanälen und 
Schleusen eingeführt. Je abhangiger Italien von den anderen Getreidelän- 
dern wurde, desto wichtiger wurde der Besitz Aegyptens. Aegypten und 
Afrika lieferten zwei Dritttheile des Getreides, das Italien zu seinem Unter- 
halt in der späteren Kaiserzeit brauchte. Durch Aegypten hielt der Kaiser 



Der Staat und 8BIn Boden. 61 

Italien in Schach. Yespasian sicherte sich die Krone, indem er Italien durch 
seine Truppen besetzen Hess und die Herrschaft tlber Aegypten selbst er- 
griff. England ist gegenwärtig im Begriff Aegypten zu einer verkehrs- 
poiitisch ähnlich wichtigen Stellung in seinem Weltreiche umzubilden. 

Auch in dem wirthschaftlichen Organismus kommt aber doch stets 
die Summe der Uebereinstimmungen in den natürlichen Eigenschaften 
der Erde wieder zur Geltung und drängt die Tendenz auf Organ- 
bildung zurück. In demselben Sinne wirkt zugleich die Grund- 
ähnlichkeit der Menschen über die weitesten Gebiete hin. Sie ver- 
bietet es, dass man sie gruppenweis auf die Dauer wie die Räder 
einer Maschine behandelt. Die Niederhaltung der Gewerbthätigkeit 
in Kolonien, die das Mutterland zur einseitigen Erzeugung von Din- 
gen des Landbaues und der Viehzucht zwingen will, gelingt auf 
die Dauer nicht. Ebensowenig die Abschliessung von natürlichen 
Handelswegen zu Gunsten derer des Mutlerlandes. Spanien hat über 
solche Versuche sein Kolonialreich in Amerika eingebüsst, für Eng- 
land liegt die grösste Schwierigkeit Indiens in der Unmöglichkeit, 
die dem Mutterland abtragthuende Entwickelung des dichtbevölkerten 
Landes auf Industrie und Handel hin zu hemmen. 

Jede menschliche Gemeinschaft ist beständig im Kampf mit der 
Aussenwelt und mit sich selbst, um ihr selbständiges Leben. Sie 
will ein Organismus bleiben und alles arbeitet in dem ewigen 
Wechsel von Auflösung und Neubildung, der die Geschichte be- 
deutet, daran, sie zum Organ herunterzudrücken. Es ist augen- 
scheinlich, dass ihre Stellung in diesem Kampfe sehr schwer ist. 
Wir sehen ununterbrochen die Eingliederung selbständiger Existenzen 
in grössere Vereinigungen vor sich gehen und selten durch neue 
Aussonderungen ersetzt werden. Heute giebt es auf der Erde nur 
54 Staaten, die den Namen selbständiger verdienen, wo es noch vor 
einigen Jahrhunderlen ebensoviel Tausend gegeben hat. 

Der Weltverkehr arbeitet darauf hin, die ganze Erde in einen 
einzigen wirthschaftlichen Organismus zu verwandeln, in dem die 
Länder und Völker nur noch mehr oder weniger untergeordnete 
Organe sind. Es braucht die grösste Energie und Ausdauer eines 
Volkes, um sich in dieser centralisirenden Bewegung selbständig zu 
erhalten. Wie viele Ströme des Welthandels fliessen jetzt schon 



62 Friedrich Ratzbl, 

London zu! Politisch wird dies grosse Ziel wohl niemals zu erreichen 
sein, doch verwirklicht sich das nie dagewesene vor unseren Augen, 
dass wenigstens ein Erdtheil ein poUtisches Ganze wird: Australien. 



m. 

Die Entwickelung des Zusammenhanges zwischen Boden 

und Staat. 

Der Boden in der Entwickelung des Staates. 

Die Entwickelung bringt auch im Organismus nur das zum 
Vorschein, was darin lag. Nichts Neues kommt hinzu, nachdem die 
Befruchtung geschehen ist, als was der werdende Organismus assi- 
miliert. Also ist auch in dieser Entwickelung kein Riss und kein 
Sprung, sondern Eine Richtung wird unter allen Verwandlungen fest- 
gehalten. Soweit der Staat Organismus ist, gilt für ihn diese Regel. 
Sein lockerer Bau erleichtert allerdings das Eindringen fremder 
Elemente in den werdenden wie den fertigen Staat, die aber nur 
mechanisch hemmen oder fördern können. Die Entwickelung voll- 
zieht sich einheitlich von der Verbindung weniger Menschen mit 
einem Fleck Erde an bis hinauf zum Grossstaat. Die Elemente 
bleiben immer dieselben, aber ihre Beziehungen sind nicht immer 
gleich eng und nehmen nicht immer die gleiche Form. Doch führt 
durch ihre Wandlungen sicher hindurch die Regel, dass jede Be- 
ziehung eines Volkes oder Völkchens zum Boden politische Formen 
anzunehmen strebt und dass jedes politische Gebilde die Verbindung 
mit dem Boden sucht, so dass auf keiner Stufe der Boden fehlt. 

Da nun für den Menschen und seine Geschichte die Grösse der 
Erdoberflache unveränderlich ist, so wächst die Zahl der Menschen, 
während der Boden, auf dem sie wohnen und wirken müssen, der- 
selbe bleibt. Er muss also immer mehr Menschen tragen und mehr 
Früchte geben, wird dadurch auch immer begehrter und werthvoller. 
Daher zunehmend engere Beziehungen zwischen Volk und Boden, 
deutlicheres Hervortreten des Bodens im Staat. Selbst im alten 
Lande entdeckt die Wirthschaft und die Politik immer neue Vortheile. 



Der Staat und sein Boden. 63 

Man könnte sagen, die Geschichte werde mit jeder Generation immer 
geographischer oder territorialer. Die Geschlechter vergehen, der 
Boden bleibt bestehen. Und jedes folgende Zeitalter misst seinen 
Boden mit grösseren Maassen als das vorige. Verlorene Millionen 
von Menschen ersetzen sich wieder. Jeder europäische Staat ver- 
liert beständig von seinem Volke durch Auswanderung und man 
hat sich gewöhnt, darin etwas Gewöhnliches und nicht zu Aendern- 
des zu sehen. Deutschland hat viele Jahre hindurch über 100,000 
Auswanderer fortziehen sehen. Wie anders hätte es den Verlust 
der 2 bis 3000 qkm empfunden, auf denen sie gesessen hatten! 
In dem Festhalten am Boden liegt die Gewähr der Dauer eines 
Staates: das ist der wichtigste Grundsatz der praktischen Politik. 
Darum werden nicht bloss die Kriege um Boden, um Landbesitz 
geführt, sondern alle geographischen Vortheile steigen ununterbrochen 
im Werth, denn es giebt immer mehr Nachfrage bei zunehmender 
Yolkszahl und steigender Kultur. 

Dass nun der Besitz des Bodens und die Herrschaft über den 
Boden auf den ersten Stufen der Entwickelung des Staates zusammen- 
fallen, um dann immer weiter auseinanderzurücken, ist die Ursache, 
dass die Auffassung des Staates als Organismus einseitig und unvoU- 
ständig, und damit die Entwickelungsgeschichte des Staates getrübt, 
ja undurchsichtig geworden ist. Man sieht vor sich die wirthschaft- 
liehe Besitznahme und ahnt nicht, dass in ihr die politische steckt. Man 
sucht dort vergebens die Merkmale des Staates der geschichtlichen 
Völker: eine beträchtliche Ausdehnung, bestimmte Grösse, bekannte 
Grenzen, eine Regierung und ihre Beamten und Krieger. Unter 
unseren Augen sind Besitznahmen und Staatenbildungen auf Neuland 
vor sich gegangen, in denen wir nur die eine oder die andere, 
aber nicht die nothwendige Verbindung beider wahrnehmen. Und 
doch ist jede Neuansiedelung im Hinterwald oder in der Savanne 
Nordamerikas oder Südafrikas in den ersten Anfängen beides. 

Es wäre nicht schwer gewesen, die Entwickelung des Staates in der 
Reihe der Völker zu verfolgen, wenn nicht die leidige Neigung die Sache 
mit den Worten zu verwechseln, auch die Auffassung der Entwickelung des 
Staates irre geführt hätte. Wenn in den Namen der politischen Mächte die 
Stämme und Völker zuerst allein hervortreten, so liegt darin kein Beweis, 
dass bei ihnen die territoriale Grundlage noch gar nicht gewürdigt war. 
Wollen wir vielleicht die Völker übersehen, wenn wir von Ländern und 



64 Friedrich Ratzbl, 

Territorien sprechen? Die falsche Auffassung eines gesetzlosen Naturzustan- 
des, der wie eine uralte allverbreitete gemeinsame Grundlage noch in er- 
kennbaren Resten die Zustände der Gegenwart unterlagern soll, kommt 
diesem Missverständniss zu Hilfe. Es ist leicht ausgesprochen: Ohne die 
Idee des Staates leben die Völker gleichsam nur ein physisches Dasein 
neben einander. Aber wo finden wir das? Der Beweis bleibt aus. Er ist 
tlberhaupt nicht zu ftlhren. Wir kennen kein staatsloses Volk. Es ist nur 
eine unvorsichtige Art sich auszudrücken, die den Anschein einer solchen 
Auffassung erweckt, wenn z. B. Ranke von den Slawen des 9. Jahrhunderts 
sagt: Die Wanderungen waren vollbracht, die Völker begannen sich in 
politischen Bildungen zu versuchen. Die Staatslosigkeit niedriger Cultur- 
stufen ist eben auch eine von den Vorstellungen, mit denen sich der Cultur- 
mensch schmeichelt. Er möchte eine unergründliche Kluft zwischen sich 
und den nackten Wilden wissen, wo der Unterschied doch nur der ist, den 
die Geschichte von dem britannischen Fürsten Caratacus versinnlicht , den 
in Rom nichts so sehr erstaunte, als dass die Herren solcher Paläste nach 
seiner armen Heimath Verlangen tragen konnten. Er ahnte nichts von dem 
politischen Werth des Bodens, der unabhängig ist von seiner Armuth oder 
seinem Reichthum, so wenig wie so mancher Indianerhäuptling, der in die- 
ser Ahnungslosigkeit werthloses Oedland seines Stammes hingab, auf dem 
der Staat der Weissen dann bedrohlich emporschoss. 

Natürlich hat aber diese Entwicklung eben im Boden auch 
ihr Maass und ihre Schranken. In der Art, wie der Staat mit 
dem Boden zusammenhängt, giebt es zwei Extreme, die im Ver- 
hältniss der Volkszahl zum Boden begründet sind. Diese Verbin- 
dung ist locker, wenn wenig Menschen in einem Lande sind, 
denn entsprechend klein ist die Zahl der Bande zwischen dem Volk 
und dem Boden. Sie wird aber auch wieder locker, wenn zu- 
viel Menschen in einem Lande wohnen. Wenn für einen grossen 
Theil die Verbindung mit dem Boden durch eigenen Besitz aufhört, 
wird für diese das Interesse am Lande entsprechend gering. Es 
kann so gering werden, dass die Auflösung aller wirklichen Bande 
mit dem Boden nicht mehr als ein Opfer empfunden wird: der 
Ueberschuss der Bevölkerung, für den die Beziehung zum Boden fast 
zu Nichts zusammengeschwunden ist, wandert aus, um einen neuen 
Boden zu suchen. Zwischen diesen äussersten Punkten liegt eine 
Entwicklung von grösster Mannigfaltigkeit, in der die Vertheilung 
der Bodenantheile an die Bewohner und Staaten zu Arbeit, Besitz 
und Herrschaft die wichtigsten Unterschiede bedingt. 

Können wir überhaupt von einem rein sozialen Leben der 
Menschheit, d. h. ohne bewusste Verbindung mit der Erde sprechen, 



Dbr Staat und sein Boden. 65 

wo nicht das Wesentliche in der organisch nothwendigen Beziehung 
des Menschen zu Boden sich ändern kann, sondern nur die Auf- 
fassung dieser Beziehung? Wir gehen nicht mit Mucke soweit, »in 
der räumlichen Gleichheit des Ursprungs, die die Seele des Urmenschen 
erfüllte«, den Schlüssel für alle Geheimnisse der Urgesellschaft zu 
suchen^ sind aber der Meinung, dass je enger der Raum war, 
den eine Gruppe von Menschen, sei es Familie oder Horde, umfasste, 
um so wichtiger er sein musste für das Bewusstsein ihrer Zusammen- 
gehörigkeit. Die Entwickelung des Staates kann nur eine räumliche 
Thatsache sein. Nicht eine Entwicklung aus einem raumlosen Leben 
zu einem bestimmten Raum in Anspruch nehmenden ist wahrschein- 
lich, sondern der Raum war und blieb ein Lebenselement der 
Menschen und ihrer Gruppen. Die Entwickelung liegt vielmehr 
darin, dass im Lauf der Geschichte Eigenschaften des 
Raumes entdeckt wurden, die man vorher nicht gekannt 
hatte. Und diese Entwickelung hängt mit der politischen Entfaltung 
der Völker auf das engste zusammen und zwar so, dass diese sich 
über immer weitere Räume ausgebreitet und sich immer inniger 
mit dem Boden verflochten hat, und darin heute noch fortschreitet 
und auch noch immer weiterschreiten wird. Gehen wir auf die 
einfachsten Staaten zurück, die man kennt, so begegnen wir auf 
keiner Stufe der Losgelöstheit vom Boden, die man nach manchen 
Theoretikern zu finden erwartet. So wenig die Menschen, die das 
Volk des Staates ausmachen, sich über den Boden erheben können, 
so wenig vermag es ihr Staat. Wohl hängt er aber nicht auf allen 
Stufen der Entwickelung gleich innig mit dem Boden zusammen 
und es ist selbstverständlich, dass immer dann das sociale Band 
deutlicher wird, wenn das des Bodens zeitweilig zurücktritt, denn 
die beiden ergänzen einander im politischen Zusammenhalt des 
Volkes. Wir halten es mit vollem Recht für undenkbar, dass ein 
Staat von heute sich aus seinem Boden reisst und die Gesammtheit 
seiner Bewohner nach einem neuen Lande verpflanzt. Die Kolonial- 
geschichte lehrt in tausend Beispielen, dass Bruchstücke eines Volkes 
sich verpflanzen, aber um die Verpflanzung ganzer Völker zu finden, 
muss man um Jahrhunderte in der Geschichte zurückgehen und man 
wird dann immer finden, dass ein solcher Vorgang nur bei kleinen 
Völkern sich vollenden konnte und dass nicht selten die Rückkehr 

Abhandl. d. K. S. G^esellscli. d. Wissenscli. XXXIX. ' 5 



66 Friedrich Ratzbl, 

auf den alten Boden die Festigkeit des unterschätzten Zusammen- 
hanges bezeugte. Zwangsweise Versetzungen, wie sie ganze 
Stämme der Indianer und Australier betrofifen haben, beweisen na- 
türlich nichts. Ihre fast ausnahmslos traurigen Wirkungen auf die 
Verpflanzten zeigen zum Ueberfluss das Unnatürliche dieser gewalt- 
samen Eingrifife. 

Ueber die Ausdehnung d. h. die Grenzen ihrer Gebiete 
konnten die ärmsten Stämme Australiens manchmal keine Auskunft 
geben, aber indem sie zu denselben Jagd- oder Fischplätzen 
oder Fruchtbäumen zurückkehrten, auf deren Genuss sie ein ihnen 
ganz zweifelloses Recht festhielten, zeigt sich der Stamm fest an 
ein Stück Boden gebunden, dessen Besitz er jeden Augenblick mit 
den Waffen vertheidigen wird. Dass er diesen Boden nicht scharf 
zu umgrenzen weiss und im Falle eines Kampfes ihn vielleicht auch 
preisgiebt, dass das politische Recht der Gesammtheit des Stammes 
auf ihn nicht von dem Recht auf seinen Ertrag getrennt ist, das 
sind alles keine Beweise gegen die Verbindung des Stammes mit 
diesem Boden. Auch dass die Rechte einer exogamischen Stammes- 
gruppe der Melanesier sich mit denen einer anderen auf demselben 
Boden bunt kreuzen, berechtigt nicht zur Annahme der Staatslosig- 
keit. Die Besitzrechte durchkreuzen ja auch auf höheren Stufen die 
Staatsangehörigkeit. Verfolgt man einmal die Beziehungen kleiner me- 
lanesischer oder afrikanischer Häuptlinge und ihrer Völkchen zum Bo- 
den, so sind zwei Fäden so deutlich, dass man sie nicht übersehen 
kann. Durch ihren Glauben sind sie an die Stätten gebunden, wo die 
Leichen ihrer Ahnen beigesetzt sind, und nicht selten spielen darin 
auch heilige (tabuierte) Haine eine Rolle. Nicht leicht wird ein 
afrikanisches Volk den heiligen Berg aufgeben, auf dessen Höhe jeder 
neue Herrscher in Verkehr mit den Seelen seiner Vorgänger tritt. 
Wirthsc haftlich aber hängen sie mit den Stücken Land zusammen, 
die ihnen ergiebige Ernten liefern. Den fruchtbaren, von Galerien- 
wald beschatteten Thalgrund, in dem die unentbehrlichen Golocasia- 
Pflanzungen angelegt sind, wird kein Stamm der Sandeh freiwillig 
räumen; das umliegende Land aber hält er für die Jagd und des 
Schutzes wegen fest und macht die es durchziehenden Wege für 
alle Fremden durch Fallgruben, vergiftete Fussangeln und dgl. un- 
gangbar. Der Stamm hängt allerdings nicht in allen seinen Theilen 



Der Staat cnd sein Boden. 67 

gleich eng mit diesem Boden zusammen. Die Sklaven, die von 
aussen hergekommen sind, gewiss am wenigsten, die Hörigen, die 
ihn seit Generationen bebauen, am meisten. Die Herren aber, die 
von der Arbeit dieser beiden Classen auf diesem Boden leben, 
schützen ihre freie Existenz, indem sie die Grenzen dieses Stückes 
Boden behüten, und ihr Zusammenhang ist der eigentlich politische, 
so wie sie ja in ihrer eigenen Vorstellung den Staat bilden. 

Wo die GentilverfassuQg das Gewicht auf den persönlichen Zusammen- 
halt der Stammesglieder in dem Stamme legt, da ist auch in diesem Ge- 
schlechtsverband die Beziehung des Einzelnen zum Boden die des Ge- 
schlechtes. Er hat keine Beziehung dazu für sich, entsprechend der 
Gebundenheit des Individuums im Geschlecht. Indem er sich diese Beziehung 
für einen erst kleinern, dann immer grösseren Theil des gemeinsamen 
Bodens durch die Anerkennung des Werthes seiner Arbeit erwirbt, löst er 
sich auch in anderer Beziehung aus den Banden des Geschlechtes und stellt 
sich ihm immer selbständiger gegenttben Je grössere Bedeutung auf dieser 
Stufe für eine ackerbauende und herdenhütende Gemeinschaft bei Zunahme 
der Zahl und des Wohnungsbedarfes der Boden hatte, um so grösser war die 
Wirkung jeder Aenderung in den Beziehungen zum Boden auf den ganzen 
Process der Seibständigmachung des Einzelmenschen» Und die Summe der 
Kraft mit der die Einzelnen als solche am Boden haften ist grösser als die 
des Geschlechtes, ebenso wie auch die Summe des Bodens, dessen sie 
bedürfen, die des Geschlechtes übertrifft. Schon im 7. und 8. Jahrhun- 
dert verloren in Deutschland die Dörfer den Charakter der Geschlechts- 
genossenschaft und vnirden zu Vereinigungen von Einzelnen verschiedener 
Abstammung, die der gleiche Wohnort und die gleiche Arbeit zusammenhielt. 
Die wachsenden Unterschiede des Grundbesitzes setzten Stände und Interessen- 
gruppen an die Stelle der Geschlechter und bestimmten endlich den tiefsten 
Unterschied im Inneren des umgebildeten Volkes, den von Freien und Un- 
freien. Als Markgenossenschaft oder Dorfgemeinschaft wird nun das Ge- 
schlecht zur ackerbauenden Gemeinde, die ihr gemeinsames Land, den Ager 
publicus, das Folkland besitzt. Man kann die Markgenossenschaft das Ge- 
schlecht in der territorialen Form oder Ausprägung nennen. So ist der Gau 
(pagus, shire) die territoriale Ausprägung des Stammes und eine Anzahl 
von Gauen machen das Gebiet eines Reiches aus. Auch die Hundertschaft ist 
immer nur als eine territoriale Vereinigung zwischen Gemeinde und Gau zu 
denken. Hatten diese Beziehungen Zeit sich zu befestigen, dann erhob 
sich immer deutlicher die Vorstellung des Besitzes des Landes über die 
der Beherrschung. Im europäischen Mittelalter sind die beiden gar nicht 
zu trennen, bei den Griechen und Römern lassen sie sich noch wohl aus- 
einanderhalten. Auch diese nahmen das Land unterworfener Völker und 
gaben es ihren eigenen Volksgenossen, aber die Auffassung der Herrschaft 
als eines Besitzes, brach erst im Mittelalter so ganz durch, wo Land und 
persönliche Leistungen die grossen Tauschmittel waren. Im politischen Sinn 

6* 



68 Friedrich Ratzbl, 

war das eine falsche Schätzung des Bodens, die zur Zersplitterung der Reiche 
und zur Erniedrigung des Bodens zur Waare führte. 

Morgans Entgegenstellung von Societas und Givitas. 

Mit der grössten Unwahrscheinlicbkeit ist also von vornherein 
die MoRGAN'sche Entgegensetzung zweier grundverschiedener zeitlich 
aufeinander folgenden Staate- oder Regierungsformen behaftet, deren 
frühere auf das Volk gegründet ist, wahrend die neuere auf einem 
Stück Erdboden, dem Gebiet oder Territorium beruht^). Er stellt 
sie einander als Societas und Givitas gegenüber. Sie ist nicht aus 
den Thatsachen der Erfahrung abgeleitet. Für die erste , • auf rein 
persönlichen Beziehungen begründete Form sollen aus dem Geschlecht 
(Gens), das ihre Einheit ist, aufeinanderfolgend die Phratrie, der 
Stamm und die Conföderation der Stämme, die ein Volk oder eine 
Nation bildet, sich herausgebildet haben. Zu allerletzt erschien aus der 
Verschmelzung der Stämme, die nebeneinander das gleiche Gebiet 
bewohnen , ein Volk mit einem einheitlichen Gebiet. So war an- 
geblich die politische Organisation der Griechen und Römer, auch 
nachdem eine höhere Kultur unter ihnen aufgeblüht war. Da erst 
erfanden sie die territorialen Einheiten der Stadt und des Stadtbe- 
zirkes, womit nun eine neue Epoche politischer Entwickelung an- 
heben soll. Auch wenn nicht die Kenner des klassischen Alterthums 
dieser Auffassung entgegenträten^), würde uns schon das Schematische 
ihrer Gliederung zurückstossen, das der Mannigfaltigkeit der geographi- 
schen Grundlagen ebenso widerspricht, wie der ungleichmässigen 
Verbreitung der Kultur über die Erde. Der zu Grunde liegende 
Gedanke, dass die in den homerischen Epen geschilderten Zustände 
einer Oberstufe der Barbarei angehörten,' durch die nothwendig alle 
Völker einmal gegangen sein müssten, ist geographisch und ethno- 
graphisch unmöglich. Der weitaus grösste Theil der Kulturmittel 
und Kulturergebnisse ist nicht an Ort und Stelle entstanden, sondern 
von einzelnen frühreifen Gebieten m allen Richtungen mit wechseln- 
der Geschwindigkeit über die Erde hingetragen. So wenig wie die 
Mondfluth an allen Küsten gleichzeitig erscheint, sind auch die tau- 
sende von kulturtragenden und -fördernden Bewegungen gleich 
schnell über die Erde geschritten. Sie haben sich summiert, sich 
gekreuzt, einander gehemmt oder ausgeschlossen und ungemein ver- 



Dbr Staat und sein Boden. 69 

schieden war die Empfänglichkeit des Erdbodens und der Völker 
für sie in den verschiedenen Ländern der Erde. Wie will man sie 
in ein für alle Länder und Völker gleichmässig giltiges Schema ein- 
fangen? Allerdings bindet alle Staatenbildungen alter und neuer 
Zeit die gemeinsame Grundlage des Bodens zusammen. Sie ist es, 
die auch allen ohne Ausnahme den Zug einer gemeinsamen Noth- 
wendigkeit verleiht. Es sind allgemein giltige Gesetze, die die wach* 
sende Innigkeit der Beziehungen der Bewohner zu ihrem Boden mit 
fortschreitender Volkszahl bestimmen und die auch den wirthschaft- 
lichen Beziehungen mit der Zeit eine politische Form geben. 

Aber gerade diese langsame Ausbreitung und Vertiefung der Be- 
ziehungen zwischen dem Staat und seinem Boden macht eine Classifica- 
tion wie die MoHGAN'sche unmöglich. Man kann diese Unterscheidung 
zwischen der Societas und Civitas ebensowenig annehmen wie seine 
Unterscheidung von Kulturperioden mit und ohne Bogen oder mit und 
ohne Thongefässen. Es liegt diesen wie jener derselbe Fehler der 
ethnographischen Auffassung zu Grunde, dass Unterschieden der geo- 
graphischen Verbreitung ethnographischer Merkmale eine menschheits- 
geschichtliche Bedeutung beigemessen wird, die durch keine einzige 
Thatsache erhärtet wird*). Bogen und Pfeile und Thongefässe wer- 
den hier erzeugt und verwendet und sind dort unbekannt, ohne dass 
das hier oder dort den geringsten Unterschied in der Kulturhöhe 
bedingte. Afrikanische Völker, die Bogen und Pfeile verschmähen, 
stehen an kriegerischer Organisation hoch über anderen, die diese 
Waffen benützen. Wir sehen ein Volk sie ablegen und ein anderes 
sie aufnehmen; hebt sich dieses damit auf die Stufe der Barbarei 
und sinkt jenes darunter? Keines von beiden. So finden wir eine 
vom Territorium weniger abhängende politische Organisation bei den 
kulturlich hochstehenden Mongolen und ein enges Verwachsen- 
sein mit dem Boden bei weit unter ihnen stehenden Negern oder 
Polynesiern. Und aus spanischen Einwanderern, die aus einem 
Lande fester, stellenweis schon gedrängter Ansässigkeit stammen, ent^ 
wickelte sich in den Llanos von Venezuela das unstäte Geschlecht 
der Lianeros das sich nach Jahrhunderten noch nicht in fest be- 
grenzte territoriale Verhältnisse zu fügen gelernt hat. Das ist eine 
Veränderung im Verhältniss zum Boden und in der Lebens- und 
Wirthschaftsweise, aber kein Rückfall auf die barbarische Stufe. 



70 Fribdeich Ratzbl, 

Es liegt uns noch viel näher, an jene politischen Zustände un- 
seres eigenen Bodens zu erinnern, wo der Staatebegriff sich nicht 
mit einer bestimmten, womöglich eng zusammenhängenden räumlichen 
Ausdehnung deckte, sondern in einer Masse von weit zerstreuten 
Besitzungen, Rechten, Verpflichtungen aufging. An eine kartogra- 
phische Darstellung einer politischen Macht des Mittelalters geht der 
historische Kartograph immer mit dem Gefühl, dass das eine Auf- 
gabe ist, die gar nicht rein gelöst werden kann. Aus einer politi- 
schen Karte des heutigen Deutechland ist doch wenigstens die Grösse 
und Lage des Reiches, also zwei entscheidende Machtfaktoren zu 
erkennen. Die Macht eines Hohenstaufenkaisers oder Heinrichs des 
Löwen setzt sich aus einer kaum übersehbaren Summe von Einzel- 
berechtigungen zusammen, in denen zusammengenommen mehr Macht- 
quellen fliessen mochten als in der direkten Herrschaft über einen 
bestimmten Landstrich. Es spricht aber hieraus eine viel geringere 
Schätzung des politischen Werthes des Bodens, als man z. B. in 
Peru in der guten Zeit| der Inkaherrschaft findet. In Indien findet 
der europäische Beobachter, der an der Zusammenfassung der Völker 
in grosse territoriale Gruppen und an Ideen gewöhnt ist, die in sol- 
chen Worten wie Vaterland, Mutterland, Patriotismus, Heimath und 
dgl. liegen, sich schwer mit der Neuigkeit ab, dass er in einem selt- 
samen Theil der Erde weilt, wo das Staatebürgerthum ganz unbe- 
kannt, eine Gebietsberrschaft oder selbst der Feudalismus zersetzt 
und verdunkelt sind. »Er entdeckt nach und nach, dass die Bevöl- 
kerung von Gentralindien nicht in grossen Staaten, Nationalitäten 
oder Religionen, nicht einmal in weitverbreitete Rassen getheilt ist, 
wie die, die in Osteuropa um das politische Uebergewicht kämpfen, 
sondern in verschiedenen und mannigfaltigen Gattungen von Stäm- 
men, Klans, Septen, Kasten und Unterkasten, religiösen Orden und 
frommen Brüderschaften«.^) In jedem Lande Indiens kommt es vor, 
dass die Bewohner ebenso wenige Sympathien für die mit ihnen auf 
demselben geographischen Räume Wohnenden, ihre Landsleute haben 
als für von aussen hereingekommene Eroberer, auch für die Europäer. 
Das hat das Aufkommen der Europäer-Herrschaft so sehr erieichtert. 
Die wichtigsten Eingebomenstaaten werden von ebenso fremden Herr- 
schern regiert, wie die Europäer selbst sind. Und doch ist Indien als 
Ganzes ein Land alter Kultur, wechselvoller Geschichte, dichter arbeit- 



Dbr Staat und sbin Boden. 71 

samer Bevölkerung. Vergessen wir aber nicht, nach der Betrachtung 
dieser von einem fast erloschenen Sinn für den politischen Boden zeu- 
genden Zustande den Blick auf die höchste Schätzung des Territorialen 
in der Politik zu richten, die zu gleicher Zeit durch England Indien 
beherrscht. Und bietet nicht das dieser Herrschaft vorangehende 
Mongolenreich ebenfalls Belege für eine hinreichende Schätzung des 
politischen Werthes des Bodens? Es war wie im mittelalterlichen 
Deutschland so in Indien ein Verfall der territorialen Politik einge- 
treten, der nichts anderes mit ursprünglichen Zuständen zu thun 
hatte, als dass er einen Rückfall aus einer abgeschlossen geglaubten 
Entwickelung bedeutet. Hier wie dort eine Rückkehr zu kleineren 
Räumen, weil das Verständniss für die Bedeutung der grossen er- 
loschen ist 

Brintons Entgegenstellung von Stamm und Nation. 

Ohne die Sicherheit des Grundes genügend zu prüfen, hat der 
tüchtige nordamerikanische Ethnograph Danisl G. Brinton das Mor- 
GAN'sche Gerüst noch weitergebaut^). Es steht jetzt in einer dog- 
matischen Form vor uns, in der es uns sicherlich noch sehr oft 
wiederholt werden wird. Hier sieht man alle Vereinigungen der Men- 
schen entweder begründet auf Blutsverwandtschaft oder auf das Gebiet 
oder auf den Zweck. Diese drei Formen schliessen, für ihn, einander 
aus, sind unvereinbar, stehen im Gegensatz zueinander, wirken ganz 
verschieden auf das Individuum und die Rasse und gehören zu ganz 
verschiedenen Perioden der Geschichte eines Volkes auf verschie- 
denen Stufen seiner Kulturentwickelung. Er sieht eine Regel mit 
wenigen oder keinen Ausnahmen darin, dass die früheste Form der 
sozialen Vereinigung die Blutsverwandtschaft, die Einheit der primi- 
tiven Horde die Familie, das zusammenhaltende Princip die reine 
Abstammung ist. Kann er auch nicht leugnen, dass Adoption und 
Weiberraub diesem Princip auf den untersten Stufen entgegenwirken, 
so glaubt er doch, dass es das Ziel ihrer politischen Einrichtungen 
gewesen sei. Die nächste Stufe steht im schroffsten Gegensatz. 
»Auf ihr, sagt Brinton, wird alles nicht mehr von der Vorstellung 
der Verwandtschaft, sondern des Landes beherrscht. Der Patriot 
dieser Epoche ficht nicht mehr für seine Abstammung, sondern für sein 
Land, nicht für seine Verwandten, sondern für sein Reich.« Die Nation 



72 Fribdrigh Ratzel, 

wirkt im Gegensatz zum Stamm auf die Niederwerfung der Verwandt- 
schaflsschranken. Ein einheitliches Volk wird mit Bewusstsein ange- 
strebt, ihm zu liebe werden die Stämme aus entlegenen Gebieten ver- 
setzt, die Spracheinheit wird hergestellt, wozu auch die militärische 
Organisation beiträgt, die Stammesgottheiten machen einem nationalen 
Gottesdienst Platz, eine neue weitere Ethik verdrängt die enge Stammes- 
gesinnung, vermehrt die Zahl derer, die gemeinsame patriotische 
Interessen haben, vergrössert den Raum der Pflichten. »Zum ersten 
Mal in der Geschichte der Menschheit lernt der Einzelne die Bedeu- 
tung der Persönlichkeit kennen, er empfängt die werthvollste Lehre, 
die die fortschreitende Givilisation der Menschheit ertheilen kann.a 

Wenn uns in der unvollkommeneren Form der MoRGAN'schen 
Darstellung die Nichtberücksichtigung der grossen durchgehenden Ent- 
wickelungen in den Beziehungen zwischen Staat und Boden auffiel, so 
berührt uns in dieser Brinton' sehen Formulierung nicht minder eigen- 
thümlich der Mangel aller genetischen Verbindung zwischen den zwei 
grossen Epochen des Stammes- und Nationstaates. Man kann doch un- 
möglich dafür den aus Morgan herübergenommenen Hinweis auf die 
Föderationen setzen. Es ist ja begreiflich, dass diese eine besondere 
Wichtigkeit besassen in den Augen des Erforschers des Irokeseur 
bundes. Aber in Wirklichkeit sind die freiwilligen Bünde in der 
Geschichte der primitiven Staaten doch selten. Brinton will damit 
nichts anderes sagen als: durch die Verbindung der Stämme werden 
die Schranken der Stammesstaaten durchbrochen und ihre Gebiete 
verschmelzen zu dem grösseren Gebiete eines Volks- oder Nation- 
staates. Vergebens suchen wir nach einem Falle dieses Ueberganges 
in der Geschichte der Naturvölker. Wir sehen dagegen in tausend 
Fällen die Gebiete sich vergrössern durch Wachsen der Bevölkerung, 
Ausbreitung des Verkehres und vor allem durch Eroberung. Und 
dass jede Vergrösserung des Gebietes mit der naturgemäss auf 
räumliche Selbstbeschränkung angewiesenen Stammesorganisation in 
Gonflikt kommen muss, ebenso wie sie dann auf höheren Stufen 
der Entwickelung den nationalen Zusammenhang zerreisst, ist eine 
greifbare Nothwendigkeit. Wie ein grosser Unterstrom durchwogen 
die in das gemeinsame Bett der Raumvergrösserung zusiammen 
mündenden Ströme der Bevölkerungszunahme, des Verkehres und 
der kriegerischen und räuberischen Ausbreitung den Grund der 



Der Staat dnd sbin Boden. 73 

politischen und gesellschaftlichen Organisationen der Völker. Und die- 
ser Strom hat sich im Fortschritt der Jahrtausende nur immer mehr 
vertieft. Gegen ihn hielt die festeste Stammesorganisation nicht Stand 
und ohne ihn kam kein Volk- oder Nationstaat zu stände. Wie 
kann man glauben, ihn durch die Querbauten eines künstlichen 
Systems zerlegen zu können? Würden die Versuche von Morgan, 
Brinton u. Gen. von der immer regen Sehnsucht nach sauberen 
Kategorien gebilligt, so würde das nichts anderes bedeuten als die 
Vereitelung der Einsicht in die die Entwickelung der Völker treiben- 
den Kräfte. 

Ontogenetische Beispiele. 

Das Gesetz der Wiederholung der Phylogenie in der ontoge- 
netischen Entwickelung gilt auch für den Staat. Wo immer Staaten 
auf neuem Lande gegründet werden, wachsen sie aus derselben 
wirthschaftlichen Grundlage heraus, die abhängig ist von der Natur 
des Bodens und die werdende (Jemeinschafl stellt immer dieselben 
Anforderungen an den Boden. Wohnung, Nahrung und Schutz fordern 
sich ihre Räume bei den Indianern oder Negern so gut wie bei den 
Weissen. Und sie schützend zusammenzuhalten ist in jedem Fall 
die Aufgabe des Staates. Fassen wir die jüngsten Beispiele grosser 
Staatenentwickelungen aus kleinen Anfängen ins Auge, so finden 
wir ja allerdings die Idee des Staates von Anfang an in sie hinein- 
getragen, die in den ersten Anfängen der Staatenbildung noch nicht 
vorhanden sein konnte. Aber sie ist doch ohne Einfluss auf die ersten 
Entwicfcelungen, über denen sie gleichsam nur schwebt. Die jungen 
Staaten wollen sie gar nicht verwirklichen, sie wollen höchstens 
einen Staat im Staat bilden. Ihren eigenen selbstentwickelten Staat 
unter dem Schutze der ungarischen Krone aus einzelnen Dorfansiede- 
lungen so selbständig wie möglich auszubilden, war das Streben der 
fränkischen Ansiedler auf dem Königsboden Siebenbürgens genau wie 
die ersten Ansiedler in Nordamerika jenseits der Alleghanies sich 
gegen das frühe Aufgehen in Virginien oder Nordkarolina wehrten. 

Was ist die Geschichte der Begründung der westlich von den Alleghanies 
liegenden Staaten der Union als die Geschichte der Ausbreitung einzelner 
Ackerbauer, von denen jeder sein Stück Wald rodete und mit seiner früh 
begründeten Familie von dem dankbaren Ackerbau auf Neuland und der 



74 Friedrich Ratzel, 

Jagd lebte ? Jeder war dort Herr auf seinem durch eigene Kraft erworbenen 
und geschtltzten Boden und jede Lichtung war ein kleiner Staat für sich. 
Von jenem Heros des Hinterwaldes, Daniel Boopt, der am Yadkin-Fluss in 
Nord-Karolina aufgewachsen war und 4773 die erste Ansiedelung von dies- 
seits der Alleghanies nach Kentucky führte, heisst es: Als er das Alter erreicht 
und sich verehlicht hatte, baute er ein Blockhaus und lichtete ein Stttck 
Wald, um darauf Ackerbau gleich seinen Hinterwäldlemachbam zu treiben. 
Jeder pfltlgte auf seiner eigenen Lichtung und es galt als selbstverständlich, 
dass ein Jeder der Jagd oblagt). Ein Minimum von Verkehr ttberliess die 
einzelnen Ansiedler oft viele Monate sich selbst. Niemand stOrte sie in 
ihrer Herrschaft über ein Gebiet, das alles umschloss, was zu einem Staat 
gehört: Siedelung, Feld und ringsumher Wald als Schutz- und Jagdgebiet. 

lieber dieser Kleinarbeit des in den politisch jungfräulichen Boden 
seine Miniaturstaaten selbständiger Siedelungen einpflanzenden Hinterwäld- 
lers schwebt schon früh die mit weiterem Blick disponierende, mit grösse- 
ren Mitteln grössere Räume umfassende Unternehmung der gewerbmässigen 
Koloniengründer mit oder ohne Kapital. Jene Vorläufer werden ihre Werk- 
zeuge, meist ohne es zu wissen. Ausserdem stehen in ihrem Dienst die 
Landvermesser, die überall im alten Westen Nordamerikas zu den Pionieren 
gehörten. Viele gingen auf eigene Faust hinaus, um Karten erst zu besie- 
delnder Gebiete aufzunehmen, durch deren Mitbesitz sie später mächtig und 
reich werden konnten. Die Laufbahn eines Landvermessers betraten be- 
gabte junge Männer, denen es nicht an Wagemuth fehlte, mit Vorliebe. 
Auch George Washington hat als Landvermesser im westlichen Grenzgebiet 
gearbeitet. Jener Nordcaroliner Hbndbrson, ein einst reicher und einfluss- 
reicher Mann an der Grenze, der eine grosse iproprietary colony« plante, 
die BooN 4775 nach Kentucky führte, ist ein geschichtlicher Typus dieser 
planenden und spekulierenden Köpfe. Sein berühmter Vertrag von Syca- 
more Shoals (Watauga), den er wie ein souveräner Fürst mit den Tscheroki- 
häuptlingen am 47. März 4775 schloss, ist der Anfang der Geschichte von 
Kentucky. Diese traten darin für Waaren und Geld alles Land zwischen 
den Flüssen Kentucky und Gumberland ab und Hbnderson sandte Boon aus, 
der in demselben Jahre Boonsborough als befestigten Mittelpunkt und Zu- 
fluchtsplatz der erst auf die Dauer berechneten Siedelungen in Kentucky 
gründete. Um Boonsborough herum lichteten die neuen Ansiedler den Wald, 
jeder wählte sich die Lage, die ihm gefiel und nahm soviel Land als er 
wollte. In den Indianerkämpfen, die hier die ruhige Entwickelung von 
Kentucky störten, bewährte sich diese Anlage als der feste Kern des jungen 
Staatswesens: »Boonsborough rettete Kentucky«. 

Uebersehen wir die ganze Reihe der Vorgänge bei dieser 
Neubildung, so werden sie alle durch den Gedanken verknüpft, den 
eben im Osten verlassenen Boden sogleich wieder in grösserer Aus- 
dehnung im Westen zu gewinnen und zu befestigen. Das war die- 
selbe Entstehungsweise der Staaten, die heute den »alten Westen« 



Der Staat und sbin Bodbn. 75 

bilden, wie sie 150 Jahre früher zum ersten Mal in Neuengland 
15 Längengrade weiter östlich gewirkt hatte. Das englische Recht 
auf den Boden Neuenglands war ja nur eine allgemeine Absicht, 
selbst als Anspruch unerprobt und unanerkannt, als die ersten An- 
siedler die Kttste von Massachusetts betraten. Ihre Ansiedelungen 
waren die einzigen wirklichen Staaten auf diesem Boden, allerdings 
nur »Staaten im Keim«®), aber Staaten, die alle Elemente selbständigen 
Lebens — Heimstätte, Kirche, militärische Organisation und politische 
Vertretung — umschlossen und früh selbst zum Schutze gegen äussere 
Feinde sich genug waren. Die »Town« der Neuengländer musste 
von Anfang an alle Aufgaben des Staates übernehmen. Unter welcher 
Verleihung sie auch den ersten Küstenstreifen von Plymouth, Aquid- 
neck u. s. w. betreten haben mochten, die englischen Einwanderer 
waren zu ihrem Glück ganz auf sich selbst angewiesen und darin 
liegt der Ursprung ihrer Selbstregierung, die auch für Kriegführung 
und Friedensschliessung mit den Indianerstammen und zu Verhand- 
lungen über Landabtretungen sich vollkommen fähig und berechtigt 
fühlte. Die sich selbst regierende »Town« mochte später nur noch 
als ein Staat im Staat erscheinen, doch trat sie in den 1 3 Freistaaten 
des Unabhängigkeitskrieges als der ganze Staat wieder selbständig 
hervor. Sie dachte zwischen 1620 und 1650 gar nicht an ein 
Staatswesen mit eigener Politik, war aber ganz schon Staat und 
schuf durch colonisierende Ausbreitung mit jeder neuen Town ein 
neues Stück Staat. Diese Beispiele von der Schaffung politischer 
Gebiete durch die Schöpfung wirthschaftlicher Gebiete mit Axt und 
Pflug sind ausserordentlich mannigfaltig und häufig auch in der Ge- 
schichte Europas. Jede deutsche Ansiedelung im Osten schuf zunächst 
nur Feldmarken, die sie allerdings womöglich natürlich begrenzte durch 
Höhenzüge, Flussläufe u. dgl. ; es handelte sich aber zuerst nur darum, 
die Lage und Grösse des Eigenthums zu bestimmen. An eine genaue 
Begrenzung der ganzen Gruppe von Ansiedelungen z. B. des Königs- 
bodens in Siebenbürgen wird erst in zweiter Linie gedacht. Die 
Hand des Königs ist schützend über den Einwanderern, die er ge- 
rufen liat, aber der König ist weit, er schützt sie nur moralisch 
durch seinen Verleihungsbrief. Auch sie müssen practisch der ganze 
Staat sein. 



76 Friedrich Ratzel, 

Landlose Mächte und volkloses Land. 

Landlos zu sein ist bei politischen Mächten nur ein vorüber- 
gehender Zustand. Mächte, die landlos waren, verbinden sich im 
Verlauf ihrer politischen Entwickelung mit dem Boden und streben 
dann oft gleich nach den weitesten Räumen, weil sie der Gewohn- 
heit der beschränkenden Einwurzelung ledig geworden sind. Das 
Dalailamathum, das Papstthum, das Kalifat wurden grosse Mächte, 
indem sie sich mit einem kleinen oder grossen Lande zu theokratischen 
Staaten verbanden. Leicht geriethen sie mit langsameren und be- 
schränkteren Ausbreitungen rein politischer Natur in Streit, die mit 
ihren Raumansprttchen collidierten. Oder es kam auch vor, dass 
diese die raumbewältigende Macht einer Idee für ihre eigene Aus- 
breitung benutzten, wie im Zarenthum der Russen oder in der An- 
knüpfung Napoleons L an Karl des Grossen theokratisches Eaiser- 
thum. Viele landlose Mächte, von denen die Geschichte zu melden 
hat, interessieren die politische Geographie nur insofern sie in einem 
lehrreichen Gegensatz zu den naturgemäss am Boden haftenden 
stehen. Die Macht der griechischen Gultur über Rom, die Beharrungs- 
kraft des Judenthums, die Stärke so mancher internationalen Ver- 
einigung, mit keinem Staat organisch verbunden zu sein, beweisen 
endlich in ihrer Vergänglichkeit und ihrem schwankenden Wesen doch 
immer nur wieder, wie die Verbindung des Staates mit dem Boden 
naturgemäss und nothwendig ist. Landlose Völker, in geschlossenen 
Horden, tragen den Anspruch der Staalenbildung in ihrer Masse 
und Organisation, die von vornherein einen entsprechend geschlosse- 
nen Raum braucht. Sie gehören zu den erfolgreichsten Gründern 
und Erweiterern der Staaten. Nur nicht da, wo sie kein Land be- 
gehren, wie die frühesten Gothen- und Skythenzüge; diese setzten 
zwar Rom in Schrecken und störten den Gang der Regierung, aber 
ihre Spur war bald verwischt. Landlose Völker, in zerstreuter Ver- 
breitung, erwerben nur Boden in Privatbesitz und gehören staatlich 
zu dem Volke, in dessen Land sie wohnen. So die Juden die schon 
in der römischen Kaiserzeit mehr in der Diaspora als in Judä'a be- 
deuteten, die Zigeuner, die kleingewachsenen Jägervölker Innerafrikas 
und zahllose ähnliche Existenzen, die ihre Stelle meist nicht so sehr 
in der politischen Geographie als in der politischen Ethnographie zu 



Der Staat und sbin Bodbn. 77 

finden haben. Eine besondere Art sind die unfertigen Staaten coloni- 
sierender Mächte in politisch rückständigen Ländern. Oft entwickeln sie 
sich ungemein rasch zu politischer Selbständigkeit. Das hansische Contor 
in Nowgorod war ein Staat höherer Entwickelung, festeren Rechtes in 
einem Lande niederer, jüngerer Entwickelung. Haben solche Völker 
oder Mächte erst Wurzel gefasst, dann gelingt es ihnen nicht, selten, 
die Herrschaft über den Boden an sich zu reissen und in primitiven 
Verhältnissen, wo ein räumliches Zwischenhineindringen möglich ist, 
gelingen solche Entwickelungen in wenigen Jahren, wie die Kioko in 
Lunda gezeigt haben. Die Araber sind in Ostafrika, die Europäer in 
Indien auf diesem Wege zur Herrschaft emporgestiegen. In den 
modernen Staaten hat man überall solche ursprünglich staatsfremde 
Elemente in die staatliche Gemeinschaft aufgenommen, wobei, wie 
in Nordamerika, die schwersten Rassenabneigungen überwunden 
worden sind. In ihrer politischen Geltung kommt dann aber doch 
manchmal wieder die geographische Verbreitung auf einem bestimmten 
Boden zum Ausdruck, wesshalb der »schwarze Gürtel« (the black 
belt) in den Südstaaten Nordamerikas, wo sich die Neger am dich- 
testen zusammendrängen und auf den sich immer mehr von ihnen 
zurückziehen, eine der wichtigsten Thatsachen der Politischen Geo- 
graphie der Vereinigten Staaten geworden ist. 

Eine der eigenthümlichen Erscheinungen, die innere Äehnlichkeiten 
scheinbar weit auseinandergehender Mächte enthüllen, bieten die BeziehuD- 
gen zwischen landlosen Machten und landlosen Völkern. Wie das Kalifat 
sich der Seldschuken bediente, machte das Papstthum gleichzeitig Gebrauch 
von den Normannen, an deren Stelle bei der Einschränkung der politischen 
Ziele, hauptsächlich Deutsche und Schweizer traten. Die Beweglicheit jener 
landlosen Völker entsprach der Weitsichtigkeit der politischen Entwürfe 
theokratischer Mächte, welche zudem von der Scheu beherrscht wurden, das 
Schwert in die eigene Hand zu nehmen. Die Handelsfreistaaten, welche 
häuBg ihren ganzen Landbesitz in eine einzige Stadt und ihren Hafen zu- 
sammen fassten und jeden Landerwerb ohne unmittelbaren wirthschaftlichen 
Nutzen als politischen Baiast ansahen, sind landlosen Söldnern immer gün- 
stig gewesen, wofür die Verbindung Tarents und anderer italischer Griechen- 
städte mit Pyrrhus ein classisches Beispiel bietet. 

Da die Menschheit in ihrem mit der Gultur immer zunehmenden 
V\rachsthum auch immer weiter auf dem bewohnbaren Boden der 
Erde gegriffen hat, ist volkloses Land immer seltener geworden. 
Für uns gehört es der Geschichte oder dem Reich der Gedanken 



78 Friedrich Ratzbl, 

an. Die politische Geographie kann ein längst bewohntes Land, 
selbst ein geschichtliches sich als einen leeren Raum vorstellen; 
wenn sie es in einer Stellung betrachtet, für die es gleichgiltig, ob 
es bewohnt ist oder nicht. So nennt Clau8ewitz einmal die neutrale 
Schweiz im kriegsgeographischen Sinn einen See. Sie verhielt sich 
eben in einem kritischen Augenblick gerade so passiv wie eine 
Wasserflache. Portugiesisch Ostafrika ist uns wichtig als die Ver- 
bindung Deutsch-Ostafrikas mit Südafrika, besonders mit Transvaal, 
ob und wie es nun auch bewohnt sei. An solche Abstractionen 
denken wir nicht, wenn wir jetzt von volklosen Ländern sprechen. 
Unsere Absicht ist keine andere als auch von dieser Seite her das 
Noth wendige in der Verbindung des Volkes mit dem Boden auf- 
zuzeigen. 

Wieviele leere bewohnbare Räume es einst auf der Erde ge- 
geben haben möge, in den letzten Jahrhunderten sind die sogenannten 
Niemandsländer eine seltene, sonderbare, vorübergehende Erscheinung 
gewesen und heute giebt es nichts mehr von dieser Art®). Die 
Gleichstellung eines Landes mit einer Res Nullius: wilden Thieren 
und Vögeln, Fischen, ausgegrabenen Edelsteinen, so dass von dem 
Land als herrenloses Gut Besitz ergriffen werden könne, hat sich 
niemals in den letzten Jahrhunderten in der Wirklichkeit bewährt. 
Diese Theorie bestimmt nicht, in welchem Grad und Umfang 
Land in den neuen Besitz übergeht und hat die grössten Streitig- 
keiten über das Besitzrecht nicht verhütet. Die anderen Dinge, die 
Res Nullius sind, lassen sich ergreifen und begrenzen, nicht so die 
Länder. Die Vereinigten Staaten besitzen heute unbestritten den 
Boden, der den Indianern gehört hatte, auf den aber als ein Nie- 
mandsland zuerst Spanien kraft der »Aufßndung« durch De Soto, 
Frankreich in Folge der Entdeckungen seiner Missionare und Pioniere 
und England auf Grund der Entdeckungen der Gabots Anspruch 
erhoben. Die Vereinigten Staaten haben diese Ansprüche der ersten 
»Finder« weder beachtet noch für sich selbst ausgenützt, weder den 
spanischen, den die Niederländer und Engländer nie annerkannt, 
noch den französischen, über dessen werthvollste Theile ihre An- 
siedler in Kentucky und Ohio ohne Bedenken sich ausbreiteten. 
Wohl aber erkannten die Vereinigten Staaten in ihrer seit dem Ende 
des Unabhängigkeilskrieges inaugurierten menschlicheren Indianer- 



Dbr Staat und sein Boden. 79 

polilik als das einzige ursprttnglicbe Recht auf diesen Boden das 
*der Indianerstämme an, die darauf gewohnt, gerodet und gejagt 
hatten. Die zahlreichen seit 1 789 mit Indianerstammen geschlossenen 
Vertrage sind die thatsächliche LSlugnung jener juristischen Auf- 
fassung des Landes der neuen Welt als eines herrenlosen Gutes. 
Diese Auffassung mochte man gelten lassen, von einem Lande, das der 
ersten Entdeckung nur natürliche Eigenschaften zeigt: Vulkane, Pflan- 
zen, Thiere, aber keine Menschen. Island ist thatsächlioh erst mit der 
normannischen Entdeckung im 9. Jahrhundert ein geschichtliches und 
damit ein politisches Land geworden, wenn auch dieser Entdeckung 
eine keltische vorangegangen war. Man kann nicht dasselbe sagen von 
Amerika, Australien und vielen oceanischen Inseln, die bereits Men- 
schen in staatlichem Verband besassen, als die Weissen sie entdeckten, 
in Besitz nahmen und ihren Staat siegreich dem der Eingeborenen 
entgegensetzten. Nur in volklosen Ländern ist eine politische Neu- 
anpflanzung möglich, nur ihnen wird durch die Entdeckung und 
Besitzergreifung ein politischer Werth erst beigelegt. In allen anderen 
muss der junge Staat an ältere Staaten sich anlehnen oder im Kampf 
mit ihnen Raum zu gewinnen suchen. 

Die politische Geographie der Gegenwart kennt kein nennens- 
werthes Land innerhalb der Oekumene, das politisch ganz herrenlos 
wäre. Selbst die Wüsten können nicht mehr als leere Räume auf- 
gefasst, d. h. unbeachtet gelassen werden. Seit Jahren sehen wir 
die Franzosen um die Herrschaft in der menschenarmen Sahara der 
Tuareg zwischen Algerien und der Gebirgsoase von Air ringen und 
Russland hat durch die Wüste von Turan eine strategische Bahn 
gelegt. Die in den spanischen Zertheilungen Südamerikas wie ein 
Meer als gemeinsamer Besitz der angrenzenden Provinzen betrachtete 
Wüste ist sorgsam getheilt worden, seitdem sie sich als salpeter- 
und ihre Gebirge als silberreich erwies. Wir finden politische Be- 
sitzungen an den äussersten Rändern der Oekumene in Ländern, 
wo nur ein kleiner Bruchtheil des Bodens dem Menschen auf der 
anspruchslosesten Stufe zugänglich ist. Im Lauf unseres Jahrhunderts 
sind zahlreiche unbewohnte oceanische Inseln politischer Besitz ge- 
worden. Gegenwärtig strebt England die Erwerbung einer unbe- 
wohnten Klippe im Archipel von Hawaii an, um dort sein Kabel 
Vancouver-Australien zu landen*®). Die Entwicklung der Beziehungen 



80 Friedrich Ratzbl, 

zwischen Volk und Boden zeigt, dass dieser Zustand der Allbesetzung 
langsam im Laufe der Jahrtausende entstanden ist, in denen die 
Menschen auf der Erde immer zahlreicher und die Völker räumlich 
grösser geworden sind. Je weiter wir zurückgehen, desto mehr volk- 
lose Räume. So stetig ist diese RaumerfUllung fortgeschritten, dass 
wir jetzt von keinem einzigen Theil des Erdbodens wagen möchten 
zu sagen, er sei politisch werthlos, sondern vielmehr annehmen 
mOssen, er fasse unentwickelte politische Möglichkeiten in sich, 
von denen wir gar keine Ahnung haben. Erst die Neuzeit kann 
das Wachsthum des Volkes als eine beständige nothwendige That- 
sache auffassen und damit die Nothwendigkeit Boden fUr kommende 
Geschlechter vorzubehalten als ein StaatsbedUrfniss erklären. Prac- 
tische politische Folgen hat dem allerdings nur eine einzige Macht von 
allen, England, geben können, das aus seiner gesicherten Lage* heraus 
und mit grosser Handelslhätigkeit und Auswanderung Länder jeder 
Art und Güte mit Beschlag belegt hat. Es ist der Sinn einer Gross- 
grundspeculation, der natürlich nur berechtigt ist, wo der um sich 
greifende Staat die Mittel hat, das Erworbene festzuhalten, wie Eng- 
land es bisher vermocht hat. Die bekannten, hoffentlich nun über- 
wundenen Erörterungen, ob Deulsch-Ost- und Südwestafrika über- 
haupt werth seien von der Deutschen Flagge gedeckt zu werden, 
zeigten nichts von dieser höheren Erkenntniss des politischen Boden- 
werthes und diesem weitblickenden Selbstvertrauen"). 

Unbewohntes Land in kleineren Stücken ist natürlich in jedem 
grösseren Staat zu finden, wo es politischen Werth erlangt durch 
die Lage in der Peripherie, der es in Hochgebirgen, weit erstreckten 
Wäldern, Sümpfen und Steppen die Merkmale der natürlichen Grenze 
crtheilt. Im Innern des Staates kann es dagegen zur Lockerung 
des politischen Zusammenhanges Anlass geben, besonders wenn sich 
eine besondere Culturform auf sie stutzt, wie auf die Steppen Irans 
der Nomadismus, der den ganzen Staat zu beherrschen strebt. 

Abgestufte Beziehungen der Politik zum Boden. 
Territoriale Politik. 

Es giebt noch viele andere Abstufungen in den Beziehungen 
der Politik zum Boden. Von König Pyrrhus, dem landlosen, »nur 
eine Intelligenz und ein Söldnerheer«, führt eine Stufenleiter zu dem 



Der Staat und sein Boden. 81 

modernen Staat, der jede Hektare seines Bodens mit dem angstvollen 
Eifer des Geizigen bewacht. Wir nennen eine charakteristische Mittel- 
stufe den für das Griechenvolk verhUngnissvollen engen Zusammen- 
hang der italischen Griechen mit Griechenland, in dem ein Wider- 
streit gegen die politische Macht des Bodens lag, die für sie verlo- 
ren ging, weil sie sich nicht ganz auf diesen italischen Boden stellten. 
Das Verhältniss hat sich in Handelscolonien oft wiederholt. Man 
pflegt es so auszudrücken: Das Land wird wirthschaftiich ausge- 
beutet, statt national erworben zu werden. Das war die Schwäche 
der niederländischen Colonisation in Nordamerika, die Eaufleute an 
die Küste sandte, im Vergleich mit der englischen, die Ackerbauer 
über das Land ausbreitete. Den Yortheil der Häfen und des Schiffs- 
weges sicherte für Corinth erst die Erwerbung fruchtbarer Lände- 
reien am Acheloos. Wenn ein Land grosse Colonien gewinnt, ohne 
den Bevölkerungsüberschuss zu haben, der den Boden sich und den 
Seinen zu eigen machen könnte, wenn ein Herrscher Länder erobert, 
zu deren Besetzung es ihm an Menschen fehlt, entsteht immer dieses 
lockere vergängliche Yerhältniss zwischen dem Staat und seinem 
Boden. Als Friedrich der Grosse 1758 Ostpreussen militärisch auf- 
gab, hatte er eingesehen, dass seine Armee zu klein war, um sein 
weniger grosses als ausgedehntes Gebiet zu decken. Und doch 
gehörte Preussen zu den Mächten, die damals die Armee, ganz ab- 
sehend von der Grösse und den Hilfsquellen des Landes, als ein 
Werkzeug betrachtete , das je nach Bedarf stark oder schwach sein 
konnte. Preussen war eine Grossmacht durch seine Armee, ehe es 
im territorialen Sinn Grossmacht wurde. Griechenlands Blttthe war 
einst die einer Welthandelsmacht. Als es diese Macht verlor, er- 
wies sich der eigene Boden zu eng und zu arm. Der Handelsgeist, j 
die Kunst, die Intelligenz wanderten aus. Schon zu Caesars Zeiten 
war es nur ein Schatten der alten Grösse. Vorher schon hatte die 
phönicische Colonisation gelehrt, wie verführerisch der Betrieb einer 
grossen Politik ohne zureichendes Land und wie kurzlebig sie ist. 
Selbst im Kampf der Griechen mit den Persern wog zuletzt das 
Landübergewicht bei diesen das Culturübergewicht bei jenen auf.- 
Von Pericles, der Maass halten wollte in der Ausbreitung der Macht 
Athens, sie nicht durch ihr eigenes Gewicht wollte fortdrängen 
lassen, kann man unmöglich mit Ernst Curtius^^) sagen, er habe 

AbhAndU d. K. S. GMellscb. d. WisBeoMli. XXXIX. 6 



82 Friedrich Ratzbl, 

seiner Vaterstadt eine unangreifbare Macht verbürgt. Denn gerade 
er hatte noch nicht die Bedeutung eines grösseren Landbesitzes für 
die dauernde Befestigung der politischen Macht erkannt, ohne die 
alle Bildung, Reichthum, Handel, auf schwankendem Boden standen. 
Ueberall in der Geschichte begegnen wir diesem wesentlichen Un- 
terschied zwischen einer territorialen oder geographischen und einer 
mehr politischen, allgemeineren, über den Boden, auf dem sie steht, sich 
erhebenden Politik. Diese betrachtet den Boden nur mit Rucksicht auf 
seine räumliche Ausdehnung, die ihn befähigt, grossen Entwürfen breite 
Unterlage zu schaffen, während jene in dem Boden etwas sieht, worauf 
man nur sicher fussen kann, wenn man es fest besitzt. Dieser um- 
schliesst wohl nach der Regel, dass ein Element räumlicher Grösse in 
der geschichtlichen Grösse liege, einen grossen Zug, jene aber den 
Vortheil früherer Vollendung. Insofern diese auch über die Grenzen 
einer Nation hinausgreifen will, setzt man ihr, der Weltpolitik, die 
nationale gegenüber, der expansiven die sich concentrierende. Durch- 
weht nicht ein Bodengeruch die Politik Franz I. , die »für die Idee 
von Frankreich« (Ranke) kämpfte, im Vergleich mit der des Kaisers, 
die das allgemeine Uebergewicht geltend zu machen suchte, das 
mit dem Begriff seiner Würde verbunden war, oder der Spaniens, 
die auf eine Weltherrschaft über eine zumeist noch unbekannte Welt 
hinaus ging? Noch in unserem Jahrhundert zeigte Oesterreichs jahr- 
zehntelanges Ringen um den mühsam festgehaltenen und dann ohne 
Rest aufgegebenen Einfluss im deutschen Bund die Vergänglichkeit 
politischer Ansprüche, die nicht am festen Anker eines entsprechenden 
territorialen Besitzes liegen. Dass Preussen mit Vs seines Besitzes, 
Oesterreich mit Vio <l6S seinen im Bund stand, und jenes bis zur 
Saar, dieses nur bis zum Bodensee reichte, ein Unterschied von 
drei Längengraden, waren die entscheidenden Thatsachen : rein geo- 
graphische. Die territoriale Politik ist zeitweilig in ganzen Länder- 
complexen durch andere Bestrebungen zurückgedrängt worden, so 
im 17. Jahrhundert in Europa durch confessionelle, worauf dann 
schon am Ende dieses Jahrhunderts im Rückschlag eine um so ent- 
schiedener territoriale und wirthschaflliche Politik besonders in West- 
europa durchdrang. Aus den Niederlanden wurde die gesunde 
Politik einer gleich massigen Schätzung des Volkes und des Bodens 



Der Staat und sein Boden. 83 

als der Quellen politischer Macht nach Preussen übertragen, dessen 
Grösse sie begründen half. 

Die Entwickelung eines immer genaueren Verhältnisses zwischen den Macht- 
ansprüchen und den Machtmitteln d. h. in erster Linie dem Territorialbesitz 
zeigt sich seitdem unablässig thätig in dem System der europäischen Gross- 
mächte. So wie es aus den Kämpfen des 47. Jahrhunderts und des beginnen- 
den 48. hervorgegangen war, bestand dieses System aus den zwei Kontinental- 
mächten Oesterreich d. h. die Länder des Kaisers und Frankreich und den 
zwei Seemächten Holland und England. Das waren die eigentlichen Träger 
der politischen »Balance« und die Wortführer Europas. Russland war nur 
erst wie ein Schatten vorübergegangen; seit dem Tod Peters des Grossen 
trat es zurück. Das waren sehr ungleiche Grössen, die etwa folgender- 
massen sich vertheilten: Oesterreich 10,500 Q.-M. und 42 — 15 Mill. Einw., 
Frankreich 9500 Q.-M. und gegen 20 Mill. Einw., England 5600 Q.-M. und 
9 Mill. Einw., die Niederlande 700 Q.-M. und 2.5 Mill. Einw. Als Preussen 
nach seiner Erwerbung Schlesiens hinzutrat, zählte es auf 2840 Q.-M. etwas 
über 3V2 Mill. Einw., Polen, das damals noch auf 10,000 Q.-M. und vielleicht 
8 Mill. Einw. geschätzt werden konnte, stand ebenso aussen wie Spanien 
und Schweden. Es entschieden also nur die augenblicklich bereiten Macht- 
mittel, die Armeen, Flotten und das Geld. Diese fünf Mächte die über 
Europa bestimmten und das heutige Europa heraufgeführt haben, umfassten 
nur etwa Ye der Oberfläche des Erdtheils, aber allerdings schon über Ys der 
vermuthlichen Volkszahl. Auch von den Ländern westlich vom russischen und 
türkischen Reich umfassten sie nur ^8- Heute umfassen die sechs Gross- 
mächte drei Yiertheiie der Fläche Europas und vier Fünftheile seiner Bevöl- 
kerung. Lassen wir das Russische und das Türkische Reich bei Seite, so 
nehmen die 5 west- und mitteleuropäischen Grossmächte von dem Rest 
Europas doch noch nahezu drei Fünftheile ein. 

Gegenüber dieser grossen Bewegung auf eine immer festere terri- 
toriale Begründung der Politik ist die Nationalitätenpolitik unserer 
Zeit ohne Zweifel ein Rückschritt. Sie erklärt als das Princip des Staates 
das Volk einer Sprachgemeinschafl, ohne Rücksicht auf seinen Boden. 
Sie wird sich dauernd der geographischen Politik gegenüber nicht 
behaupten können, die den Boden ins Auge fast, ohne den Stamm 
und die Art der Bewohner zu berücksichtigen. Beide sind grund- 
verschiedene Methoden der praktischen Politik. Die Nationalitäten- 
politik beschränkt sich meist auf einen engeren Raum, auf dem das 
Volk, sich wie eine Familie auslebt, den es intensiv benutzt und ganz 
besitzen will, während die geographische hauptsächlich territorial ist. 
Vergleichen wir die Ergebnisse der beiden, so scheint die nationale 
Politik überall dort erfolgreich gewesen zu sein, wo durch die 

6» 



84 Friedrich Ratzel, 

einigende Macht einer nationalen Idee ein grösseres zersplitterndes 
oder abhängiges Gebiet zu einem einzigen politischen Organismus 
zusammengeschlossen werden konnte, wo sie sich also mit der geo- 
graphischen verband. Wo dagegen ein Staat sein Gebiet ausdehnen 
will oder muss, hat er sich den Gewinn an Land ohne jede Rück- 
sicht auf dessen Bewohner gesichert, wie Frankreich in Nizza, Deutsch- 
land in Nordschleswig und Lothringen. 

Die territoriale Politik im Kriege. 

Der Krieg der für soviele politisch -geographische Fragen das 
rasch verlaufende Experiment darbietet, klärt auch die Beziehung 
zwischen Staat und Land auf. Jeder moderne Krieg hat den Zweck, 
dem Gegner die Verfügung über sein Land zu entreissen, wozu das 
einfachste Mittel die Niederlage des wehrhaften Theiles des Volkes ist. 
Die räumliche Sonderung des Staates wird absolut verneint, die Grenzen 
bestehen für die Kriegführenden nicht mehr, das Gebiet des Gegners 
wird besetzt und zugleich die Vernichtung aller Machtmittel ange- 
strebt, durch die er es festhalten könnte. Trotz der Einfachheit des 
ganzen Processes hat doch die Möglichkeit der Auseinanderlegung 
von Boden und Staat zu verschiedenen Methoden der Kriegführung 
Anlass gegeben, die einen oder den anderen bevorzugen, während 
der einzig richtige Ausgangspunkt immer nur die Auffassung des 
Staates als Organismus sein kann. Dieser Organismus muss in einen 
Zustand versetzt werden, wo er sich nicht länger zur Wehre setzen 
kann. Zu diesem Zweck muss ihm der Boden genommen und muss 
zugleich die Widerstandskraft seines Volkes geschwächt werden. 

Eine auf der Verkennung des Wesens des Staates ruhende 
Ueberschätzung des Bodens liegt älteren strategischen Systemen zu 
Grunde, die den Feldherren die Erreichung geographischer Punkte 
zum Ziele setzten. Es kam dabei nicht darauf an, ob die feindli- 
chen Armeen ihnen grosse oder geringe Widerstände entgegensetzten. 
Von dem Feldzugsplane der französischen Donau-Armee im Frühling . 
1799, die nach Durchschreitung des Schwarzwaldes den oberen 
Lech, die Isar, den Inn erreichen und die Ausgänge Tirols besetzen 
sollte, sagt Clausewitz treflFend, es liege in dem Erstreben aller die- 
ser Punkte freilich der Gedanke, dass der Feind, der sich wieder- 
setzt, vertrieben werden solle, dass es sich aber frage, ob sie auch ein 



Der Staat und sein Boden. 85 

nennenswerther Gegenstand seien, wenn der Feind so schwach sei, 
dass seine Vertreibung nur als eine untergeordnete oder zweifelhafte 
Sache angesehen werden könne. Ohne Bestimmung darüber, wo 
und in welchen Massen der Feind zu erwarten sei, seien solche 
geographische Bestimmungen »nur eine Beziehung zur Hauptsache, 
nicht die Hauptsache selbst« ^^. 

Die Entwickelung des politischen Werthes des Bodens. 

Je weiter wir in der Geschichte zurückgehen, desto mehr tritt 
der Boden hinter dem Volk zurück. Sein wirthschaftlicher Werth 
für den Einzelnen ist von Anfang da. Er mag noch so klar er- 
kannt sein, der politische Werth des Bodens für die Gesammtheit 
wird erst allmählich recht verstanden. Schon ältere Beobachter 
afrikanischen und altamerikanischen Völkerlebens haben auf die eigen- 
thümliche Erscheinung hingewiesen, dass aus dem fast beständigen 
Kriegführen so wenig dauernde Landerwerbungen hervorgehen. Es 
läuft in Menschenjagden aus, die zum Theil die Bevölkerung des 
siegreichen Landes vermehren, zum Theil als Sklaven, die verkauft 
werden, es wieder verlassen. In den seltenen Fällen, wo ein sieg- 
reiches Volk sich ausdehnt, geht die Colonisation neben oder nach 
der Eroberung als eine Sondererscheinung her, die durch einen 
langen Zeitraum von ihr getrennt sein kann. So ist es in Bornu, 
Baghirmi, Wadal', deren Eroberungszüge gegen den Süden zunächst 
nur Ausbeutungsgebiete schaffen, an deren politische Gewinnung durch 
Einfassung in eine den politischen Besitz verdeutlichende Grenze 
noch lange nicht gedacht wird. 

Alljährlich zieht der Aqtd SalämM, unter dessen Oberaufsicht das Land 
steht, nach Runga, um seinen weiten Bezirk zu controlieren, und um 
durch Beutezüge nach Süden, Südwesten und Südosten den kriegerischen 
Sinn der WadaY-Leute zu heben und den Bedarf des Sultans an Sklaven und 
Elfenbein zu decken ^^). Da die Sudanstaaten fortgeschritten genug sind, 
um die YoriheUe einer planmässigen Colonisation zu würdigen, wie neuere 
Zwangsansiedelungen von Baghirmi-Leuten durch Sultan Ali beweisen, wer- 
den mit der Zeit die immer mehr sich enlvölkemden Ausbeutungsgebiete 
wieder besiedelt und dann wirklich dem Reiche angeschlossen werden. Aber 
diess ist ein späterer Process, dem die uns geläufige Auffassung einer politi- 
schen Erwerbung unter sofortiger Abgrenzung noch ganz fern liegt. Diese 
Vorstellung ruht aber zutiefst in der Auffassung der engsten Zugehörigkeit 
des Bodens zum Volke und der Unirennbarkeit beider im Staat. Wir be- 



86 Fribdiich Ratzbl, 

zeugen sie in der elementarsten Weise dadurch, dass wir Quadratmeilen- 
und Bevölkerungszahl als die zwei unvermeidlichen, aber auch untrennbaren 
Grössen in jeder politisch-geographischen Beschreibung und Würdigung an- 
setzen. In der afrikanischen Staatslehre bedeutet dagegen der Boden sehr 
wenig, das Volk fast alles. Territoriale Erweiterungen erscheinen nicht als 
Machterweiterungen, der Zulu- oder Lundaherrscher httlt sein Volk viel fester 
zusammen als sein Land, controliert es besser. Der daraus hervorgehenden 
Unbestimmtheit der Grenzen entspricht dann auch die Seltenheit grosser 
Staaten auf dieser Stufe. 

Die Europäer, die mit ihrer Auffassung vom Werth des Bodens 
in Gebiete eindrangen, wo jene andere Auffassung herrschte, fanden 
es leicht möglich ihren Landhunger zu sättigen, da sie nun mit solchen 
zu Tische sassen, denen Landbesitz über das Nothwendige hinaus 
als ein unbegreiflicher Luxus erschien. Daher die leicht erworbenen, 
ungeheueren Abtretungen, die man zu Unrecht als Ausdruck einer 
kindischen Unerfahrenheit im Politischen verstand, während sie nichts 
anderes als der Ausfluss einer anderen Würdigung des Bodens und 
einer anderen Auffassung der Grenzen waren, in der ebensoviel 
Verstand und System, wie in der europäischen lag. Daher immer 
wieder ein Kampf zwischen diesen weiteren und loseren und jenen 
engeren und festeren Vorstellungen vom Boden des Staates. Aber 
von allen Unrechtmässigkeiten , die an »Wilden« begangen werden, 
verdienen die Landerwerbungen um lächerliche Preise am wenigsten 
Tadel. Wenn die Narragansett-Häuptlinge Canonicus und Miantonomo 
1636 die herrliche Insel Aquidnek um vierzig Stränge Perlen und 
ein Paar Hauen und Zeug verkauften an Roger Williams und seine 
Geführten, so war sie sicherlich für die Indianer nicht mehr werth"). 

Die Colonisation eines Staates mit höherer Schätzung des Bodens 
wird immer leichteres Spiel in einem Lande haben, dessen Bewohner 
zu dieser Schätzung noch nicht fortgeschritten sind. Dieser Staat 
schiebt sich anfangs ohne schwere Kämpfe in die zahlreichen Lücken 
der zerstreuten politischen Besitzungen der Neger, Indianer u. s. w. ein, 
bis die Uebergriffe in die Stammesgebiete Zwiste hervorrufen. Wenn 
die Europäer in Amerika das politische System der Eingeborenen 
besser verstanden hätten, würden sie länger ohne Conflikte sich 
haben behaupten können. Wo bei dichterer Bevölkerung und all- 
gemein höherer Cultur der Boden wirthschaftlich und politisch höher 
geschätzt wurde, wie in Peru, da ward von Anfang an das Ein- 



Der Staat und sbin Boden. 87 

dringen der Europäer zur Eroberung, vermochte aber nur da coloni- 
satorisch Wurzel zu fassen, wo das Land noch nicht zu dicht be- 
setzt war. Mexiko und Peru blieben daher auch nach der Eroberung 
im wesentlichen Indianerstaaten. Solche Unterschiede gab es einst 
auch im alten Germanien. Im Osten mochte ein römischer Feldherr 
einem Hermundurenschwarm Sitze auf markomannischem Gebiet an- 
weisen; am Rhein wäre es ihm wohl nicht gelungen. 

Dass Schwankungen in der politischen Schätzung des Bodens 
auch auf höheren Stufen möglich sind, lehrt die Geschichte in zahl- 
reichen Fällen. Dem Versuch, politische Macht ohne ihren Boden 
zu gewinnen, der oft wie ein gefährlicher Ballast ihr anzuhängen 
scheint, begegnen wir auf allen Stufen der Entwickelung. Mancher 
Boden ist widerwillig genommen worden. In der Entwickelung 
aller grossen Reiche begegnen wir einem Zustande der Unschlüssig- 
keit und Rathlosigk^it, vor dem Entschlüsse die grossen Flächen 
aufzunehmen, die zur Vollendung einer Machtstellung noth wendig 
sind, ohne selbst politischen Werth zu haben. Das bequeme Mittel, 
die Länder in den Händen ihrer Beherrscher zu lassen und durch 
deren Verpflichtung die oberste mtlhe- und opferlose Leitung zu 
gewinnen, die vielleicht noch durch Geiseln gesichert wird, hat 
China im grössten Masse angewendet. Die Ländergier der Eroberer 
und Eroberervölker des Alterthums, besonders der Römer, ist eine ganz 
mythische Vorstellung. Der Landerwerb ist in den grossen politischen 
Umwälzungen des Alterthums nur eine Begleiterscheinung, denn das 
Land ist nicht das Ziel der Kriege und diplomatischen Bemdhungen, 
sondern die Macht und in den Kriegen der Asiaten oft mehr noch die 
Menschen und die Schätze. Da nun Macht immer endlich doch am Bo- 
den hängt, wird der Landerwerb sich aufdrängen bei einer so grossen 
Machterhöhung und -ausbreitung, wie besonders Rom sie vom Pyrrhus- 
krieg an erlebt hat. Rom konnte mit dem System der Bundesgenossen 
und des Imschacbhaltens einer Macht durch eine andere, wie Karthagos 
durch Numidien , der Kelten durch die Massalioten u. s. w. auf die 
Dauer nicht regieren. In dem Maasse als die Expansion die innere 
Verfassung umgestaltete, trieb sie auf das Reich und die Provinzen 
hin. Und dazu kam noch die Nothwendigkeit neuen Landes für 
den Ueberschuss der Bevölkerung. Aber noch im Anfang der pu- 



88 Feibdrich Ratzbl, 

nischen Kriege kämpfte Rom mehr gegen Hannibal als um den Ge- 
winn des karthagischen Bodens. 

Die Entwickelung der Grenzen und der Boden. 

Im politischen System des unterritoriaien Gentilstaates liegt für 
die schematische Auffassung das Grewicht folgerichtig nur in dem 
Mittelpunkte, also in der Hauptsiedelung oder dem Dorfe des fuhr- 
enden Häuptlings. Die Grenze verläuft daher unbestimmt in einem 
herkömmlich leergelassenen Raum, der von dem Nachbarstaate oder 
-stamme trennt. Der politische Zusammenhang mit dem Boden ist 
hier noch nicht wie in den modernen Staat auf der ganzen Fläche 
gleich innig, sondern nach dem Rande zu ist er gelockert und dieser 
Rand ist in den meisten Fällen gar nicht genau zu bestimmen. Für 
den Geographen zeigt ja allerdings der Stammesstaat ein anderes 
Bild als der Yolksstaat. Denn jener wird immer mehr auf Zusammen- 
fassung aller Mitglieder des Stammes in einer centralen Siedelung, 
womöglich in einem einzigen Stammes- oder Clanhaus hinstreben, 
wogegen dieser der Verbreitung seiner Glieder über ein weiteres 
Gebiet und ihrer unregelmässigen Yertheilung über dasselbe nichts 
entgegenstellt, wenn es nicht Schutzbedürfniss ist. Darum ist aber 
doch noch nicht der Grenzsaum ein nothwendiges Merkmal des 
Stammesstaates. Er ist vielmehr der Ausdruck einer anderen 
Schätzung des Bodens oder einer anderen Auffassung des Werthes 
der Grenze: jenes wenn wir ihn in neuen Ansiedelungen bei Ueber- 
fluss an Land, dieses wenn wir ihn in China oder Hinterindien oder 
im centralen Sudan, in alten Yolksstaaten, finden. 

Nicht Linien und genau bestimmte Flächen, sondern Orte oder 
Stellen bestimmen überhaupt die politische Geographie des voreuropäi- 
schen Afrikas, Amerikas, Australiens. Zunächst hängt der Staat nur 
an einem bestimmten Punkte mit seinem Boden fest zusammen. Der 
Punkt bezeichnet nur die Lage des Staates im Allgemeinen oder er 
symbolisiert sie. Um dem Vordringen der Europäer ein Ziel zu 
setzen, bestimmten 1854 die Häuptlinge der Nordinsel Neuseelands, 
der Berg Tongariro solle den Mittelpunkt eines Gebietes bilden, 
wovon kein Theil an die Regierung verkauft werden dürfe. Es ist 
wohl verstanden, dass der Staat sich nach allen Seiten von einem 
Punkte aus erstreckt; das wie weit hängt von der Macht seiner 



Der Staat und sbin Boden. 89 

Bewohner ab. Daher wird keine feste Grenze angenommen, wenn 
nicht von aussen her ein anderes Volk sich heranerstreckt, gegen 
das nun eine Schranke gesetzt werden muss. Sich in Unbewohnt- 
heit zu hüllen, sich einsam in weiter Leere zu wähnen, entspricht 
ja auch in rein culturlicher Beziehung der Auffassung älterer Völker 
von ihrer Stellung auf der Erde, und kehrt daher im Weltbild wie- 
der^^). Die ganz genau bis auf den Bruchtheil eines Meters be- 
stimmte Ausdehnung der Fläche des Staates, die soweit reicht, bis 
sie mit der Fläche eines Staates zusammentrifil, ist für diese Auf- 
fassung nicht nothwendig. Daher auch die Vernachlässigung der Hilfs- 
mittel zu schärferer Begrenzung, die die Flüsse bieten. In der 
politischen Geographie der Indianer und Neger haben sie, mächtig 
wie sie gerade in Amerika und Afrika sind, immer mehr Sammel- 
becken als Grenzen gebildet. Die Staaten lehnten sich gern an sie 
an, fanden es aber nicht nöthig, ihre Peripherie durch sie zweifel- 
los zu bestimmen und zugleich zu schlitzen. Daher die stets wieder- 
kehrende Unsicherheit über die Ausdehnung, die in einem bestimmten 
Zeitpunkt einem Staate zuzusprechen war. 

Die Unbestimmtheit der Grenzen nach Süden zu bezeichnet Nachtigal 
als eine allgemeine Eigenschaft der Sudanländer. Demgemäss treffen die 
Machte dort nicht in breiter Berührung aufeinander, ihre Gegensätze schärfen 
sich nur an einzelnen vorgeschobenen StelleD, die Begegnungen führen mehr 
zu einem Ineinanderschieben als einem Vordrängen. Das nun zwischen dem 
KoDgostaat und dem portugiesischen Angola aufgetheilte Lunda-Reich ist nie 
ganz sicher zu fassen gewesen, denn über die wichtigsten Grenzgebiete, wie 
das sog. Reich des Kasembe, das unzweifelhaft von Lunda abhing, war keine 
Klarheit zu gewinnen. Die festen Linien unserer Karte täuschen ein Wissen 
vor, das nicht besteht, sie sind nichts als der Ausdruck conventioneller 
Compromisse mit dem, was nicht gewusst ist oder nicht in seinem wahren 
Zustand gezeichnet werden kann. So war es auch weiter nördlich in den 
Ländern der Ba Luba^^). 

Im Staatsrecht dieser Länder ist wohl für ein zeitweiliges Zu- 
sammenfassen der Zügel der äusseren Gebiete gesorgt. Der Herr- 
scher oder seine Vertreter erscheinen alle paar Jahre, erzwingen den 
Tribut, der freiwillig nicht gegeben wurde und überlassen dann die 
ausgepresste Citrone sich selbst. In dieser Zeit, die eine der häu- 
figen Thronstreitigkeiten verlängern mag, schiebt sich dann vielleicht 
ein fremdes Volk colonienweise in die schütz- und herrenlose Grenz- 
bevölkerung ein, wie die Kioko in Lunda, die Fulbe im Sudan, die 



90 Fribdrich Ratzbl, 

die Staaten selbst in die Hand nahmen, nachdem sie in aller Stille 
herangewachsen waren. Und so entstehen Verhältnisse, wie wiederum 
Ludwig Wolf sie aus dem Gebiete gemischter Lunda- und Maschinsche- 
Bevölkerung am Schavanna schildert, wo das Unterthanen-Verhältniss 
sich ganz nach der Abstammung richtet. Jeder Ort zahlt seinem 
Stammeshaupt, gleichviel ob er in dessen iGebiet liegt oder nicht *^). 
Eine bestimmte Grenze wird nun vollends unmöglich und man be- 
greift die Schwierigkeiten, mit denen die Zeichnung einer scharfen 
Grenzlinie unter solchen Verhältnissen verknüpft ist. Eine so aus- 
gezeichnete Naturgrenze wie der grosse Fischfluss hat nichts daran 
geändert, dass die Kaffern dort buchstäblich jeden Grenzvertrag 
brachen. 1884 schrieb General Warben, dem es oblag, die Grenz- 
streitigkeiten zwischen der damals neuen ephemeren Republik Stella- 
Land und einigen Betschuanenstämmen zu schlichten : Die Besitzrechle 
der Häuptlinge greifen in der bei primitiven Völkern üblichen Weise 
ineinander über. Die Wasserstellen und Viehplätze eines Stammes 
liegen meilenweit jenseits der Grenze, während dann wieder Wasser- 
und Landbesitz gemeinsam ist. In vielen Fällen verschieben sich 
die Grenzen von Jahr zu Jahr^^). 

Die Auffassung der Funktion der Grenze als peripherisches Or- 
gan hängt eben ganz von der des Staates als ihrem Organismus ab 
und begründet die tiefsten Unterschiede im Wesen der Grenze. So 
wie der Staat seine Beziehungen zu den Nachbarstaaten auffasst, so 
ist die Grenze, die demgemäss mit dem ganzen Complex der aus- 
wärtigen Beziehungen organisch zusammenhängt. Der grosse Unter- 
schied liegt darin, ob die Grenze überhaupt noch ein selbständiger 
Raum, ein Saum, oder durch die unmittelbare Berührung der Gebiete 
auf die Grenzlinie reduciert ist, die am Boden nicht zur Erscheinung 
kommt, sondern gleichsam über ihm schwebt. Das selbständige Grenz- 
gebiet bedeutet die Abschliessung vom Nachbar, es legt etwas Drittes, 
Fremdes zwischen zwei Staaten, die nicht bloss politisch ausein- 
ander gehalten, sondern durch die Zwischenlagerung überhaupt isolirt 
werden. Stossen die Gebiete aneinander, so berühren sich auch 
ihre Bewohner und wenn die politische Trennung auch so scharf 
betont wird, wie an den russischen Grenzen, durch Wälle und Ko- 
saken-Cord ons, so bleibt doch die Wirkung der räumlichen Annähe- 
rung und unmittelbaren Berührung. In der Wegräumung dieser 



Der Staat und 8bin Boden. 91 

Hiadernisse liegt der Anlass zu einem mächtigen Umschwung der 
ganzen Staatenentwicklung. So wie die Schranken fallen, erhalten 
alle das Wachsthum fördernden Kräfte freie Bahn. Das durch die 
dicht hintereinanderfolgenden Grenzen zerschnittene Netz der Ver- 
kehrswege entwickelt rasch durchlaufende Wege, die sich in dem 
freien Räume nach allen Seiten verzweigen. Die vorher getrennten 
Kleinstaaten nähern sich, endlich berühren sie einander und die Ver- 
schmelzung wird mit der Zeit unvermeidlich. Die Besiedelung der 
Grenzöden bricht also einem Grössenwachsthum Bahn, das, wie die 
Geschichte lehrt, nicht aufhört, als bis es den Band der Wüste oder 
des Meeres erreicht hat und endlich ganze Erdtheile umfasst. Und 
mit ihm wachsen alle politischen Raumvorstellungen und alle Schätzun- 
gen des Werthes des Bodens. Es liegt daher in der Durchbrechung 
dieser Art von Grenzen einer der grOssten Wendepunkte in der Ge- 
schichte der Beziehungen zwischen Volk und Land überhaupt. 

Was später Entwickelung der Grenze heisst, sind die vergleichs- 
weis kleinen Verschiebungen und Ausbesserungen, die der allmählich 
steigende Werth des Bodens mit sich bringt. Ein merkwürdiges 
Beispiel von diesem Wachsthum des Werthes der Grenzen mit fort- 
schreitender politischer Entwickelung bieten die südamerikanischen 
Staaten, die ausnahmslos mit schweren Grenzconflikten belastet sind, 
weil in der Zeit der spanischen Kolonialverwaltung an genaue Ab- 
grenzung nicht gedacht worden war und in den ersten Jahren nach 
der Befreiung diese zeitraubenden Probleme ebenfalls noch unerledigt 
blieben. Schwierige Fragen , vsrie die des Anspruches Ecuadors auf 
den Nordrand des Maranon führten schon in den 20*' Jahren zu Krie- 
gen, und heute endlich drängt diese ungelöste Frage beim Fortschritt 
der Besiedelung zur Entscheidung. Noch deutlicher zeigt der Streit 
zwischen Chile und Argentinien über die Cordillerengrenze , wie in 
einem früher politisch praktisch werthlosen Gebiete wie Patagonien 
die politischen Interessen wachsen und endlich zu scharfer Abgren- 
zung drängen. 



92 Friedrich Ratzel, 



IV. 



Die Einwurzelung des Staates durch die Arbeit 
der Einzelnen. 

Die Entwickelung der Beziehungen zwischen Boden und 

Volk. 

Die Entwickelung des Staates ist neben der Ausbreitung noth- 
wendig auch Befestigung. Durch die Ausbreitung oder das räum- 
liche Wachsthum wird der Staat grösser und vermehrt seine Hilfs- 
quellen, durch die Befestigung am Boden entwickelt und stärkt er 
seine Grenzen und sichert seine Lage. Raum, Grenzen und Lage 
nehmen an Werth zu, indem der Staat sich fester mit seinen geo- 
graphischen Grundlagen verbindet. Es ist mehr als bloss ein Bild, 
wenn man von Einwurzelung redet, denn der Staat zieht gerade 
wie die Wurzeln einer wachsenden Pflanze immer mehr Nahrung 
aus seinem Boden und wird daher immer fester mit ihm verbunden 
und auf ihn angewiesen. Wohl stellt auf jeder Entwickelungsstufe 
der Staat andere Forderungen an seinen Boden, lässt aber auf der 
höheren nichts nach von dem, was er auf niedrigeren geheischt 
hatte, so dass die Summe seiner Forderungen immer grösser wird. 
Das Volk ist das organische Wesen, das im Laufe seiner Entwicke- 
lung immer inniger mit dem Boden verwächst und den Boden in 
diese Entwickelung Überfuhrt und hineinzieht. Man kann daher dem 
Wachsthum des Staates Über die Oberfläche der Erde hin auch ein 
Wachsthum nach der Tiefe zu zur Seite stellen. 

Unser Land! Wieviel Geschichtliches, ja unsere ganze Geschichte 
liegt darin. Dieses kleine Stuck Boden, auf dem wir geboren sind, 
das uns ernährt, das die Arbeit von vielen Geschlechtem urbar, licht, 
wohnlich und fruchtbar gemacht hat. Hunderttausende haben ihr Blut 
darauf verspritzt, es uns zu wahren. 

Die Arbeit der Einzelnen, von Geschlecht zu Geschlecht neu 
aufgenommen, fortgesetzt und vertieft, giebt einem Lande einen 
neuen Charakter. In dem Wirken der Culturheroen kommt der tiefe 
Eindruck dieser mit der Cultur sich vollziehenden Bodenveränderung 
zur poetisch-mythologischen Gestaltung. Im Boden, der »aus wilder 



Der Staat und sein Boden. 93 

Wurzel« urbar gemacht wird, prägt sich der Umschwung des ganzen 
Lebens aus. Die Sumpfstrecken werden entwässert, die Wälder ge- 
lichtet, die Länder vermessen und zu regelmässigem Anbau und festem 
Besitz vertheilt, Wege gebahnt, FlussmUndungen zu Häfen umgewandelt, 
auf Höhen Städte angelegt und Tempel gebaut. Aus der Naturland- 
schaft eine Culturlandschaft hervorgezaubert zu haben, konnte nur als 
eine heroische Leistung begriffen, es konnte die aufgesammelte, ver- 
dichtete und vertiefte Arbeit der Ahnen und Urahnen in ihren Ergeb- 
nissen nur so verstanden werden. Die grosse Wahrheit, dass in dieser 
Leistung die Zeit Macht bedeutet, wurde damals nicht verstanden. 
Sie ist auch heute Vielen nicht klar. Und doch ist es das Geheim- 
niss jeder erfolgreichen Colonialpolitik, dass die stille Arbeit der 
Einzelnen, wenn ihr Zeit gelassen wird, die politische Macht 
fester in einen neuen Boden einpflanzt als alle stossweisen Macht- 
entfaltungen. Die grOsste Golonialmacht aller Zeiten hat den Grund- 
satz: Zeitgewinn, Machtgewinn über alle anderen bewährt gefunden 
und einer ihrer tiefsten Gedanken, von Wenigen verstanden, ist Zeit 
zu gewinnen, damit ihre Colonisten den Besitz in den fernsten 
Ländern sichern. 

Die Uebereinstimmung des Zweckes der beiden Vorgänge drückt 
sich in der Bezeichnung friedliche Eroberung aus. Sie ist erst 
unserer Zeit geläufig geworden. In der Sprache der anglokelti- 
schen Amerikaner und Australier hat das Wort Conquest über- 
haupt fast ganz die kriegerische Bedeutung verloren. Bei »Con- 
quest of the arid West« denkt jeder Amerikaner heute nur an Be- 
wässerungscanäle und Eisenbahnen, Heimstätten und Landagenturen. 
Es liegt aber eine tiefere Beziehung der beiden Processe darin, 
dass Überhaupt jede festhaltende Erwerbung eines Landes die kleine 
Arbeit des Colonisten voraussetzt, die ja auch ein opferreicher Kampf 
mit Naturgewalten und in den Anfängen immer eine Staatengründung 
im engsten Räume ist. Die colonisierende Eroberung hat immer 
einen kleinen Zug. Wenn man sagt: Ostdeutschland hat der Pflug 
erobert, so meint das auch: nicht das Reich gewann die ostelbischen 
Länder den Deutschen, sondern kräftige Kleinherren des Grenzlandes 
und deren Diener. Man kann die allgemeine Regel aussprechen: Im 
natürlichen Wachsthum der Völker ist der wachsende Rand politisch 
schwach, denn er setzt sich aus lauter kleinen werdenden Gebilden 



94 Fbibdbich Ratzel, 

zusammen. So wuchsen die Slawen an der Saale und Elbe, erst 
weit hinter diesem Rand folgten ihre starken FUrslenthUmer. Und 
ihnen entgegen ähnlich im Einzelnen, aber stärker zusammengefasst 
im Ganzen die Deutschen. In dieser Neigung zur Auflockerung beim 
Wachsthum liegt die besondere Bedeutung eines festen Wachs- 
thumsrandes wie ihn Caesar den Römern mit dem immer weitere 
Gebiete umfassenden Grenzschutz gab^]. 

Der Antheil des Einzelnen am Boden des Staates. 

Der Antheil des Einzelnen an dem Boden den er bewohnt und 
bebaut, wird im Lauf der Entwickelung von dem des Staates überragt 
und umfasst; zugleich ist aber das Yerhältniss des Staates zu seinem 
Boden immer bedingt durch das seiner arbeitenden Bürger zu ihrem 
Boden-Antheil. Wie sie auf ihm wohnen und wie sie ihn anbauen, 
wieviel sie davon in Anspruch nehmen und wie sie ihn besitzen, 
das schafft mannigfaltigst ins Politische über- und eingreifende Ver- 
hältnisse. Ihr Grundzug ist, dass die Wirtbschaft dem Boden näher 
steht als die Politik. Die Colonisation , die mit dem Keim eines 
Dorfes und einer Anbaufläche von Pflanzungen, Gärten, Aeckern u. s. w. 
zugleich den eines Staates legt, bietet für diese Einwirkung die 
besten Beispiele. Sie lässt am deutlichsten erkennen, wie der Besitz, 
die Bewohnung und die Bearbeitung des Landes ein reales Interesse 
am Boden schaffen, das als eine Sache des Einzelnen von dem 
wachsenden idealen Interesse der Gesammtheit umfasst wird. Es ist 
diesem untergeordnet, übt aber darauf denselben Einfluss wie die 
Eigenschaften der Elemente eines Körpers auf dessen Ganzes. 
Schwindet die zusammenhaltende Macht des Staates, dann führt der 
Zerfall der Staaten auf die Dorfgemarkung oder den Einzelbesitz, 
als das Nothwendigste und Letzte im Yerhältniss des Einzelnen zum 
Boden zurück: die Beherrschung geht in Besitz unter. 

Die selbstständige Entwickelung des Einzelmenschen in den Gren- 
zen des Staates hängt von der Möglichkeit ab, dass ihm der Boden 
dazu gewährt wird und dass auf diesem Boden die Kraft der örtlichen 
Anziehung sich geltend machen kann, die sich gegen eine stärkere 
centralisierende Anziehung aus dem Mittelpunkt zu behaupten weiss. 
Es ist nicht blos der Bodenraum, der dazu nöthig ist; auch die Form 
und Art des Bodens wirkt mächtig individualisierend. Das Beispiel 



Der Staat und sein Boden. 95 

der Gebirgsstaaten mit ihren selbständigen Völkern und Völkchen 
in jeglichem Thal liegt nahe. Es ist indessen einseitig, weil es den 
Menschen in einer Natur zeigt, von der er vorwiegend abhängig ist. 
Eine höhere Stufe erreicht die örtliche Selbständigkeit, wenn der 
Mensch mit seiner Thätigkeit sich ganz in seinen Boden hineingräbt, 
wie der Bauer auf dem Einödhof, der kein anderes Interesse als 
das des kleinen Staates von Aeckern und Wiesen, Knechten und 
Mägden kennt, dessen Herrscher er ist. Da zeigt es sich erst so recht, 
wie der Einzelne sich Nahrung und Nothdurft aus seinem Stück 
Boden erarbeitet, den er als Glied der Gesammtheit mit allen anderen 
zusammen gegen äussere Angriffe vertheidigt. Sein Stück bildet mit 
den anderen als Theil eines beschränkten Stückes Erde ein Ganzes, 
dessen Theile, genützte und ungenutzte, alle zusammen gehören. Je mehr 
Arbeit er in diesen seinen Bodenantheil hineingräbt und säet und 
erntet, um so höher steigt dessen Werth für ihn, um so fester bindet 
er sich mit ihm zusammen, und um so höher steigt der politische 
Werth, d. b. um so inniger wird der Zusammenhang zwischen der 
Gesammtheit und ihrem Staate durch alle diese Mittelglieder. Indem 
die Einzelnen sich vermehren, werden immer mehr solche Verbin- 
dungen geschaffen, wodurch die Lücken zwischen den Wohn- und 
Arbeitsflächen verkleinert werden und die Berührung mit dem Boden 
zugleich verdichtet wird. Die Aenderungen in der Form des Be- 
sitzes, besonders der Uebergang aus der Gleichheit der Markgenossen 
zum Grossgrundbesitz Einzelner, ändert an dieser Verbindung nichts, 
so lange nicht die Zahl oder die Arbeitsleistung der Bewohner sich 
ändert. Ohne Störung von aussen wird sie sich immer mehr stärken 
und weitere Gebiete umfassen. In diesem Sinne war die Grösse 
Roms »gebaut auf die unmittelbarste und ausgedehnteste Herrschaft 
der Bürger über den Boden und auf die geschlossene Einheit dieser 
also festgegründeten Bauerschaft«^. 

Der Grundbesitzer theilt also mit dem Staat den Boden und 
ist durch ihn fester mit dem Staat verbunden als der Kaufmann 
oder selbst der Gewerbtreibende, die ihren Handel, ihre Hantierung 
auch an anderen Orten ausüben, ihre ganze Habe über die 
Grenze tragen können. Daher die Aussonderung flottanter Handels- 
Fischer- und Jägervölker in Centralafrika , die ohne eigenes Land 
bei anderen Völkern gleichsam zur Miethe wohnen. Daher auch 



96 Friedeich Ratzel, 

die Abhängigkeit der Yertheilung des politischen Einflusses in einem 
Volke von der Yertheilung des Bodens. Der Einfluss der »Geo- 
moren«, den die alten Griechen im Peloponnes sogut wie in Samos 
kannten, ist eine typische Erscheinung. Es ist der Einfluss des 
Grundbesitzes, der dann in den politischen Privilegien des freien Land- 
besitzes oder Landadels in hunderterlei Formen bis auf die Gegen- 
wart wiederkehrt. Das Landgut ist nicht bloss als Boden in wesent- 
licherem Sinn ein Theil des Staates als das Haus des Städters; es 
ist selbst ein kleiner Staat. »Das schlichte Geschäft der Hauswirth- 
Schaft ist nicht bloss Befriedigung der thierischen Bedürfnisse; es 
enthält die bewegende Kraft der Verwaltung, den Grund des Staats- 
lebens«^). So ist das Landgut des adeligen Konkan-Mahratten, des 
Ba Ngala- Häuptlings, des Farmers und Plantagenbesitzers in Nord- 
amerika wie das des englischen Landsquire oder des deutschen freien 
Bauern ein besonders wichtiges Stück Staat, das seinem Besitzer 
ein entsprechendes Gewicht verleiht. 

Der Einfluss der Landantheile auf den Staat. 

Wo wir den Einfluss der geographischen Bedingungen im Wesen 
eines Volkes zu erkennen glauben, da ist es immer zuerst der Ein- 
fluss, dem der Hausstand aus dieser seiner Beziehung zum Boden 
heraus unterliegt. Dieser Einfluss wirkt dann allerdings auch auf 
die Staatenbildung ein und zwar durch die Gemeinsamkeit des 
Bodens. Die englischen Ansiedler in Virginien und Neuengland, 
die die Keime der mächtigen Vereinigten Staaten gelegt haben, 
hatten nicht zuerst die Staatenbildung, sondern die Gewinnung von 
Land für Haus und Acker im Sinn. Da aber ihr Anspruch auf den aus 
dem Boden zu ziehenden Nutzen grösser war als bei den Indianern, 
und da sie für ihre Handelsverbindungen auch Küstenstriche brauchten, 
die diese vernachlässigt hatten, nahmen sie früh viel grössere Länder 
in Anspruch als eine gleiche Zahl Eingeborene und damit war die 
politische Wirkung gegeben. Diess gilt überall von den Colonien, 
die auf die Anlage von Pflanzungen ausgehen. Aber auch in be- 
schränkteren Gebieten ist der Landanspruch der Golonisten für 
wirthschaftlicKe Zwecke immer grösser als in der Heimath. Die 
politische Wirkung davon ist selbst in der Geschichte Deutschlands 
erkennbar in dem weit nachwirkenden grossen Umfang der ost- 



Der Staat und sein Boden. 97 

elbischen Marken und Staaten, aus denen die colonialen Grossstaaten 
Oeslerreich und Preussen hervorgegangen sind. 

Bis heute wirkt in der Geschichte der Vereinigten Staaten der Uoter- 
schied der Besiedelung fort: Im Norden Bauern, im Süden Pflanzer. Un- 
mittelbare Folgen davon sind die Demokratien dort, die Pflanzeraristokratien 
hier. So ist ein dauernder unterschied der nord-» und südöstlichen Coloni- 
sation in Deutschland, dass dort weite Gebiete mit deutschen Bauern und 
Bürgern besiedelt wurden, während hier meist nur eine hervorragende Klasse 
deutscher Grundbesitzer sich bildete. In der ganzen Welt aber haben die 
germanischen Kolonisten ihre Ansiedelungen fester gegründet weil sie einwan- 
derten wie einst die Dorier, mit Weib und Kind, ihre Haus- und Gemeindeord- 
nung mitbringend, dadurch Sitte und Sprache von Anfang an mit dem Schutze 
der eigenen, abgeschlossenen Heimstätte, umgebend. Bei den Romanen war 
mehr die Männer- und Knabenauswanderung im Schwang, daher ihr schwä- 
cherer Halt in der Fluth der Indianerbevölkerung Mittel- und Südamerikas: 
In Nordamerika sind die Mestizen so klein an Zahl, dass sie verschwinden, in 
Mexiko bilden sie 48 % der Bevölkerung. Wo englische Geschichtschreiber von 
einem hervorragenden »genius for amalgamation c sprechen, der die angel- 
sächsische Rasse auszeichne, denken wir einfach an den starken Landbedarf der 
familienhaften, im neuen Boden sich rasch einwurzelnden und ausbreitenden 
Ansiedelungsweise. Ueberhaupt, was man Colonisationsgabe nennt, ist im 
Wesentlichen die Fähigkeit den politisch gewonnenen Boden durch Einzelar- 
beit sicher zu stellen. Der Misserfolg der französischen Colonisation in Nord- 
amerika ist in grossem Maasse durch ein System bewirkt worden, das die 
rasche Ausbreitung durch den Handel, besonders den Pelzhandel begünstigte 
und die feste Ansiedelung erschwerte. Dies führte zur Schonung der India- 
ner, deren Jagdgebiete sorgsam berücksichtigt wurden. So kam es zwar, 
dass die Franzosen mit den Indianern im Allgemeinen sich besser verstanden 
als die Engländer und eine grössere Macht über sie hatten, auf die sie sehr 
stolz waren; auch im Handel hatten sie einen Vorsprung, der zum Theil 
darauf zurückführte, dass die französischen Hinterwäldler für weit ehrlichere 
Kaufleute galten als die englischen. Aber gerade, was sie den Indianern zu 
angenehmeren Nachbarn machte, bedingte ihre geringeren Erfolge als An- 
siedler, die den Boden bearbeiten. Das hat Cbampuliiv schon bemerkt. Andere 
Franzosen haben es erst herausgefunden, als das Land verloren war. Da gab 
es viele französische Ansiedelungen, wohlgelegene Handelsposten, die alle durch 
grosse, indianisch gebliebene Zwischenräume von einander getrennt waren. 
Aber mit Ausnahme eines Theiles von Untercanada keine den Boden dich- 
ter überziehende und entsprechend festhaltende Ansiedlerbevölkerung und 
besonders nicht jene heilsame Verbindung von emsiger Urbarmachung und 
Ackerarbeit mit kühnem Vorwärtsdrängen, das überall auf der Erde die 
sicherste Grundlage der politischen Ausbreitung bildet*). So wird durch eine 
in den Einzelheiten klein und unbedeutend erscheinende Abweichung in 
der Auffassung des Verhältnisses zum Boden bei hundertausendmal wieder- 
holter Anwendung auf die Bodenprobleme der Colonisation die Zukunft 

Abhandl. d. K. S. OeMlIsch. d. Wissensch. XXXIX. 7 



98 Friedrich Ratzbl, 

ganzer Reiche und Erdtheile bestimmt. Dass die Englander nur die poli- 
tische Herrschaft über die Indianergebiete beanspruchten und den Ansied- 
lern tlberliessen, die einzelnen Landstrecken von den Indianern selbst zu 
erwerben y während die Franzosen und Spanier mit der politischen Herr- 
schaft auch die Verfügung über die Länder der Indianer zu besitzen glaub- 
ten, bat den tiefsten Unterschied in der Entwickelung der Colonisation in 
beiden Amerikas bewirkt. Die Engländer Hessen der energischen Coloni- 
sationsarbeit ihrer auswandernden Familien freien Spielraum, während eine 
Eroberung wie die spanische in Peru die Indianer in ihren Einzelwirthschaf- 
ten schützte. Diese haben dann im Lauf der Jahrhunderte, die gleichsam nur 
über ihnen schwebenden spanischen Grossgrundbesitzer sammt der Regierung 
überwachsen. Mag darin nicht auch ein geschichtliches Erbtheil liegen, dass 
ebenso wie die Römer die jetzigen romanischen Länder Europas gewannen, 
ohne ihre Bevölkerung zu verdrängen, so auch ihre spanischen, portugiesi- 
schen und französischen Nachfolger die mittel- und südamerikanischen Länder 
sammt ihrer Bevölkerung übernommen haben? 

Stufen des Ackerbaues und der Schätzung des Bodens. 

Die oft untersuchten Beziehungen zwischen den Bevölkerungs- 
und Culturstufen lehren die Abhängigkeit des Entwicklungsganges 
der Cultur von einer Volkszahl auf bestimmtem Raum^). Das geo- 
graphische Bild dieser statistischen Thatsache zeigt die ungleiche 
Vertheilung der .Wohn- und Anbau- oder Weideflächen, und der sie 
voneinander trennenden unbenutzten Räume. Dabei gilt die all- 
gemeine Regel, dass die als Wohnstätte, Garten, Acker oder Weide 
dienenden Strecken um so fester liegen, je dichter sie vertheilt sind 
und um so mehr schwanken und wandern, je freieren Raum sie 
haben. Darum ist es einseitig, die Beziehung der Culturstufen zu 
den Stufen der Volksdichte rein statistisch aufzufassen. Es ist wahr, 
auch wenn das Anhäufungsverhältniss mit berücksichtigt wird, dass 
die Menschen ihre humanen Eigenschaften zu entfalten um so drin- 
gender aufgefordert sind, je näher sie sich berühren. Aber die mit 
grösserer Beständigkeit des Wohnens einhergeheode Vertiefung des 
Verhältnisses zum Boden ist noch wichtiger. Sie ist eine unver- 
lierbare und immer weiter fortwirkende Culturerrungenschaft, die auch 
in dtfnnbewohnte Gebiete übertragen und dort weitergebildet werden 
kann, wie die Colonisationsgeschichte auf vielen Blättern zeigt. Daher 
die ausschlaggebende Bedeutung der Bewirthschaflung des Bodens 
für die Cultur, die ja schon in der Etymologie des Wortes Cultur 
sich ausspricht. 



Der Staat und sein Boden. 99 

Man hat früher nur die Ansässigkeit des Ackerbauers der ün- 
stetigkeit des Nomaden entgegengesetzt und sicherlich liegen darin die 
grössten Gegensätze. Je grössere Räume die Wirthschafl im Allgemei- 
nen beansprucht, desto näher steht sie dem Nomadismus und desto 
freieren Raum findet dieser allenthalben für seine Entwickelung. Eben- 
desshalb ist der Nomadismus der unversöhnliche Feind jeder Wirth- 
schaflsweise, die mit weniger Raum arbeiten und ihre Stärke schon 
früh darin finden will, dass sie auf dem beschränkten Raum grössere 
Menschenmengen ansammelt. Der Gegensatz zwischen Ismael und Isaak 
entspricht dem weltgeschichtlichen Gegensatz der weit- und engräumi- 
gen, der schwankenden und der festgewurzelten Wirthschaft. Aber 
nicht bloss in dem Extremen der Ackerbauer- und Hirtenvölker 
kommt dieser Unterschied zum Ausdruck. Je weniger der Landbau 
in einem Volke bedeutet und über eine je weitere Fläche es daher 
ausgebreitet ist, um so unsicherer ist auch das Verhältniss dieses 
Volkes zu seinem Boden. Die politische Geltung eines Volkes kann 
recht wohl über einen grossen Raum ausgebreitet sein, während 
seine culturliche Bedeutung nur an einen engen Raum gebunden ist. 

Die Eigenthümlichkeit der Grundbesitzverhältnisse der Neger liegt 
hauptsächlich in dem Bodenüberfluss, der alle festen Einrichtun- 
gen versinken lässt. Weil sie soviel Boden haben, schätzen sie seinen 
Besitz gering. Weil ihre Felder nach drei Ernten sowenig Frucht 
geben, dass sie die Arbeit nicht mehr zu lohnen scheinen, lassen sie 
ihren Acker brach liegen und lichten, aber oberflächlich, einen neuen 
im Busch. Es hat hier also gar keinen Werth, die Grenzen des Grund- 
besitzes genau zu bestimmen. Es entspricht dann endlich dieser 
breiten Auffassung, wenn das Volk sich um die Grundbesitz Verhält- 
nisse nur da kümmert, wo durch geleistete Arbeit einer ein Stück 
Boden erworben hat, das ihm nun selbstverständlich allein gehört, 
oder wo eine reKgöse Beziehung des Ganzen oder Einzelnen zum 
Boden besteht, in dem Volksgenossen begraben sind, oder wo eine 
unzweifelhaft lohnende Fährstelle oder dergl. in Frage kommt. Aller 
andere Boden kann weggegeben werden und die Neger scheinen 
häufig ihrem Häuptling das unbedingte Recht dazu einzuräumen, 
wenn auch nur vereinzelt »Herr des Bodens« ein Häuptlingstitel sein 
mag, wie bei den Wa Yao. 

Es ist wohl bei keinem nordamerikanischen Indianerstamm ge- 



100 FniBDRifji Ratzel, 

luDgea, die verhältnissmassige Ausdehnung seines Arbeits- und Wohn- 
und seines Jagdgebietes genau festzustellen. Auf dieses legten die 
Indianer das grösste Gewicht und gerade es ist am schwersten zu 
umgrenzen. Als die Officiere der Vereinigten Staaten 1786, im 
Jahre der Gründung des Indian Bureau, begannen, mit den Indianern 
Verträge abzuschliessen, in denen diese ihre Lander gegen Tausch- 
waaren und Reservationen abtraten, mussten sie erst erfahren, wie 
schwer diese beiden Arten von Gebieten zu trennen seien. Noch 
1864 traten die Schoschonis und Maklak im nördlichen Kalifornien 
und südlichen Oregon das Gebiet zwischen 44^ N. B. und der Wasser- 
scheide des Pit-River gegen die nordkalifornischen Hochlandseen 
und vom Gascadengebirge östlich bis zu den Seen Hearney und Goose 
an die Vereinigten Staaten ab. Bei näherem Zusehen ergab sich, 
dass die Wohngebiete nicht über 43^ N, B. und 121® W. L. hinaus- 
reichten. Solche Jagdgebiete wurden auch von anderen Stimmen 
beansprucht. Weitzerstreut lagen darin die wenigen besser abge- 
grenzten Landstücke, wo Ackerbau getrieben worden war. 

Bei der Eintheilung der mannigfaltigen Formen des Acker- 
baues, die über die Erde verbreitet sind, muss das Verhältniss zum 
Boden in erster Linie berücksichtigt werden. Es genügen dafür nicht 
die Kategorien Ackerbau und Plantagenbau, ebensowenig wie der Hin- 
weis auf die grosse Umwälzung, die die Einführung des Pfluges be- 
wirkt hat. Die von G. Hahn vorgeschlagene Eintheilung in Hackbau, 
Ackerbau und Gartenbau geht tiefer^ beachtet, wenn auch von 
geographischer Seite ausgehend, mehr die Beziehung zu den für die 
einzelnen Stufen bezeichnenden Hausthiere als die zum Boden. Und 
doch steht diese auch für eine rein ethnographische Eintheilung im 
Vordergrund, da eben die wichtigste Folge des Ackerbaues die Be- 
festigung der Beziehungen zwischen dem Menschen und dem Boden 
ist. Wir werden also auf der untersten Stufe den vereinzelten 
Hackbau finden, der da und dort sich ein kleines Feld im Wald 
oder der Savanne lichtet, um eine oder mehrere Ernten daraus zu 
ziehen und es dann zu verlassen: kleiner Raum und kleinste Stetig- 
keit in seiner Benutzung. Die Fläche vergrössert sich durch die 
Gemeinsamkeit des Anbaues. Das gemeinsame Feld ist grösser 
und schon darum beständiger als das einzelne, es nimmt einen 
grösseren Theil des politischen Bodens ein und wirkt befestigend 



Der Staat und 8B1n Boden. 101 

auf den Zusammenhang der Gemeinschaft mit ihrem Boden zurück. 
Nur in gemeinsamer Arbeit sind Fortschritte wie die Verbesserung 
des Bodens durch Terrassenbau und die Yergrössernng der Er- 
träge durch ktlnstliche Bewässerung überhaupt möglich. Kehrt 
nun im Gartenbau die kleine Gullurfläche wieder, so ist sie doch 
mit einer so sehr gesteigerten Intensität der Bewirthschaftung ver- 
bunden, dass sie nur bei einer grossen Innigkeit der Verbindung 
zwischen dem Bewohner und dem Boden überhaupt denkbar ist. Sie 
stellt insofern die Spitze der auf Befestigung dieser Verbindung ge- 
richteten Entwickelung dar. 

Eine zweite Linie führt von dem gemeinsamen Land, dessen 
grosse Fläche leistungsfähige Werkzeuge — zunächst die in Neu- 
Guinea zu findenden starken Holzstangen, die je von mehreren Men- 
schen bei der Umbrechung des Bodens gehandhabt werden — zur 
Bearbeitung verlangte, mit Hilfe des Pfluges zum Ackerbau, den die 
gemeinsame Arbeit bei der Umbrechung des Dorfackers vorbereitet 
hat. Indem der Ackerbau bei Vervollkommnung seines charakteristi- 
schen Werkzeuges, seinen Raum vergrössert, fordert er immer mehr 
vom Land des Staates für die Wirthschaft der Bewohner, deren 
dabei sich vergrössernde Zahl zu immer neuen Bodenforderungen 
führt. In Länder mit praktisch fast unbeschränkten Mengen Ackerland 
übertragen, nimmt er mit vervollkommneten Werkzeugen, Maschinen, 
endlich den höchst extensiven Charakter an, und umfasst in einer 
zusammenhängenden Anbaufläche den Raum von einigen innerafri- 
kanischen Kleinstaaten. Der Plantagenackerbau der Tropen um- 
fasst zwar auch weite Räume und treibt die politischen Gebiete noch 
mehr zur Ausbreitung an — Expansionspolitik der Vereinigten Staaten 
unter dem politischen Einfluss der Baumwollbauer! — steht aber an 
Intensität weit zurück und sieht mit seiner rohen Bodenausnützung 
oft mehr wie eine Vergrösserung des Hackbaues auf gemeinsamem 
Felde aus. 

Wir sehen also, wie die Völker auf niederen Stufen nur einen 
kleinen Theil des politisch beanspruchten Bodens wirklich einnehmen 
und wie sich immer weiter diese Fläche ausbreitet und endlich den 
grössten Theil des Staatsgebietes wirklich ausmacht. Die Nutzfläche 
fällt allerdings auch auf dieser Stufe nicht mit der Bodenfläche des 
Staates zusammen, dessen rein politische Räume zwar immer mehr 



102 Friedrich Ratzbl, 

zusammengedrängt, aber ebendesshalb auch klarer ausgesondert sind. 
Damit ist nun der Boden des Staates doppelt okkupiert, einmal 
politisch, das andere Mal culturlich-wirthschafllich. Diese Art von 
Besitzung stärkt jene; die Stetigkeit der Ansiedelung bringt auch 
Stetigkeit in der politischen Beziehung zum Boden mit sich. Die 
Aufgaben des Staates werden immer mehr Gulturaufgaben, und der 
Ackerbau wird im alten Peru und in China nicht bloss zur ersten, 
sondern zur geheiligten Angelegenheit des Staates. 

Der Nomadismus und sein Boden. 

Den Nomadismus, diese örtlich bedingte Wirthschaftsform und 
Lebensweise, als einen nothwendigen Durchgangspunkt der Entwicke- 
lung der Menschheit aufzufassen, ist einer der schwersten IrrthUmer 
der älteren Ethnographie und politischen Geographie. Dass Morgan 
diesen Irrthum nicht bloss wiederholt, sondern daraus einen Eck- 
stein seines Systems macht, indem er seine Mittelstufe der Barbarei 
mit der Zähmung von Hausthieren beginnen lässt, überrascht uns 
bei der UnvoUkommenheit seiner ethnographischen Grundlage viel we- 
niger als dass diesen Irrthum auch die einzige grosse Monographie wie- 
der bringt, die wir in deutscher Sprache von einem Nomaden volk 
besitzen. Vambert beginnt den Hauptabschnitt Mittelasiatische Türken 
seines Werkes. Das Türkenvolk (1885) mit den fast poetisch klin- 
genden, jedenfalls aber wissenschaftlich nicht zu begründenden Sätzen: 
So wie das Thier, vom Instinkt des Hungers und des Durstes ge- 
trieben, auf den Bergen und in den Thälern, in Wäldern und auf 
der Steppe die zu seinem Unterhalt nöthige Nahrung suchend umher- 
streift, ebenso hat der Mensch im Urzustände seiner Existenz, als 
es ihm noch an Mitteln zur künstlichen Herbeischaffung seiner Nah- 
rung mangelte, von einem Platz zum andern wandern, d. h. ein 
nomadisches Leben führen müssen. Zuerst allein mit seiner Familie 
und Angehörigen umherziehend, mussten im späteren Verlaufe, als 
er Thiere gezähmt hatte und Thierzüchter geworden, die Grenzen 
der engeren Heimath um so mehr erweitert werden, da die ihm 
folgenden Heerden das Gras der Triften bald abgeweidet war, und er, 
um seine eigene Nahrung zu sichern, auch für die Nahrung seiner 
Hausthiere zu sorgen hatte. So entstanden die Hirtenvölker oder 
nomadischen Gesellschaften . . .^). 



Der Staat und sein Boden. 103 

Statt auf vollkommea unbekannte Ursprünge zurückzugehen, die 
man niemals wird erkennen können, fragen wir uns, was dieser No- 
madismus der Hirtenvölker vor allem im Verhältniss zu seinem Boden 
sei? Welche Stellung nimmt er in der Entwickelung der Menschheit 
auf ihrer Erde ein? Eine dünne Bevölkerung in weitem Räume, 
wo die Bedingungen dem Wandern mit grossen Viehherden günstig 
sind, die nicht lange an einem Platze verweilen können, sondern ihre 
Nahrung auf entlegenen Strecken suchen müssen, die sie im Laufe 
eines Jahres abweiden. Daher wenig oder keine festen Siedelungen 
und ein entsprechend schwacher Halt am Boden. Das ist der 
Nomadismus, rein geographisch genommen. Der Mensch ist seinen 
Herden zulieb beweglich geworden, er führt Haus und Geräthe mit 
sich und verweilt nur wenige Wochen an einem Ort, wo er sein 
kunstreiches Zeltgerüst aufschlägt. Das setzt auch beim besten Boden 
und förderlichsten Klima einen weiten Raum voraus, auf dem mit 
allen Hilfsmitteln einer höheren Cultur die Nachtheile einer allzu- 
lockern Verbreitung der Bewohner nicht zu vermeiden sein werden. 
Die höchste Cultur kann also mit dem Nomadismus nicht verbunden 
^ein. Wo sie in einem Lande neu angepflanzt wird, das ihm ent- 
gegenkommt, sehen wir sie von den wesentlichen Zügen ihres Wesens 
einbüssen. Ein guter Theil des für die Geschicke Südamerikas auf 
lange hinaus bestimmenden Gegensatzes von Chile und Argentinien hat 
darin seinen Grund, dass Argentinien von Anfang an einen viel 
breiteren Raum darbot. Der starke nomadische Zug lässt hier eine 
so scharfe Sonderung der Landbauer (Rotos) und Grundbesitzer wie in 
Chile nicht aufkommen. Das Wesen des Gaucho beherrscht, wenn 
auch verdünnt, das Leben der hohen und niederen Pampasbewohner 
auf dem Lande wie in den Städten und überschreitet von Corrientes 
nach Rio Grande sogar die nationale Grenze zwischen spanischer 
und portugiesischer Bevölkerung. Der Grundbesitz mit wandernden 
Hirten und Herden übt nicht die befestigende Macht wie das durch 
Arbeit erworbene, festbegrenzte Ackerland von sicherem bleibendem 
Werth. Diese Macht fühlt man in der verhältnissmässig ruhigen 
Entwickelung Chiles und dem im Grund oligarchischen Charakter seiner 
Regierung, während die Blüthezeit des Gauchothums in den Staaten 
am La Plata eine Folge von politischen Umwälzungen zeigt, in denen 



104 Fribdrich Ratzbl, 

das bewegliche Element der Steppenbewohner eine grosse Rolle 

spielte. 

Die Bevölkerung der Steppen ist höchstens ein Zehntel von der Bevöl- 
kerung eines wohlangebauten Landes. Wo die Steppe sich mit WQste mischt, 
wie auf der Sinaihalbinsel, da sinkt die Bevölkerung auf 7 auf 4 Q.-M., wo 
sie grasreich wird und grosse Herden nährt, kann sie 400 übersteigen. Die 
Regel ist aber, dass die Bevölkerung der Steppen, wo die Nomaden unge- 
lenkt und ungeregelt durch die Gesetze fremder Herren leben, viel kleiner ist 
als nach Boden und Wasser vorauszusehen wäre. Als die Russen nach Merw 
kamen, fanden sie auf der ganzen 200 Km langen Strecke zwischen Merw 
und Gänars, die der Herirud befruchtet, keine Ansiedelung. Die Verthei- 
lung der Bevölkerung ist auch sehr ungleich. Menschenleere Strecken von 
grosser Ausdehnung wechseln mit Oasen dichtgedrängter Ackerbauer. In den 
chinesischen Ansiedelungen der Westmongolei herrscht Uebervölkerung mitten 
in den leeren Steppen. 

Wo der Nomade Herr und wo er noch ganz Nomade ist, lässt er 
eine starke Bevölkerung gar nicht aufkommen, es müsste denn in klei- 
nen Gruppen in den Oasen sein, die dann regelmässig ausgebeutet wer- 
den. Die Regel ist vielmehr: Die Steppe lässt weder eine starke Ver- 
mehrung des Volkes noch eine Kultur zu, die sich in sich vertieft und 
einwurzelt, sie treibt den Ueberfluss nach aussen, zerstört, befruchtet 
zugleich jenseits ihrer eigenen Gebiete fremde Kulturen. Dieses Hin- 
auswirken lässt ein Land, das Völker von weltgeschichtlicher Bedeu- 
tung gebildet und umgebildet hat, fast wie eine Wüste unfruchtbar, 
unentwickelt verharren. Arabien, zu drei Viertheilen dauernder 
Bewohnung ungünstig, ist nur als ein völkernährender Boden ge- 
schichtlich, seine Völker trugen ihre geschichtliche Wirksamkeit über 
diesen Boden hinaus. Arabien ist seit der Entstehung des Islam 
unbekannter als es den Alten gewesen. Ptolemäus wusste mehr 
davon als die Europäer vor Niebuhr und Seetzen. Nur in dem dich- 
ter bewohnten, ackerbauenden, Glücklichen Arabien, im südlichsten 
Winkel der grossen Halbinsel, fanden die starken, kriegerischen 
Stämme des Nordens und des Innern das Material zur Ent Wickelung 
eines einheimischen Staats- und Kulturgebietes, dessen Bedeutung 
allerdings neben dem verschwindet, was die Araber von Aegypten 
bis Spanien und Sicilien aufgenommen und geschafiFen haben. 

Der Nomadismus der Hirten wird durch sein eigenes Princip 
immer weiter getrieben. Wenn auf niederer Stufe der Cultur schon 
der Besitz des Rindes allein zum Wandern zwingt, weil die sedentäre 



Der Staat und sein Boden. 105 

Viehzucht mit Wiesen, Heu, Stallfütterung u. s. w. nicht bekannt ist, 
so steigert die naturgemässe Vermehrung der Herde noch die Neigung 
aller Wirthschaft auf dieser Stufe sich auszubreiten. Mit der Beherr- 
schung der Thiere, dem Schlachten und Blutgenuss hängt eine Gemttths- 
Verrohung zusammen, die mit der körperlichen Abhärtung durch das 
Steppenklima und das Umherziehen auf die Bildung starker, roher 
Naturen hinwirkt. Das ist ein guter Boden für die straffe durch die 
Märsche gebotene Ordnung und Disciplin. Die Ansässigkeit schwächt 
die Völker politisch, (s. u. S. 1 1 4) der Nomadismus stärkt sie. Aber 
der Nomadismus gräbt sich selbst den Boden ab, indem er die Gaben 
der Natur geniesst, wie sie wachsen, während der Ackerbau die Er- 
träge steigert und immer mehr Menschen die Möglichkeit bietet, auf 
gleicher Fläche zu leben. Darin schreitet der Ackerbau fort, während 
der Nomadismus seinem Boden gegenüber schon frühe entweder 
stillsteht oder zurückgeht. 

Lassen wir zunächst unerörtert, ob nicht die Steppe selbst an vielen 
Stellen dürrer geworden sei und versande, die Volkssage verkündet es vom 
Jordan bis zum Amur, so ist sicher, dass die Menschen selbst mächtig dazu 
beigetragen haben, diesen ihren eigenen Boden zu verderben. Der Flug- 
sand lauert an tausend Stellen, um von der Wüste her in die Steppe vor- 
zudringen. Wie häufig sind gerade in den Steppen Trümmer des Schaffens 
und Gedeihens früherer Geschlechter! Wo der Weg von Karsobi nach Bur- 
chalyk die Sandwüste streift, da ist fast alle Kultur auf dem rechten Ufer 
des Amu Darja bereits von dem Sande bedroht. Die mächtigen Pappeln 
(Populus diversifolia) und Tamarisken an alten Rastplätzen sind schon halb 
vom Sande verschüttet. Trockene Brunnen, verlassene Wege, verfallene 
Rasthäuser bezeugen einen alten Verkehr. So sind aber alle Nomadenge- 
biete ruiuenreich und das »Uebersch wellen« der Hirtenvölker ist oft einfach 
nur durch das Verfallenlassen] der Fruchtbarkeit ihres Bodens bedingt ge- 
wesen, der sie nicht mehr erbalten konnte. 

Nie haben sich Völker in eine Form und Art des Bodens so 
hineingeformt, wie diese wandernden Hirten, dass sie ohne ihn nicht 
mehr denkbar sind. Bei aller scheinbaren Freiheit ist es die grösste 
Abhängigkeit von den natürlichen Bedingungen. Mit diesen zugleich 
legt sich eine Gemeinsamkeit der Sitten und Gebräuche auf, die dem 
ethnographischen Bild dieselbe Einförmigkeit verleiht die dem natür- 
lichen zu eigen ist. Was in Gentralasien und bis nach Europa herein in 
der Steppe wandert, ist uralaltaYscher Mongole oder Türke, wie auch 
sonst sein Ursprung sei, was in den Oasen oder den die Steppe umran- 



106 Friedbicb Ratzbl, 

denden Ländern den Acker baut ist, heute Arier ^) oder Chinese. Wo 
im Westen Nordamerikas und auf den Pampas und Llanos Südame- 
rikas die Steppenviehzucht sich herausgebildet hat, haben ihre Hirten, 
ob Cowboys, Gauchos oder Lianeros indianisches Blut in sich auf- 
und indianische Sitten angenommen und stehen sicherlich dem Step- 
denindianer näher als dem ackerbauenden Sprössling Europas. So 
bewegt sich das Leben der Nomaden in der steppenhaften Nordhälfle 
Afrikas in arabisch-maurischen Formen vom Rothen Meer bis zum 
Atlantischen Ocean. Und was in der Osthälfte Afrikas von den 
Dinka bis zu den Ama Kosa mit Rinderherden wandert, trägt über- 
all denselben Stempel des Hirtennomadismus der Neger. Verschie- 
denstes Völkerleben ergiesst sich so in die feste, weil naturbedingte 
Form des Nomadismus. 

Den einst so sicher angenommenen EinQuss der Steppe auf die 
Körper der einzelnen Menschen können und müssen wir hier bei- 
seite lassen, dafür aber um so bestimmter die Modelung der gesell- 
schaftlichen und politischen Einrichtungen der Hirten-Völker durch 
das Leben in der Steppe behaupten. Die Hirtennomaden haben sich 
den Lebensbedingungen dieser weiten Grasebenen so vollkommen 
unterworfen, dass das Herauskommen aus den dadurch vorgeschrie- 
benen Lebensformen für sie eine Sache von grösster Schwierigkeit 
geworden und eigentlich nur dort auf die Dauer gelungen ist, wo 
dem Nomadismus der Nährboden durch den Ackerbau einfach weg- 
gezogen wurde. 

Das Verhältniss zum Boden tritt gerade dort im Nomadismus 
am deutlichsten zu Tage, wo er sich der Uebergangsstufe nähert, 
die man als Halbnomadismus bezeichnet. Der Prozess besteht 
in einem beginnenden und vielfach unterbrochenen Sesshaftwerden, 
wodurch ebensowohl die Wanderzeit als der durchwanderte Raum 
beschränkt wird. Der Nomade pflvinzt einige Cucurbitaceen und Le- 
guminosen an den Orten, wo die Herde ihm gestattet, seine Zelte 
einige Monate stehen zu lassen. Vielleicht kommt bald das anspruch- 
loseste Getreide, die Hirse, hinzu. Gelingt es dem Nomaden so 
lange zu verweilen, bis seine Pflanzung zur Ernte reif ist, was we- 
sentlich von der Güte des Bodens und vom Klima abhängt, so ist 
der nächste Schritt, dass er ein Vorrathshaus baut, in dem er die 
Früchte unterbringt. Das ist zwar eine ärmliche Lehmhütte, in der 



Der Staat und sein Boden. 107 

er nicht wohnt, neben der er vielmehr sein Zelt wie sonst auf- 
schlägt, aber es ist doch der sicherte Schritt zur Sesshaftigkeit. Be- 
zeichnend, dass er in der Regel am Rande der Steppe oder dort 
gemacht wird, wo eine Oase des Ackerbaus die Steppe unterbricht. 

Nomaden und Ackerbauer. 

Ein starkes Hirtenvolk lässt nicht von seinen Herden und seinen 
Wanderzügen und ein Ackerbauervolk geht nicht ungezwungen zum 
Nomadismus über. Die beiden wahren sich also auch die Boden- 
flächen, die sie, jedes für den höchsten Zweck seines Daseins, brau- 
chen; oder suchen sie noch zu erweitern. Es wäre verfehlt, zu 
glauben, der Ackerbau und die Viehzucht seien nur Erwerbszweige, 
es sind Formen des Lebens, in denen jede Thätigkeit und jedes 
Streben eine besondere Richtung empfangt: Die Tracht, die Nahrung, 
die Lebens- und Wohnweise, die Familie, die Gesellschaft und der 
Staat: alle sind bei den beiden grundverschieden. Nur die härteste 
Nothwendigkeit kann aus Ackerbauern Nomaden machen und umge- 
kehrt. Wir sehen den Umbildungsprozess sich nur rasch vollziehen, 
wenn eine dieser »Lebensformen« auf das Gebiet, den Boden einer 
anderen gedrängt wird, dagegen braucht er Generationen, wo ein 
freiwilliges üebergreifen geschieht, natürlich in der Form der Er- 
oberung. Dabei entschied endgiltig immer die wirthschaflliche Ueber- 
legenheit des Ackerbaues gegen die politische des Nomadismus. 

Die Einwanderung von Ackerbauern in die Gebiete wandern- 
der Steppenvölker ist erst auf einer hohen Stufe der Kultur möglich 
geworden und wir begegnen ihr thatsächlich nur als emer verhält- 
nissmässig modernen Erscheinung in drei grossen Steppenländern: 
Von China sind seit der Unterwerfung der Mongolei unter China (die 
allerdings erst möglich geworden ist durch die vorhergehende Er- 
oberung Chinas durch die Mongolen) die Ackerbauer des Hoangho- 
Gebietes im Vordringen nach Westen ; sie occupieren immer mehr Oasen 
und haben die Grenze des zusammenhängenden Ackerbaulandes be- 
reits bis an ihre geologisch gegebene Naturgrenze vorgeschoben. 
Die Ausfuhr von Erzeugnissen der Ackerbauer geht nach China, 
wo sie einstens aus China kam. In Osteuropa hat ein ähnlicher, 
aber weniger grossartiger Prozess sich seit der Unterwerfung Astra- 
chans, Neurusslands und anderer Steppengebiete durch Russland voll- 



108 Friedrich Ratzel, 

zogen. Und endlich folgt im Prärien- und Pampasgebiet Nord- 
und Sudamerikas der Eroberung die Verdrängung der schweifenden 
indianischen Reitervölker durch die Weissen. Ueberall geht also die 
politische Eroberung und Unterwerfung diesem Vordringen der Acker- 
bauer voran, das demnach nur unter dem Schutze der Waffen — 
alle diese Einwanderungsgebiete sind stark befestigt und garnisoniert 
— sich vollzieht! Weite Gebiete, die in dieser Weise nur ganz 
dünn bevölkert oder sogar menschenleer gewesen waren, wandelte 
der Ackerbau, der sesshafte Menschen sich vermehren liess, in Län- 
der zahlreicher Dörfer und grosser Städte um. Neben diesem po- 
sitiven Ergebniss steht die Verdrängung der Nomaden, die Einengung 
nomadischer Wohnsitze. Eine der grössten Wendungen in der Ge- 
schichte Europas, folgenreich für alle Zeiten, liegt in der Ausbrei- 
tung des Ackerbaus über die Steppen, Pussten u. s. w. Osteuropas. 
Und erleben wir nicht in unserer eigenen Zeit eine für Amerika 
noch bedeutsamere Wandlung des Bodens und des Volkes durch 
den Boden in dem weiten Gebiet der Prärien und eines Theiles 
der Plains des Inneren und des Westens, wo der Ackerbau ein- und 
der Indianer auszieht und mit ihm die alte Rasse und Kultur? Das 
ist derselbe Prozess, der den Chinesen die Mongolei und die Mand- 
schurei im friedlichen Ringen zu eigen gemacht hat. 

Der Kampf des Hirten und des Ansässigen ist so alt wie die 
Geschichte, die man als Weltgeschichte zu schreiben pflegt. Er tritt 
uns im alten Aegypten entgegen, und die Wurzeln des Judenthums 
ruhen in ihm. Die altpersische Religion stellt in Auramazda und Ahriman 
das Wohlthätige des Fruchtlandes dem Schädlichen der Steppe gegen- 
über. Ranke nennt diese Religion, »auf den Anbau von Iran gegründet <c. 
Der Kampf der angesiedelten und wandernden Bevölkerungen nicht 
nur, auch der des bewässerten Landes gegen den Sand, der frucht- 
bringenden Bäche gegen die Dürre spricht sich darin aus , kurz der 
autochthone Zustand eines oasenreichen Steppenlandes, dem be- 
schränkte Wüsten nicht fehlen. So wie der Boden der alten Welt 
durch den grossen Zug eines vom Atlantischen zum Stillen Meer sich 
erstreckenden Steppengürtels bezeichnet ist, den zu beiden Seiten 
fruchtbare Tiefländer begrenzen, so geht durch seine Geschichte die 
Wirkung der Nomaden, die in diesem Gürtel wohnen und wandern, 
auf die Ansässigen zu beiden Seiten. Er erstreckt sich bis nach 



Der Staat und sein Boden. 109 

Europa hinein und einst mehr als jetzt. So entspricht die schon 
bei Tacitus vorhandene Sonderung der Völker Ost-Europas in acker- 
bauende Wenden und nomadisierende Sarmaten dem Gegensatz der 
Steppen des Südostens zum Waldland nördlich davon. Auch später 
noch stehen Mittel- und Osteuropa als Wald- und Steppenland ein- 
ander gegenüber und vor der Bekehrung der Ungarn erfüllten No- 
maden jeden Steppenwinkel bis zum Fuss der Alpen und Karpathen. 
So wie das Steppen-Tiefland der mittleren Donau zwischen die Kar- 
pathen und die östlichen Alpenausläufer hineinzieht, wohnen heute 
die Magyaren, das einstige Steppenvolk, als Keil zwischen den Nord- 
und Südslaven. Die Enlwickelung der diesem Tiefland entsprechen- 
den magyarischen Macht wies Mähren und Böhmen dem bodenver- 
wandten Deutschland zu. Das Weideland löste also den Zusammen- 
hang der Ackerländer und richtete eine Schranke im Donaubecken 
zwischen Osten und Westen auf. 

Der Staat der Nomaden. 

Die Erläuterung des grossen Mercator zu einer Karte von Scy- 
thien und Parthien: »Sacae Nomades sunt, civitates non habent« 
stellt lapidar eine Ansicht hin, die ein graues Alter für sich, die aber 
auch die Beschränktheit der gealterten, einförmig und ungeprüft 
immer wiederholten Lehrmeinung hat. Wenn die Alten den Staat 
dort vermissten, wo es keine civitas in ihrem Sinne, d. h. keine 
politisch organisierte Stadt gab, so kennen wir die politische Geo- 
graphie der wandernden Türken und Mongolen zu gut, um nicht zu 
erkennen, dass die Stämme ihre Gebiete, ihre Grenzen und in vielen 
Fällen sogar ihre festen Mittelpunkte (in den Winterlagern) haben, 
von denen aus sie grosse politische Aktionen ausführten und zu denen 
sie zurückkehrten, so lange es möglich war. Die Trennung nicht 
bloss der Gebiete der Choschune, sondern auch der einzelnen Fah- 
nen durch Flussläufe, Höhenzüge oder Sandstrecken ist übrigens aus 
allen sorgfältigen Beschreibungen Innerasiens zu entnehmen. Ich 
nenne aus jüngerer Zeit nur Potanins mit Recht geschätzte Reisen 
in der westlichen Mongolei^). 

Auf eine Anfrage schrieb mir Professor Anutschin in Moskau, ein guter 
Kenner der Ethnographie der osteuropäischen und westasiatischen Nomaden: 
Es ist sicher, dass die Kirgisen (KaYssaken oder besser Chassaken] und Mon- 



110 Fribdrigh Ratzel, 

golen nach bestimmten Gebieten angeordnet und die verschiedenen Ge- 
schlechter, Choschune » Beine c und wie sie nur heissen mögen, durch natür- 
liche Grenzen von einander getrennt sind. Sicher ist es auch, dass diese 
Geschlechter, wenn sie ihre Winter- und SommerplSltze wechseln, immer zu 
denen wiederkehren, die sie früher besessen haben. Es kommt auch vor, 
dass ein Geschlecht ausser den näheren Plätzen auch andere weiter abgele- 
gene in seinem Besitz hat, die fast niemals von ihm wirklich beweidet wer- 
den; doch bleiben sie sein Eigenthum und wenn ein anderer Stamm oder 
ein anderes Geschlecht kommt, um dort zu weiden, so findet er es ganz 
natürlich, dass er dafür eine Abgabe entrichtet. Auch den chinesischen 
Behörden, die die Verwaltung der Mongolei leiten, sind solche Grenzen be- 
kannt und in chinesischen Beschreibungen sind sie niedergelegt Möglich 
ist es, dass mit dem Uebergange zum Ackerbau, der in einigen Theilen der 
Mongolei weit vorgeschritten ist, die Grenzen noch fester bestimmt und be- 
stimmter festgehalten werden. 

Doch die Grenze ist nur ein Tbeil des Staates, und nur eins 
von den Symptomen staatlicher Zusammenfassung. Der Nomadismus 
organisiert die mehr zufälligen Bewegungen der Völker, erhebt sie 
zu einer festen Einrichtung, die Leben und Thätigkeit in weiten 
Gebieten vollkommen beherrscht und höchst wirksame politische 
Werkzeuge schafft. Aber allerdings organisiert er nicht in demsel- 
ben Masse den Boden wie seine Bewohner. Darin liegt nun keine 
Staatslosigkeit, dass er zwar gewaltige Gebiete umfasst und doch an 
keines so fest sich klammert wie der Ackerbau. Die Staatswesen 
der Nomaden beweisen nur, dass verschiedene Beziehungen der 
Staaten zum Boden möglich sind. Wenn die Nomaden staatslos 
wären, wie wäre das Eindringen des Nomadismus in höher organi- 
sierte Staaten denkbar? Aber gerade im Kampf mit den Steppen- 
völkern hat sich wie nirgends sonst das Gesetz der politischen Geo- 
graphie bewährt, dass man dem natürlichen Vortheil des Gegners 
nur gleichen Vortheil gegenüber setzen kann, wenn man seinen 
Boden betritt und sich derselben Natur unterwirft. Die Steppe wird 
nur in der Steppe überwunden. So wie Mittel- und Osteuropa sich 
als Wald- und Steppenland gegenüber stehen, sind auch die ost- 
europäischen Mächte immer am meisten berufen gewesen, gegen 
die Bewohner der asiatischen Steppen zu kämpfen. Sie haben es 
aber mit dauerndem Erfolg nur dort gethan, wo sie tief in die Step- 
pen vordrangen und die Steppenvölker in ihren eigenen Dienst 
zwangen, die sie nun den unabhängig gebliebenen Steppenvölkern 



Dbr Staat und sein Boden. 111 

entgegen warfen. So sind die Russen die grosse europäisch -asia- 
tische Grenzmacht und Grenzwacht geworden und mit einer Krieg- 
führung, die etwas Türkisch-turkmenisches hat, sind sie tief in 
die Steppengebiete vorgedrungen. Es war einer der Gründe der 
Schwäche des Römischen Reiches, dass es wie vor einer unbekann- 
ten, unberechenbaren Gefahr in Dacien und Eolchis, Syrien und 
Assyrien Halt machte am Rand der Steppe. So blieben aber auch 
immer die Gefahren der Steppe für Rom bestehen und beschleu- 
nigten sein Verderben. 

Aus der Beobachtung des Ganges der Geschichte in den letzten 
200 Jahren ergiebt sich die Unabweislichkeit der immer weiteren 
Zurückdrängung der Nomaden aus den politischen Grenzen und 
Wirkungskreisen ansässiger Völker. Wenn in diesem Zeiträume sie 
kein Terrain gewonnen, sondern nur verloren haben und, was wich- 
tiger, ihre Kulturform, ihre Lebensweise sich ohnmächtig gezeigt hat 
in der Berührung mit der Kultur der ansässigen Völker, wenn diese 
ihnen die Einfachheit der Sitten, den kriegerischen Charakter ge- 
nommen, endlich sogar ihre Zahl vermindert hat, so wäre es doch 
voreilig, zu schliessen, dass damit der Nomadismus als eine vi^elt- 
geschichtliche Macht zu streichen sei. Auf sich allein gestellt, hat 
er keine Zukunft, in den Diensten grosser Kulturmächte, wie Russ- 
land oder China, kann er sie wieder gewinnen. Das Eingreifen der 
osteuropäischen Mächte in die Gesammtgeschichte Europas hat in der 
militärischen Verwendung der Massenaufgebote, des Uebergewichtes 
der berittenen Schaaren, der weiten Raum Verhältnisse immer etwas 
nomadenhaftes gehabt. Wird Asien durch Kultur und Verkehr noch 
näher an Europa herangezogen, so kann auf diesem Wege auch der 
Nomadismus noch einmal eine erneute Bedeutung gewinnen. 

Die Gesellschaft und der Boden. 

Aus der vollkommen gleichen Vertheilung alles Bodens entsteht 
eine gleiche Gesellschaft, in der leichte Abwandlungen nur durch 
die verschiedene Güte des Bodens hervorgerufen werden. Eine 
ganze Anzahl von Einrichtungen, die man auf allen Kulturstufen 
trifft, bezwecken die Erhaltung dieser Grundlage der gesellschaft- 
lichen Gleichheit. Die verbreitetste und scheinbar älteste ist der 
Gemeinbesitz. Aber schon die Gesetzgebung der alten griechischen 



112 Friedbich Ratzbl, 

Staalen bietet eine SammluDg von Versuchen durch Beschränkung 
des Verkaufs und der Vererbung die Gleichheit der Beziehungen 
zum Boden zu erhalten oder wiederherzustellen, weil ihre Noth- 
wendigkeit für einen Staat gleichberechtigter Bürger früh eingesehen 
worden war. Staatsmänner und Philosophen kannten die Gefahr des 
Zustandes, den Plato im »Staat« in die scharfe Form fasst: Jeder 
der griechischen Staaten ist nicht einer, sondern schliesst zwei Staa- 
ten in sich, den der Reichen und den der Armen. In jedem Bür- 
gerkrieg der griechischen Städtestaaten handelt es sich immer auch 
um den Grundbesitz. Jeder schien die Anschauung des Aristoteles 
zu bestätigen, ein Staat müsse nach der Forderung der Natur aus 
Elementen zusammengesetzt sein, die einander möglichst gleich sind. 
Die Kleinheit und wesentlich ähnliche Naturbeschaffenheit ihrer Staa- 
ten liess sie die dieser Forderung zunächst entgegenstehende natür- 
liche Ungleichheit wenig beachten. 

Wir haben aber grössere Beispiele vor Augen, die uns lehren 
wie von der Art und Güte des Bodens die Siedelungs- und Le- 
bensweise eines jungen Volkes entschieden abhängen und wie 
dann die erste Vertheilung und Benützung des Bodens auf Jahr- 
hunderte in seiner Geschichte weiter wirkt. Ohne es zu wissen, 
empfängt dadurch ein Volk verschiedene Richtungen, die vielleicht 
für lange seinen Weg bestimmen. Wir haben keine Nachrichten 
über eine ursprüngliche Verschiedenheit der Einwanderer in Oiile 
und Argentinien und doch beobachten wir früh das Auseinander- 
gehen der Ackerbauer dort von den Viehzüchtern hier. Die wei- 
ten Grasebenen, die keinen Schutz für die Errichtung der ersten 
Hütte, keinen Schatten und selten eine Quelle darbieten, sind alle 
erst spät in ihrer Geeignetheit für den Getreidebau erkannt worden. 
Das gilt von Osteuropa so gut wie von Westsibirien, vom Inneren 
Nordamerikas so gut wie von den Pampas des La Plata- Gebietes. 
Als aber der Getreidebau die Güte des dunkeln Prärie- oder Pampa- 
bodens kennen lernte, breitete er sich rasch mit Landgütern von 
Fürstenthumgrösse über die hindernisslosen Ebenen aus. Es ist der- 
selbe Unterschied zwischen den Pamperos Argentiniens und den 
Rotos Chiles wie zwischen den Besitzern der 200 Q.-Km. messen- 
den Dalrymple-Farm im Prärielande Dakota und den Kleinfarmern 
des armen Gebirgs- und Hügelbodens der AUeghany-Region. So wird 



Dbr Staat und 8ein Bodbn. ' 113 

nun auch im Kleinen mit der Güte des Bodens in einem Lande die 
Macht seiner Bewohner wechseln. Dadurch entstehen geographische 
Sonderungen des Volkes, nicht zum Besten des Staates. Periöken 
ist ein Ausdruck fUr einen derartigen geographischen Zustand, der die 
Bewohner der Berge rund um das Spartiatenland bezeichnete, die den 
undankbareren Ackerboden des Gebirges bestellten. Bezeichnet doch 
auch Sparta den erdreichen, kuUurfähigen Boden. Rein geographisch 
nach der Natur des altischen Bodens waren die drei Gruppen der Pe- 
dieer oder Ebenenbewohner, der Diakrier oder Gebirgsbewohner, der 
Paralier oder Küstenbewohner gesondert. Ausserdem unterschied man 
die femer wohnenden Apöken von den günstiger in der Mittelebene 
liegenden Grossgrundbesitzem. Auf die armen Bergbewohner stützte 
sich Peisistratos im Kampf mit den Reichen der Ebene und der Stadt» 
In allen Gebirgsländern, wo die Natur selbst durch die unergiebigen 
Einschaltungen der Felsen und Eisfelder die Ausbreitung grosser 
Einzelbesitzungen erschwert, hat sie mit den dauerndsten Mitteln 
jene Gleichheit der Lebensbedingungen geschützt. 

Was die einzelnen Wohn- und Wirthschaftsgebiete eines Volkes ausein- 
anderhält, das trennt auch die Klassen. Der Verkehr, indem er verbindet, 
gleicht nicht bloss Unterschiede der Staaten und Wirthschaftsgebiete aus, 
sondern nivelliert auch Höhenunterschiede der Gesellschaft. Daher sind die 
Aristokratien nie der Gleichstellung und Verkehrsverbindung günstig gewe- 
sen. Die ihnen entgegen wirkenden Peisistratiden waren es, die in Attika 
durch genau vermessene auf dem Kerameikos zusammenlaufende Strassen 
Hoch und Nieder, Stadt und Land, Alt- und Neubürger zu einem Ganzen zu 
verschmelzen, die Landschaften zu einem Lande zu vereinigen strebten. 

Unter den Bewohnern und Anbauern eines Bodens kann bei 
gleichen Bodenantheilen zuerst durch die Lage eine Familie über alle 
anderen hervorgehoben werden. Gelingt es ihr, die in verschiede- 
nen Gewannen zerstreuten Aecker durch Tausch zusammenzulegen, 
so steht dieses geschlossene Gut allen anderen als ein besseres 
gegenüber. Es ist nicht mehr die vollkommene Gleichheit. Ein solcher 
Besitz gehört zum Dorf und ist doch davon getrennt. Sein Herr wird, 
wenn die Richtung der Entwickelung die Herausbildung von Unterschie- 
den begünstigt, leicht mehr als die anderen. Wo es auf den ausdauern- 
den Kampf mit grossen Naturkrüften ankommt oder wo diese auszu- 
nützen sind, wo z. B. künstliche Bewässerung anzuwenden ist, da führt 
die nothwendige Leitung aus höherem Gesichtspunkt, zum Ueber- 

Abhandl. d, K. B. Qetellach. d. Witsenseh. XXXIX. 8 



114 ' Friedbich Ratzbl, 

gewicht Einzelner. Zwingt die Theilung der wirthschaftlichen Arbeit 
Einzelne zur Aufgabe ihres Bodenantheiles, dann wird er leichter 
diesem schon Bevorzugten zufallen. Und so hat dieser auch in allen 
anderen Vorgängen, die Land aus der Hand des ursprünglichen Be- 
sitzers gehen lassen, den Vorzug. 

Mehr als alles bringt die Vermehrung des Volkes bei gleich* 
bleibendem Boden »Verwirrung in die einfachen Einrichtungen der 
Vorzeit« (Dahlmann). Sie legt dem Einzelnen grössere Arbeitslasten 
auf« Dabei überträgt sich der grosse Kulturgegensatz zwischen dem 
herrschkräftigen weit ausgreifenden Nomaden und dem beschränkten, 
leicht unterworfenen Ackerbauer in den engeren Bezirk der Gesellschaft. 
Die Arbeit des Landbauers fesselt den Mann an die Scholle, in die er 
seine Beweglichkeit hineingräbt. Die Ernten, die um ihn herum auf- 
schiessen, beengen seinen Blick. Seine Zeit wird ganz von der Arbeit 
des Feldes in Anspruch genommen. Das alles macht ihn immer unfähi- 
ger zur Leitung eines grösseren Staates mitzuwirken. Schon aus diesem 
Grunde verliert er so leicht diese Leitung, wenn er sie auch fest- 
halten möchte. Es giebt Leute um ihn her, die beweglicher, weit- 
blickender und politisch unternehmender sind und diesen fällt er 
naturnothwendig zum Opfer. Wir sehen den Bauer vom Städter, vom 
Ritler, Clerus atisgebeutet und zuletzt sogar seiner Freiheit beraubt. 
Er ist das Opfer der einseitigen Bewirthschaftung des Bodens gewor- 
den, und wird ihr Sklave, weil er darüber die Herrschaft über den 
Boden ganz aus den Augen verloren hat. 

An diese Spaltung der wirthschaftlichen und politischen Bezie- 
hungen zum Boden knüpft nun das Bedürfniss nach einer starken 
Sonderung der Funktionen im Staate an. Weitverbreitet ist etwas 
wie ein instinktives Misstrauen gegen die Theilnahme der Acker- 
bauer an der Leitung des Staates, die ja auch Aristoteles aus- 
schliessen wollte, um ihn ganz den für Staat und Krieg lebenden 
Grossgrundbesitzern zu überantworten. Der Sinn ihrer Zurückdrängung 
ist nicht misszuverstehen, wenn wir sogar bei den Sandeh und Mang- 
battu das vom Philosophen empfohlene verwirklicht, d. h. den Grund- 
besitz in den Händen eines freien Adels finden, der dem Krieg und der 
Jagd lebt, die Arbeit auf seinem Land aber völlig den Hörigen, Skla- 
ven und Frauen überwiesen finden, d. h. Leuten ohne politische 
Rechte. Diese hängen unmittelbar mit dem Boden zusammen, jene 



Der Staat dnd sein Boden. 115 

mittelbar; diese bearbeiten ihn, jene besitzen ihn;. diese leben eigent- 
lich wie Staatslose und sind politisch so wenig berechtigt wie die 
Sklaven. Jene haben noch die geistige und körperliche Beweglich- 
keit, um sogar das Machtgebiet zu erweitern, die diesen in ihrer 
gebundenen Arbeit längst verloren gegangen ist. Selbst um milra- 
then zu können, müssen jene dem politischen Mittelpunkte nahe sein 
und siedeln sich daher rings um die Gehöfte des Häuptlings an, 
während die Hörigen weiter ab wohnen können, wie es die weit 
zerstreuten Anbauflächen fordern. 

Die politische Kraft des Bodens scheint endlich bei einem unter- 
worfenen Volke ganz verloren gegangen zu sein. Nur der wirth- 
schaflliche Yortheil scheint übrig zu bleiben, den es aus seinem 
Anbau zieht. Und doch macht auch in diesem Falle der Boden 
seine Macht unmerklich und allmählich geltend, wenn die Besiegten 
nicht von ihm weggedrängt werden konnten. Immer haben diese 
dann den Vorzug, auf ihrem Boden zu wohnen, daheim zu sein. Die 
Sieger sind eingedrungene Fremde. Sie werden abhängig von der 
Arbeit ihrer Unterthanen auf dem Boden, den sie, die Herren nur 
noch politisch besitzen. Gar oft vermehren sich jene stärker als diese, 
indem sie die Früchte des Bodens vervielföltigen. In ihrer Ansäs- 
sigkeit halten sie sich zugleich auf einer Kulturstufe, die oft weit 
über der der Herrscher liegt. Scheinbar ist der Unterschied gewal- 
tig zwischen einem Volk siegreicher Eroberer, das sich zum obersten 
Herrn eines Landes und seiner Bewohner gemacht hat, und land- 
losen Einwanderern, die sich zwischen den Altansässigen gleichsam 
durchzuwinden haben und nirgends einen festen Grund finden. Und 
doch bindet beide der Mangel der unmittelbaren Beziehung zum 
Boden zusammen. Daher dann jene seltsamen Zwitterstellungen politi- 
scher Herrschaft und kulturlicher Unterlegenheit, und jenes Schwanken 
zwischen Verehrung und Verachtung, die von den Hyksos in Aegyp- 
ten an und den Kossäem in Babylon sich wiederholen bei den West- 
gothen in Spanien, den Mongolen und Mandschu in China, den 
Arabern und Türken in Persien und Aegypten, den Wa Huma, Wa 
Ruanda und Genossen in der Region der Nilquellseen. 

Garet glaubte ein Grundgesetz der Entwickelung der Menschheit in dem 
Fortschritt der Arbeit vom geringeren Boden zum reicheren Boden zu finden. 
Er sieht darin dasselbe wie in dem Fortschritt von den einfacheren zu den 

8* 



1 1 6 Friedrich Ratzbl, 

besseren Werkzeugen. Da er den Schluss zieht, dass entgegen der Malthds- 
schen Aufstellung, der Fortschritt von dem ärmeren Boden zum reicheren 
durch das Anwachsen der Zahl der Menschen auf einem bestimmten Raum 
bewirkt und also dieses Anwachsen nothwendig für die Vermehrung der 
Nahrungsmittel sei, legt er sehr grossen Werth auf dieses Gesetz. Er hat 
vielen Fleiss auf den Nachweis seiner Gültigkeit in der alten und neuen 
Golonial geschieh te verwendet ^<>). Und was wäre klarer als die Abneigung 
aller ersten Kolonisten in einem weiten Lande gegen die fruchtbaren, schwer 
zu lichtenden und zu rodenden ungesunden Niederungen und ihr Wunsch 
nach einem gesunden, nicht mit dem dichtesten Pflanzenwuchs bedeckten, 
womöglich frei gelegenen Siedelplatz, der eine kleine, aber sichere Ernte 
verspricht? Das Herabsteigen der zahlreicher und dichter werdenden und 
mit besseren Werkzeugen ausgerüsteten Siedlerbevölkerung in das Tiefland, 
die Ausbreitung von Sand- auf Sumpfboden und von Steppenland in das 
Waldland ist ebenso sicher in der Entwickelung der meisten Kolonien und 
auch älterer Länder (man denke an Holland) die Ursache rasch zunehmen- 
den Wohlstandes und beschleunigter Fortschritte an Zahl, Macht und Aus- 
breitung geworden. Wir sehen ja am heutigen Tage die Urbarmachung der 
von Fruchtbarkeit strotzenden Sumpfländer der Tarais und des Sundarband 
im alten Indien in Gang kommen. Aber doch liegt darin noch nicht das 
unmittelbar Zwingende wie in dem Fortschritt von sohlechteren zu besseren 
Werkzeugen. Die europäischen Ansiedler in Nordamerika wussten grossentheils 
guten und schlechten Boden wohl zu unterscheiden. Nicht Unkenntniss, son- 
dern Mangel an Händen und Mitteln hielt sie ab, den besten Boden gleich zu 
roden. Es ist etwas anderes, wenn die Russen die sibirische Schwarzerde 
erst entdeckten, nachdem sie lange in ärmeren Landestheilen ansässig ge- 
worden waren. Es ist aber nicht ein Mangel der Kulturstufe der sie dazu 
brachte, sondern ein örtliches Uebersehen. Hatte doch die ältere Kultur 
griechischer Kolonisten die Güte der nordpontischen Schwarzerde längst in 
den reichsten Weizenernten bewiesen. Wir sehen hier entweder Erwägun- 
gen der Zweckmässigkeit oder einfaches Uebersehen. Wenn dagegen Stein- 
geräthe statt stählerner gebraucht wurden, lag ein nothwendiger Kulturunter- 
schied von Jahrtausenden dazwischen. Der Melanesier bearbeitete aber den 
besten schwarzbodigen Tarosumpf mit Holz- oder Knochenwerkzeugen, als der 
sibirische Bauer mit der Stahlaxt einen steinigen Boden am Abhang des 
Altai lichtete. 

Grossgrundbesitzer und Hörige. 

Viele Völker sind an den Grenzen fertiger Staaten mit der For- 
derung von Land für sich und die ihrigen und den damit verbun- 
denen Rechten erschienen und waren bereit, sieb in die Staatsord- 
nung zu fügen, wenn man ihnen diese Forderung bewilligte. Es 
mochte der angestammte Fürst seine Würde behalten und sich auf 
die Eingewanderten stützen, nachdem er ihnen Land verliehen hatte. 



Der Staat und sein Boden. 117 

Traten sie mit überlegener kriegerischer Kraft auf, dann fiel ihnen 
freilich mit dem Land auch die politische Führung zu, zumal sie in 
der Regel die beherrschenden Stellungen und nicht selten auch das 
beste Land einnahmen. So waren die Forderungen und so die 
Stellung der Dorier in Argos. So lagen in Lakonien die dorischen 
Ackerloose zwischen den Gebirgszügen des Taygetos und Pamon in 
der Mitte der lakonischen Landschaft, so dass das beste und zugleich 
das Komland dorisch ward. Aus dieser Yertheilung entstand ein 
Stand von Grossgrundbesitzern und ein Stand von altansässigen 
Bauern, der dessen Land anbaute, nachdem er mit dem Land unter- 
worfen worden war. Daraus ergab sich fast naturgemSss für jenen 
die hervorragende Stellung des nur dem Staat und Krieg lebenden 
von der Arbeit der Unterworfenen sich nSihrenden Adels. Das ist 
der Zustand, den wir in Kreta, wie in Böotien, dort unter dorischen, 
hier unter thessalischen Einwanderern finden. Unjd so ist überhaupt 
die ältere griechische Geschichte in den meisten Theilen die einer 
Aristokratie von Grossgrundbesitzern über Leibeigenen, Pächtern, 
Sklaven, in wenigen Gegenden Kleinbauern. Das ist der Zustand, 
den Aristoteles philosophisch zu begründen gesucht hat, der sich 
über die Abhängigkeit des Staates von der Gesellschaft sehr klar 
war. Er glaubte das günstigste Verhältniss dort zu finden, wo über 
dem Demos aus Bauern eine Aristokratie von Grossgrundbesitzern 
ist, die durch keine Arbeit auch nicht den Ackerbau gehindert ist, 
sich dem Staat zu widmen. Von den Städten aus beherrschten 
diese Grossgrundbesitzer das Land, so lange die Städte Landstädte 
blieben. 

In afrikanischen Negerländern finden wir dieselbe Gliederung 
des Volkes auf Grund gleicher Besitzvertheilung : Der grundbesitzende 
Adel, Abkömmlinge erobernd Eingedrungener; die landbauenden 
Hörigen, unterworfene Altansässige; die Sklaven ohne Freiheit und 
Boden, meist von aussen her durch Kauf oder Tausch erworben. 
Der Grundbesitz ist jenen entweder persönlich eigen oder er ist, 
wie bei den Ba Ngala, Stammesbesitz, dessen Yertheilung dem Häupt- 
ling unter Zustimmung der Rathsversammlung zusteht. Die grund- 
besitzlosen Freien treiben Handel, Fischfang, Jagd und haben oft sogar 
auch keine Frauen, während die Grundbesitzer frauenreich sind. Der 
Mangbattufürst muss Grossgrundbesitzer sein, denn nur so ist der 



118 Friedrich Ratzbl, 

Hofhält und die Gastfreundschaft denkbar, die sein Volk von ihm 
verlangt. Daher sind auch die zahlreichen Frauen und Sklaven noth- 
wendig, deren Hütten mit denen der Oberbeamten um die des 
Hofes liegen und die Residenz ausmachen ^^). Aber auch die Grund- 
besitzer bearbeiten den Boden nicht selbst, sondern betheiligen sich 
nicht selten an dem anziehenderen Handel, und überlassen jenen 
dem freien, aber politisch rechtlosen Ngomb6. Dabei tritt die eigen- 
thttmliche räumliche Zerlegung auf, dass die Ba Ngala auf der Was- 
serseite der Dörfer wohnen, wo die Kähne sind, während die Ngombö 
die den Feldern zugekehrte Rückseite einnehmen. 

Bei solcher räumlichen Zertheilung eines Volkes in Besitzgruppen, ist 
es oft nicht mehr möglich, zu unterscheiden, ob man mehrere Völker nur auf 
demselben Boden oder Schichten eines und desselben durch Besitzunterschiede 
zerklüfteten Volkes vor sich hat. Niemand zweifelt, dass die Ba Tua, Akkä 
und andere sogenannte Zwergvölker besondere Völker, wenn nicht eine be- 
sondere Rasse sind. Nun leben sie aber auf dem Boden anderer Neger- 
Tölker und dienen diesen, indem sie die Jagd übernehmen, vielleicht auch 
zu ihrer Vertheidigung beitragen. Dafür geniessen sie deren Schutz. Sie 
sind als an den Wald gebundene räumlich von ihren Herren getrennt, frei, 
aber ohne politische Rechte. Ihre Stellung ist ungefähr wie die der Ba Kete, 
freier Landarbeiter, zu den BaKuba, grundbesitzenden Herren. Sicherlich 
sind die Ba Tua und Genossen viel weniger scharf in Sprache und Kultar- 
besitz von ihren Herren getrennt als man glaubte. Sie sind wohl ein anderes 
einst selbständiges Volk, aber nun den Staatsorganismus ihrer Herren und Be- 
schützer innig eingefügt. 

Der Antheil von Gruppen am Boden und am Staat. 

Man muss die Auffassung bestreiten, dass es jemals einen Staat 
ohne Boden gegeben habe, kann aber nicht läugnen, dass es Staaten 
giebt, in denen den Einzelnen oder den Hausständen keine eigene 
Beziehung zum Boden eingeräumt ist. Sie gewinnen diese Beziehung 
nur mittelbar durch die Gesammtheit ihres Stammes oder ihrer Ge- 
meinde, wobei die verschiedensten Abstufungen vorkommen von 
der gemeinschaftlichen Nutzung des ungetheilten Landes bei jährli- 
chen Theilungen bis zu Theilungen für grössere Zeiträume, die dem 
Einzelbesitz ähnliche Wirkungen haben. Die soziologische Spekulation 
setzt dieses Gemeineigenthum am Boden an den Anfang der Eigen- 
thumsentwickelung. Die Menschen sollen »in der Urzeit« das Be- 
dürfniss gefühlt haben, sich zusammenzuschliessen, um gemeinschaft- 
lich den Angriffen der Feinde und der wilden Thiere Widerstand zu 



Der Staat und sein Roden. 119 

leisten, wie auch um das Land durch die Vereinigung der Arme und 
das Zusammenwirken der EinzelkrSifte urbar zu machen ^^). Aber 
dazu ist, wie jede geschichtliche Eoloniengrttndung beweist, durchaus 
nicht das oUreigenthum« nöthig. Die grössten und mächtigsten 
Ackerbaukolonien der neueren Zeit haben sich auf dem Einzelbesitz 
aufgebaut und haben jenen Schulzbedürfnissen, wie der Erfolg zeigt, 
vortrefflich durch ihre einfachen Staateeinrichtungen genügt. 

Warum soll das Gemeineigenthum am Boden » Ureigen thum<( sein? 
Layblbte hat sich in seinem ganzen Buche De la propri6t^ et de ses 
formes primitives (I. Aufl. 1874), dem Hauptwerk über diesen Gegen- 
stand, nicht an einer einzigen Stelle deutlich über den Grund ausge- 
sprochen, warum er gewisse Eigenthumsformen als »primitives« an- 
sieht. Was berechtigt zur Voraussetzung eines » Ureigen thums«? Man 
kannn allerdings zwischen den Zeilen lesen, dass er die Formen als 
ursprünglich ansieht, die über einen grossen Theil der heutigen Völ- 
ker so verbreitet sind, dass sie ebensowohl bei den kulturlich niedrigst 
als den höchststehenden sich finden. Er glaubt, dass sie dann iü)er- 
all die Reste eines Entwickelungszustandes bilden, durch den das 
ganze Menschengeschlecht hindurchgehen musste, wobei es aber 
nicht ganz klar wird, ob er eine Verbreitung dieser gemeinsamen 
Einrichtungen von einem Punkte aus annimmt, oder eine psychische 
Generatio aequivoca bei jedem Volke auf einer bestimmten Stufe 
seiner Entwickelung. Der Vergleich mit anderen prähistorischen in 
die Gegenwart hineinragenden Resten kann darüber keine Auskunft 
geben, weil er unter einer falschen Perspektive angestellt wird. 
Denn wer die Verbreitung der Dolmen und der SteinwafiFen als 
einen Beweis für einen ursprünglich überall gleichen Zustand der 
Wildheit ansieht, durch den die ganze Menschheit einst durchgehen 
musste und die Dorfgemeinschaft als »eine Art von Universalgesetz, 
das in der Bewegung der Grundeigenthumsformen vorwaltet«, für 
den liegen diese Dinge alle in der fernsten Urzeit. Und sie sind 
ihm nur so allgemein verbreitet, weil sie eben die ersten und ein- 
fachsten Entwickelungen , weil sie die Anfänge sind. In einzelnen 
Wendungen, wie im Zustand des Hirtenlebens beginnt der Begriff des 
Grundeigenthums zu keimen ^^)«, steht Layeleye MoRCAN^schen Auf- 
fassungen offenbar i^icht fem und theilt denn auch dessen falsche 
Perspektive (vgl. o. S. 69). Wir wundern uns also nicht, dass wir 



/ 



4 20 Friedrich Ratzbl, 

von »den frühesten Menschen a reden hören, wo wir nach dem 
Stand unseres Wissens doch nichts anderes als ältere Geschlechter 
erblicken, die nicht einmal über die historische Zeit zurückzureichen 
brauchen. 

Wenn wir die Fälle betrachten, in denen das Gemeineigenthum 
am Boden heute vorkommt, so finden wir zunächst, dass es mit 
allen Kulturstufen verbunden sein kann, die wir überhaupt kennen, 
dass es auf demselben engen Raum und in derselben Völkergruppe, 
so in Melanesien, mit anderen Besitzformen auftritt, und dass es 
am wenigsten dort vorkommt, wo die Zustände noch am meisten 
den Eindruck des Ursprünglichen machen. Im Yerhältniss des Men- 
schen zum Boden kann nichts ursprünglicher sein als die Verthei- 
lung einer verschwindenden Menschenzahl über einen ungeheuer wei- 
ten Raum. Wo wir diess auf der Erde finden, begegnen wir nicht 
dem Gemeineigenthum, sondern der vorübergehenden Ausnützung 
durch die Jagd und dem halbnomadischen Ackerbau einzelner Fami- 
lien. Derselbe steht auch im Beginn aller geschichtlichen Gründungen 
von Ackerbau-Kolonien. Es ist die direkte Wirkung des Bodenüber- 
Ausses. Die Bearbeitung einer gemeinsam besessenen Bodenfläche 
durch einen Stamm ist, damit verglichen, schon ein durch die Zu- 
nahme der Menschen bedingter Schritt darüber hinaus. Vgl. o. S. 100. 

Die weite Verbreitung des Gemeineigenthums, weit entfernt eine 
Ur-Thatsache zu sein, empfängt geschichtliches Licht aus einem an- 
deren weit verbreiteten Vorgang: Das Staatseigenthum am Boden hat 
in gewissen kurzen geschichtlichen Zeiträumen das Eigenthum der 
Einzelnen in der Form in sich aufgenommen, dass der Staat als 
Eigenthümer den Boden an seine Bürger vertheilte, um ihn unter be- 
stimmten Voraussetzungen wieder zurückzunehmen. Das geschah am 
häufigsten nach grossen erobernden Ausbreitungen über weite »über- 
flüssige« Landgebiete. So finden wir in den ersten Zeiten der Me- 
rowinger noch wirksam die altgermanischen Vorstellungen vom 
Eigenthum der Völkerschaft und des Völkerschaftskönigs am Boden 
zusammen mit der römischen Auffassung der eroberten Provinz als 
Eigenthum des Imperium. Das Besitzrecht von Gruppen und Einzelnen, 
durch Arbeit erworben, durchbricht dann doch immer diese in der 
Natur der Dinge nicht begründete Auffassung. Nur wenn die Hand, 
die diesen Besitz hält, den Einzel int eressen gegenüber noch stärker 



Der Staat und sbin Boden. 121 

als der Staat war, gelang das nicht so leicht. Dann sehen wir z. B. 
die die Thätigkeit des Volkes lähmenden und den Staat durch die 
Bildung eines zweiten inneren Staates schwächenden Folgen der 
Ansammlung eines Ubergrossen Grundbesitzes in der Toten Hand, die 
zum Zerfall Aegyptens wie Spaniens beigetragen hat. 



Anmerkungen, 
i. 

Der Staat als bodenständiger Organismus. 

i) Herbert Spencer, The Study of Sociology. 4 873. S. 330. 

t) Bluntschli citiert in seinem Vortrag Die nationale Staatenbildung (4 870) 
noch wie einen neuen Gedanken den Ausspruch eines Amerikaners : Nationen ent^ 
wickehi sich aus rohen Anfängen durch Aufnahme und Wachsthum wie organische 
Wesen. 

3) Herbert Spencer, Principles of Sociology. (1893.) I. S. 435 — 590. 

4) Albert Schafflb, Bau und Leben des socialen Körpers. (1881.) lY. 
S. «17 f. 

5) Ich greife die besonders klare BegrifTsbestimmung und knappe Darstel- 
lung in Richard Hertwigs Lehrbuch der Zoologie (189t) S. 128 u. f. heraus, wo 
der Staat seine Stelle findet in dem Abschnitt Beziehungen der Thiere zu einander 
L Beziehungen zwischen Individuen derselben Art. Nach der Stockbildung wird 
dort die Staatenbildung besprochen. 

6) Carl Menger, Untersuchungen über die Methode der Staatswissenschaflen 
und der politischen Oekonomie, 1883. Drittes Buch: Das organische YerstSndniss 
der Socialerscheinungen. 

7) Caret, The Unity of Law 1873 S. 84. 

8) Albert Schäfple, Bau und Leben des socialen Körpers. IV. S. 3 1 7 f. 

9) Auch diese Bilder entfernen sich freilich manchmal, wo sie wie Rede- 
blumen ohne organischen Zusammenhang mit der Sache, gleichsam vertrocknet 
gebraucht werden, von der Wirklichkeit so weit, dass sogar ihre Sisthetische Wir- 
kung leidet. So wenn Frebman in Comparative Politics (1873) S. 38 von Ra- 
venna sagt: In dieser wunderbaren Stadt stehen wir gleichsam auf dem Isthmus 
zwischen zwei Welten. 

1 0) Ueber allgemeine Eigenschaften der geograpnischen Grenzen und über die 
politische Grenze. In den Berichten der R. Sächsischen Gesellschaft der Wissen- 
schaften (Sitzung am 6. Februar 1892). 

11) Seitdem die Verträge von 1813 und 18t 8 Russland das Recht gegeben 
haben, das Kaspische Meer »ausschliesslich t mit seinen Schiffen zu befahren, ist 



122 Friedrich Ratzbl, 

für Russland dieser grosse See ein russisches Binneimieer und die Kartographen 
sollten das herücksichtigen. Das russische Staatsgebiet ragt damit in der That bis 
vor Resch und Barfurusch und dass es sich dadurch zwischen die Provinzen Ader- 
beidschan und Ghorassan schiebt ist für Persien sehr wesentlich. 

i%) Nicht nur wegen ihrer sachlichen Bedeutung, sondern auch um diese 
Beziehung zum lebendigen Organismus des Staates deutlich hervortreten zu lassen, 
habe ich in der zweiten Auflage meiner Politischen Geographie der Vereinigten 
Staaten (1893) die früher herkömmlicherweise bei Seite gelassenen »Uebergreifen- 
den Rechte« S. 44 — 46 eingehend dargestellt. 

IL 

Naturgebiet und politisches Gebiet. 

4) Lbtser 4 726 in der Gommentatio de vera Geographiae methodo. 

2) Alfred Kirchhoff hat in der Einleitung zur Länderkunde von Europa 
(Unser Wissen von der Erde IL 4. S. 4 4) dieser tieferen Auffassung die knappe 
klare Form gegeben: Europa ist ein in sich geschlossenes System von Ländern, 
folglich ein Erdtheil. 

3) Die Vereinigten Staaten mit der ausgesprochenen Absicht amerikanisch 
zu bleiben. Die Kehrseite dieses Grundsatzes ist die vielberufene Lehre Monroes. 
Den Beziehungen der Vereinigten Staaten zu Liberia und Hawaii ist der koloniale 
Charakter durch formelle Erklärungen ferngehalten. Wenn Jbfferson schon vor 
70 Jahren die Annexion von Cuba wünschte, war es nur wegen der Abrundung. 
Er schrieb 4 823 nach der Erwerbung Floridas an Monroe: Die Hinzufügung 
Gubas zu unserem Bunde ist genau, was wir brauchen, um unsere nationale 
Macht bis zur Grenze ihrer äussersten Interessen abzurunden (Thomas Jeffbrson, 
Complete Works VIIL- S. 300). 

4) Vergl. Meyer von Knonaus Aufsatz Schweizer Berge und Schweizer 
Grenzen im Jahrbuch des S. A. G. 4 875. XL S. 470. 

5) Nach der vollständigsten und klarsten Darstellung der organischen Difife- 
renzierung in H. G. Bronns Morphologischen Studien über die Gestaltungsgeselze 
der Naturkörper (4 858], wo die letzten zwei Drittheile des Ganzen ihrer Dar- 
stellung gewidmet sind. Darwins grosses, ein Jahr später erschienenes Werk, 
Ueber den Ursprung der Arten, das Bronn selbst ins Deutsche übersetzt hat, 
stellte dieses gedankenreiche Buch des Heidelberger Paläontologen in den Schatten. 
Es ist aber doch Zeit wieder darauf aufmerksam zu machen, dass diese mor- 
phologischen Studien den Höhepunkt der Einsicht in die Gestaltungsgesetze der 
Organismen bezeichnen, der überhaupt vor Darwin erreicht war. Ernst HIceel 
hat in der »Generellen Morphologie« 4 866 Bd. IL S. 250 mit Recht hervorge- 
hoben, dass Bronns Erörterungen über das Gesetz der Arbeitstheilung sowohl inten- 
siv als extensiv bedeutendef seien als die von Milne Edwards, der gewöhnlich 
als der Entdecker dieses Gesetzes hingestellt wird. 

6) Die »sociologische ff Differenzierung G. Jägers in dem Handwörterbuch 
der Zoologie, Anthropologie und Ethnologie beruht sicherlich auf einem Schreib- 
fehler. Es ist dem Zusammenhang nach die sociale gemeint Es ist übrigens 
merkwürdig, dass gerade der Wald weniger zu diesen Vergleichen herangezogen 



Der Staat und sein Boden. 123 

wird, der als an die Erdoberfläche gebundenes Aggregat lebender Wesen viel mehr 
zum Vergleich mit dem Staat der Menschen herausfordern sollte. 

m. 

Die Entwickelung des Zusammenhanges zwischen Boden und Staat. 

4) Mucke, Horde und Familie in ihrer urgescbichtlichen Entwickelung. 1895. 
S. 19. Die Ueberschätzung der Bedeutung des Raumes für die Urgesellschaft 
und den Urstaat in diesem Buche erinnert nicht weniger an die Vernachlässigung 
dieses Elementes in der Sociologie wie das andere Extrem, das kritiklose Nach- 
beten der MoRGAN'schen Ansschauung von nicht-territorialen Urstaaten. Zu dem 
sachlichen Irrthum kommt in beiden Fällen der vollkommene Mangel an histori- 
scher Perspektive. Vgl. o. S. 68. 

2) All forms of government are reducible to two general plans, using the 
word plan in its scientific sense. In their bases the two are fundamental ly di- 
stinct. The first, in the order of time, is founded upon persons, and upon 
relations purely personal, and may be distinguished as a society (societas). The 
gens is the unit of this Organization .... The second is founded upon property, 
and may be distinguished as a State (civitas}. The township or ward is the basis 
or unit of this latter, and political society is the result. Ancient Society i 878 S. 7. 

3) Vgl. besonders bei Poehlmann, AusAlterthum und Gegenwart 4895 
die Aufsätze; Die Feldgemeinschaft bei Homer (S. 4 05) und Extreme . bürgerlicher 
und sozialistischer Geschichtschreibung (S. 394). 

4] Mag es auf den ersten Blick erstaunlich scheinen, dass ein Mann wie 
Morgan, der auf ethnographischen Sondergebieten mit Erfolg gearbeitet hat, einem 
allgemeinen Problem gegenüber so Unwahrscheinliches vertreten sollte, so genügt 
doch ein Blick auf seine Methoden, um jeden Irrthum begreiflich zu finden. Mor- 
gan hat sich niemals klar zu machen versucht, wie tief die heutige Menschheit in 
die Vergangenheit zurückreiche. Er geht von der unbewiesenen Annahme aus, 
dass in der Menschheit, wie sie heute ist, alle Stufen der Entwickelung vertreten 
seien, die überhaupt dagewesen. Es kommt nur darauf an, meint er, dass man 
jede Erscheinung an ihre richtige Stelle in der Entwickelungsreihe versetzt. Darin 
liegt die Hauptaufgabe, der Morgan viel Fleiss, aber noch viel mehr Einbildungs- 
kraft gewidmet hat. Allerdings wird ihre Lösung wesentlich erleichtert durch den 
festen Glauben, dass die Menschheit ȟberall so ziemlich denselben Weg durch- 
laufene habe. So wird man denn nur eine einzige Entwickelungsreihe zu kon* 
struiren haben, die dann für alle Völkerzweige der Erde dieselbe bleibt. 

Aber wie nun die Entwickelung gliedern? Selbst einem Morgan muss es 
auffallen, dass die Unterschiede der Kultur in der heutigen Menschheit den Gemein- 
besitz einer grossen Zahl von Ideen und Dingen nicht ausschliessen. Da er die 
Unterschiede zwischen manchen von diesen Besitzthümern sogar geringer anschlägt 
als viele andere Ethnographen, z. B. auf den Gegensatz von Stein- und Eisen- 
geräth nicht den hohen Werth legt, wie die Schöpfer der Kategorien Steinzeit 
und Eisenzeit, so wird es ihm nicht leicht fallen, die passenden Motive für seine 
Gliederung zu finden. Die sonst so sichere Sprache, die Morgan den ethnogra- 
phischen Thatsachen gegenüber führt, kommt in's Schwanken, wo es sich um 



124 Fribdbigh Ratzel, 

diese schwere Wahl handelt. Er lässt sich aber nicht entmuthigen. Er meint, 
die Künste zur Gewinnung des Lebensunterhaltes möchten am besten geeignet 
sein, die Grundlage für eine Eintheilung der Kulturentwickelung der Menschheit 
abzugeben; sie seien nur noch nicht genügend erforscht. Mit anderen Worten, 
die elementaren Vorrichtungen zum Feuermachen, zur Bereitung der Nahrung, zur 
Bekleidung und zum Hüttenbau sind so allgemein verbreitet und so weit von den 
ursprünglichen Methoden entfernt, dass an ihre Zuweisungen an bestimmte Kultur^ 
stufen gar nicht mehr zu denken ist. Morgan meint aber, mit unseren gegen- 
wärtigen Kenntnissen könne man das gewünschte Resultat in der Hauptsache auch 
so erreichen, dass man »eine Reihe anderer Erfindungen und Entdeckungen aus- 
wählt, die' ein genügendes Zeugniss von thatsächlichen Fortschritten ablegen, um 
danach den Beginn der aufeinanderfolgenden Kulturstufen (successive ethnical pe- 
riods) zu charakterisieren t (Ancient Society id78 S. d). Und' damit kommt er 
u. a. dann zu der nirgends begründeten Bevorzugung der Töpferwaaren, des Bo- 
gens und Pfeiles, unwesentlicher Erfindungen, für den grossen Gang der Kultur- 
entwickelung. 

5) In dem Vortrag »The Nation« as an Element in Anthropology. (Memoirs 
of the International Gongress of Anthropology. Chicago 4 893. S. 19 — 34). 

6) Ltall, Asiatic Studies (S. i 52), wo diese Bemerkungen auf GentraMndiea 
gemünzt sind. Strachet dehnt sie in der Sammlung seiner Vorlesungen »India« 
(4 888 S. 5) auf ganz Indien aus. 

7) Th. Roosbvblt, The Winning of the West 1895. I. S. 4 45. 

8) »States in the Egg, Germinal Gommunities« nennt William B. Wbbdbn, in 
der Economical and Social History of New England 4 6SO — 4 789. Boston, 4 894 die 
anfänglichen kleinen Kolonien der Engländer auf dem Boden von Massachusetts. 

9) Der Ausdruck No Mans-Land, Niemandsland wird zuerst in Nord- 
amerika angewandt auf das unbewohnte Grenzland zwischen den Indianern der 
Grossen Seen und des Mississippi sowie der Süd-Alleghanies. Wo die vor 4 30 
Jahren noch kaum von einem Weissen durchschrittenen, fast lückenlosen Wälder 
des Alleghany-Gebirges sich am unteren Kentucky und Gumberland in Waldstreifen 
und Baumgruppen auflösen, zwischen die die Anfänge des grossen Graslandes als 
saftige Wiesen sich hineinschieben, lagen die parkartigen Jagdgründe der Tscherokie, 
Krihk und Tschikasah, die von Süden, und der Algonquin und Waiandot, die von 
Norden herkamen. Keiner bewohnte dieses herrliche Land, Jas wenige seines 
Gleichen auf der Erde hat, aber alle jagten hier. Ihre Jagd- und Kriegspfade 
durchzogen dieses Gebiet. Der erste Weisse, der in dieses einsame Land einge- 
drungen ist und eine Spur von seinen Reisen gelassen hat, ist der virginische Dr. 
Thomas Walker, der 4 750 den Pass des Cumberland-Gap und den Gumberland- 
Fluss entdeckte. Sein Reisebericht ist 4 894 von William Cobell Rives in Boston 
veröffentlicht worden. Vor ihm sind sicherlich Franzosen vom Ohio her und 
Engländer über die Alleghanies in No Mans-Land eingedrungen, um zu jagen oder 
Handel zu treiben. Wenn wir die Schilderungen von dem ausserordentlichen 
Wildreichthum dieses von Bisonten, Elenthieren, Hirschen, Panthern und Bären 
wimmelnden Landes lesen, dessen Salzquellen neben dem Blaugras eine mächtige 
Anziehung auf die grossen Wiederkäuer üben mussten, so möchten wir glauben, 
dass es eines jener absichtlich unbewohnt gelassenen Jagdgebiete gewesen sei, wie 



Der Staat und sbin Boden« 125 

wir sie auch in Afrika zwischen mehreren Ländern finden. Es würde sich dann 
auch die Erbitterung verstehen lassen , mit der die hier jagenden Indianer die 
weissen Eindringlinge bekämpften. Ueber dieses Gebiet hinaus waren weite Strecken 
thatsächlich herrenlos zwischen dem Ohio und dem Tennessee. Die Iroquois 
hatten zwar einen grossen Theil davon an England abgetreten, aber die Tscheroki 
und Schani erhoben ebenfalls Anspruch darauf. Später ist der Ausdruck auch in 
andere Theile des Unioogebietes übertragen worden. So bezeichnet man den nörd- 
lichsten Zipfel von Texas, der später zum Indianer^Territorium geschlagen wurde 
als No Mans-Laod. Es hatte aber nun schon die cultiviert-corrumpierte Nebenbe- 
deutung eines Gebietes der Gesetzlosigkeit, einer Zufluchtstätte für Gesindel aller 
Art angenommen. In einem etwas anderen Sinn war der Name No Mans-Land in 
Südafrika gemeint, wo er einen grossen Theil des späteren Ost-Griqualandes be- 
zeichnet. Es ist das Gebiet am Fuss der Drachenberge zwischen den Flüssen Um- 
zimkulu und Kimira, das durch die Vertilgung und Auswanderung seiner Einwohner 
leer und herrenlos geworden war, als es 4 8Qt dem Volk Adam Kocks, des Griqua- 
häuptlings übergeben wurde. 4 877 ist es mit Kaffraria vereinigt worden und als 
einige Jahre darauf nach der vorübergehenden Bildung von Stella-Land die Regie- 
rung der Kapkolonie und des Südafrikanischen Freistaates die Grenz- und Besitz- 
verhältnisse im heutigen Britischen Betschuanenland ordneten, wurde auch festgesetzt, 
dass es in Zukunft überhaupt kein No Mans-Land mehr geben solle. Es liegt 
darin eine Anerkennung des Unrechtes, das man mit der Voraussetzung eines 
vollkommen herrenlosen Landes in diesen Gebieten begangen hatte und es wurde 
ausdrücklich betont, dass sie jeder Art von Spoliation Thür und Thore öffne. Ein 
anderer Sinn wohnt dem einst viel angewendeten »Gharcas« inne, womit die 
Spanier das politisch und grossentheils auch wirthschaftlich nicht ausgenützte In- 
nere des südamerikanischen Festlandes verstanden. Das bedeutet die für die spa- 
nische Auffassung politisch ungegliederte oder amorphe Ländermasse, aus der fast 
zufällig Paraguay und Bolivien entstanden sind. 

4 0) Durch die Dazwischenkunft der mit den Hawaiischen Inseln in engere 
Beziehungen getretenen Vereinigten Staaten von Amerika vnirde die Absicht das 
Kabel auf Birds Island zu landen vereitelt und die viel schwierigere Anheftung 
auf Fannings Island nothgedrungen wieder in den Vordergnmd geschoben. 

4i) Karl Pbters gebraucht einmal von der englischen Kolonialpolitik der 
Gegenwart das Bild Terrainspekulation im Grossen, das zugleich die politische Weit- 
sichtigkeit einschliesst : «Dort ist man eben durch jahrhundertelange Erfahrungen im 
klaren, dass Landbesitz auf der Erde ein im Preise immer steigendes Werth- 
Objekt darstellt, und dass auch Gebiete, welche heute noch werthlos erscheinen 
mögen, durch Mineralfunde oder Entwickelung der landwirthschaftlichen Technik 
bereits schon in einigen Jahren von grosser volkswirthschaftlicher Bedeutung sein 
können«. (Dr. Karl Peters, Das Deutsch-Ostafrikanische Schutzgebiet 4 895 S. 4 0). 
Das ist die fortgeschrittenste Schätzung des Bodens, die ihn weder seines augen- 
blicklichen politischen, noch seines greifbaren wirthschaftlichen Werthes halber 
sucht, sondern ganz im Allgemeinen wegen seiner wirthschaftlichen und politischen 
Nothwendigkeit. 

4 2) Ernst Gurtius, Griechische Geschichte. IL S. 627. 

4 3) Glausewitz, Die Feldzüge von 4 799. I. S. 62. 



126 Friedrich Ratzel, 

44) Naghtigal, Sahara und Sudan. Dritter Theil. 4 889. S. 4 82. 

4 5) William B. Wbbden spricht in der Economical and Social History of 
New England 4 629 — 4789 (4 894) Bd. I. S. S9 diese Auffassung, etwas nebulos 
zwar, doch verständlich in den Worten aus: »The value of every soil is in the 
atmosphere of intelligence, industry and virtue difiused over it by resolute and 
enduring Citizens«. 

4 6) Anthropogeographie II. Die geographische Verbreitung des Menschen. 
(4 892) S. 48. 

4 7) Wissmann und L. Wolf, Im Inneren Afrikas (4 888) S. J06. Von Ki« 
ttkula, einem Dorf, das in gerader Linie 6 d. g. Meilen nördlich von Mukenges 
Hauptplatz liegt, sagt Ludwig Wolf: »Die Eingeborenen wissen sich hier bereits 
immer mehr dem Einfluss Kalambas zu entziehen und zeigen diess auch durch ein 
unabhängiges, zu Zeiten freches Benehmen t. Das ist hier der Charakter des Peri- 
pherischen. 

4 8) Wissmann und L. Wolf a. a. 0. S. 43 u. f. 

4 9) filaubuch über Transvaal vom Februar 4 885 S. 46. 

IV. 

Die Einwurzelung des Staates im Boden. 

4) China ist auch darin dem Abendland vorgeschritten. Schon vor zwei 
Jahrtausenden kolonisierte es systematisch hinter dem Schutz einer Militärgrenze 
das Land der Eingänge. Auch den Südwesten des chinesischen Reiches hat nicht 
kriegerischer Ansturm, sondern das langsame unwiderstehliche Vorrücken der 
ackerbauenden Kolonisten gewonnen. Die grosse Kraft und Dauerhaftigkeit der 
chinesischen Kolonisation liegt in der Mongolei und Mandschurei wie in Formosa im 
Haften am Boden, von dem die lockerer mit ihm verbundenen Eingeborenen verdrängt 
werden, und von der Gewinnung des Westens von Nordamerika heisst es: Unser 
Westen ist weder entdeckt, noch gewonnen, noch besiedelt worden von einem ein- 
zigen Mann. Kein weitsichtiger Staatsmann plante die Bewegung, kein grosser 
Kriegsmann leitete sie. Es war das Werk der unaufhörlichen Bemühungen aller 
der rastlosen, unerschrockenen Hinterwiildler, Heimstellen für ihre Nachkommen za 
gewinnen. Th. Roosevelt, The Winning of the West 4 895. I. 4 45. 

%) MoMMSEN, Römische Geschichte. L S. 4 t 3. 

3) Dahlmann, Geschichte von Dänemark. I. S. 4 39. Das ist kein Bild, son- 
dern Wirklichkeit. Die Geschichte der Kolonisation lehrt, dass der Kolonist sich 
sein Land nicht bloss erwirbt, um darauf frei zu wohnen und seine Nahrung 
daraus zu ziehen, sondern um frei von der Polizei des Staates zu sein. Der Ko- 
lonist kann nicht genug Land und nicht wenig genug Staat haben. Wie gern ver- 
zichtet er sogar auf den Schutz, wenn er das frei verwalten kann, was er oft 
unter schweren Kämpfen errungen hat. Wie mancher Squatter wanderte über 
die Grenze seines Staates wieder in die Wildniss hinaus. Er ahnt das alte Gesetz, 
dass die Zunahme der Menschen auf engem Boden den Einzelnen unfreier macht, 
rein räumliche Motiv der Absonderung wirksam. Kein Niederländer zweifelt daran, 
Auch hier ist das dass die Kolonisation seiner Vorfahren im Moorland auf grosser 
Hufe und im Einzelbof zusammen mit den schweren Anfängen und blühenden Er* 



Der Staat und sein Boden. 127 

gebnissen zur Entwickelung der politischen Uaabh'äDgigkeit der Niederländer we- 
sentlich beigetragen habe. 

i) Mit Ghamplain vergleiche die treffenden Bemerkungen über die französisch- 
indianischen Beziehungen bei Justin Winsor: The Mississippi fiasin. The Struggle 
between England and France 1697 — 4763. Boston 1895. S. H6 u. f. 

5) In meiner Anthropogeographie Bd. II habe ich im 8. Kapitel die Bezie- 
hungen zwischen Yolksdichte und Kulturstufe eingehend behandelt, wobei als ty- 
pische Yerhältnisse auf die Quadratmeile berechnet sich folgende herausstellten: 

4. Jäger- und Fischervölker in den Randgebieten der Oekumene 0,1 — 0,3; Jäger- 
völker der Steppen 0,1 — 0,5; Jägervölker mit etwas Ackerbau 10 — 40. Fischer- 
völker auf schmalen Küsten- und Flussgebieten bis 100. Hirtennomaden 40 — 100. 
Nomaden mit Ackerbau 200 — 300. Ackerbauer mit Anfängen von Gewerbe und 
Verkehr 100 — 300. Ackerbauer mit Fischfang bis 500. Länder des Islam im 
steppenhaflen Westasien und Sudan 200 — 500. Junge Länder mit europäischem 
Ackerbau 500. Klimatisch unbegünstigte Länder Europas ebensoviel. Reine Acker- 
baugebiete Mitteleuropas 4000, reine Ackerbaugebiete Südeuropas 4000. Reine 

Ackerbaugebiete Indiens bis 10,000. Gemischte Ackerbau- und Industriegebiete ^ 

5 — 6000. Gebiete europäischer Grossindustrie bis über 15000. 

6) Die Hausthiere und ihre Beziehung zur Wirthschaft des Menschen. Eine 
geographische Studie. 1 896. S. 390 u. f. 

7) Vambery, Das Türkenvolk. 1885. S. 171. 

8) Nomadenvölker arischen Stammes hat das Alterthum gekannt. Hätten 
wir nicht die Ueberlieferung davon, so müssten wir sie hypothetisch annehmen 
für jegliche Erklärung des Zusammenhanges europäischer und asiatischer Arier. 

9) PoTANiN, Das tangutisch-tibetanische Grenzgebiet Chinas und die Central- 
Mongolei. St Petersburg 1893. Leider nicht ins Deutsche übersetzt. 

10) The Unity of Law; as exhibited in the Relations of Physical, Social, 
Mental and Moral Science. By H. G. Garey, Philadelphia 1873. Besonders im 
Appendix B. Occupation of the Earth. 

11) GoQuiLHAT, Le Haut Gongo. S. 232 f. 

12) E. DB Laveletb, Das Ureigenthum D. Ü. von Dr. Kai;l R6cher 1879. 

5. 13. 

13) E. DB Laveleyb, Dasselbe Werk. S. 4. Der deutsche Uebcrsetzer und 
YervoUständiger dieses Buches hat in das Wesen der Eigenthumsformen tiefer ge- 
sehen. Seine Aeusserung, dass die Schärfe und Ausbildung des Eigenthumsbegrififs 
nicht nothwendig ein ausgebildetes Gultur- und Wirlhschnftsleben voraussetzt 
(D. Ü. S. 255), wirkt nach so manchen LAVELBTE'schen Ausführungen ernüchternd. 
Schade, dass sie in dem Gesammteindruck des Buches zu weit zurücktritt. 



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